Gegen das Milonga-Sterben

Und heute mal wieder ein bislang unveröffentlichter Text der Kategorie „Aus einer längst vergangenen Zeit“ (2019)


Die Berliner Tangoszene ist von einem Virus befallen: Dem Milonga-Sterben. Genauer gesagt werden die Milongas eigentlich „nur“ obdachlos, aber eine Milonga ohne Ort ist nun mal keine Milonga.

Die eine Milonga endet, weil der Mietvertrag nicht verlängert wird. Die andere, weil die Location renoviert werden muss – wie es danach weitergeht, weiß man nicht. Eine weitere Milonga gibt es auf unbestimmte Zeit nicht mehr, weil die Tangogäste dann eben doch zu wenig Umsatz gemacht haben, bei den Getränken versteht sich. Die nächste Milonga stirbt, weil einfach zu wenig Gäste kommen. Eine weitere findet diese Woche nicht statt, weil der Raum anderweitig benötigt wird – und sind wir ehrlich, so vermutlich gewinnbringender genutzt werden kann. Eine Traditionsmilonga kann dank großem Einsatz aus der Tango-Community gerettet werden, zwar nicht als wöchentliche, aber immerhin als zwei- bis vier-wöchentliche Veranstaltung.

Schaue ich auf Hoy Milonga sieht es manchmal traurig aus. Es ist nicht lange her, da hatten wir in Berlin mindestens zwei größere Milongas pro Abend, plus mehrere kleine. Im Moment wird es an manchen Abenden bereits knapp, dabei wurden die Eintrittspreise in der letzten Zeit schon deutlich angehoben, um gestiegene Kosten auszugleichen.

Fakt ist: Wir haben nicht nur zu wenig bezahlbaren Wohnraum, sondern auch zu wenig bezahlbaren Tanzraum in der Stadt.

Noch gibt es Menschen, die Hoffnung haben, die etwas möglich machen wollen, die mit Gaststätten verhandeln und mit Vermieter*innen, die Tische rücken, Böden in Augenschein nehmen, potenzielle Tanzflächen ausmessen und mutig neue Locations ausprobieren, wieder und wieder – auch auf eigene Kosten mit dem Risiko zu scheitern. Schöne Orte sind dabei, in guter Lage, wenn auch nicht alle. Sie bleiben dran, selbst wenn sie zum dritten Mal die Location wechseln müssen. Und sie sorgen so dafür, dass der Tango sich immer wieder neue Räume erschließt und wir Tänzer*innen nicht irgendwann der immer gleichen, sich wiederholenden Tango-Orte überdrüssig werden. Nicht selten fällt nach einigen Versuchen die Entscheidung: Es wird nicht weitergehen, ihr trinkt und esst einfach zu wenig. Wobei man sich manchmal fragt, wie viel ein jeder Gast essen und besonders trinken müsste, damit es unterm Strich passen würde.

Trotzdem: Mein Dank gilt allen Organisator*innen und Veranstalter*innen, die den Tango immer wieder auf’s Neue möglich machen. Gerade jetzt, wo es nicht mehr einfach ist. Der Platz wird rarer, die Luft wird dünner, doch es gibt noch Räume, in denen wir tanzen können. Auch wenn – wie man hinter vorgehaltener Hand hört – der eine oder andere bereits am seidenen Faden hängt.

Das strukturelle Problem bleibt und muss wohl auch auf struktureller Ebene gelöst werden. Es betrifft nicht nur den Tango und den Wohnraum, sondern ebenso andere Projekte, Einrichtungen und Aktivitäten in unserer Stadt. Doch können wir auch individuell im Kleinen etwas tun, denn am Ende sind wir alle gefragt, z.B. wenn wir Locations kennen, an denen Tango getanzt werden könnte, sodass der Tango im Zentrum der Stadt bleibt – in Reichweite und nicht verdrängt an die Peripherie, wie es in manch anderen europäischen und internationalen Städten schon der Fall ist. Auch können wir unterstützen, indem wir uns als Gäste das ein oder andere Getränk kaufen und so den Umsatz stärken. Schließlich wollen wir alle auch weiterhin Tango an unterschiedlichen Orten erleben, mit unterschiedlichen Atmosphären von verschiedenen Veranstalter*innen und das möglichst an jedem Tag der Woche.

Que siga la milonga! Hasta la milonga siempre!


…und dann kam Corona.

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