Tanguero und der graue Herr

Oder Die Stunde der Wahrheit

Als ich irgendwann im Jahr 2019 diesen Text schrieb, ahnte ich nicht, wie schnell die von dem grauen Herren kritisierte Zeitverschwendung durch Tango der Vergangenheit angehören würde. Ob der graue Herr nun mit uns Tango-Verrückten zufrieden wäre?



Immer wieder höre ich von Tangobekannten, dass sie zukünftig weniger tanzen wollen, weniger Unterricht nehmen, weniger auf Milongas gehen. Kurzum weniger Zeit mit dem Tango verbringen. Manche sieht man tatsächlich kaum noch. „Das führe doch alles zu nichts“, so oder so ähnlich begründen sie ihren Sinneswandel. Was mag da wohl dahinterstecken, frage ich mich und stelle mir das Geschehene in etwa so vor:

Der graue Herr war aus dem Nichts erschienen. Ganz plötzlich stand er mit seiner bleigrauen Aktentasche vor Tanguero. Sein Anzug war grau, sein Hut war grau und sogar seine Augen waren aschgrau. Aus seiner Aktentasche zog er geschwind ein Notizbuch, einen Taschenrechner und einen Stift. Dann zündete er sich eine kleine ebenfalls graue Zigarre an, hob die Augenbrauen und begann: „Herr Tanguero, guten Tag. Ich muss mit Ihnen sprechen. Ich habe mir Ihre Zeit-Bilanz der letzten fünf Jahre angesehen und sie ist katastrophal. So kann es nicht weitergehen, Herr Tanguero. Sie sind knietief im Minus. Nicht um Minuten oder Stunden, sondern um Wochen und sogar Monate. Deshalb haben wir im Zeit-Ministerium, wo wir Ihre Zeit verwalten, entschieden, dass wir dringend Maßnahmen ergreifen müssen.“

Tanguero war verdutzt, er verstand nicht recht, worüber der Herr sprach und fragte zögerlich: „Wer sind Sie denn?“ „Wer ich bin, ist unerheblich“, sagte der graue Herr trocken, „es geht um Folgendes: Jeder Mensch verfügt über eine gewisse Zeit, also auch Sie, Herr Tanguero. Das Zeit-Ministerium achtet darauf, dass Sie diese Zeit sinnvoll nutzen. Wenn Sie das tun, ist Ihre Bilanz ausgeglichen. Wenn nicht, müssen wir Maßnahmen ergreifen und deshalb bin ich heute hier.“ „Aha?“, Tanguero verstand noch immer nicht recht.

Der graue Herr fuhr unbeirrt fort: „All die Zeit, die Sie für diesen Tango verschwenden, ist einfach weg, verloren, auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Dieser Zeit steht in Ihrer Bilanz kein Gegenwert gegenüber. Ganz zu schweigen vom Geld, das Sie dafür aufwenden, aber das liegt zum Glück nicht in meiner Zuständigkeit.“

„Aber, aber….“, wollte Tanguero protestieren und wurde direkt wieder unterbrochen: „Wollen Sie etwa sagen, Sie hätten einen Nutzen von diesem Tango? Lassen Sie es uns genauer anschauen. Was haben Sie von diesem Getanze?“

„Nun ja, es macht mir Freude“, erwiderte Tanguero. „Zeitvertreib, also“, sagte der graue Herr verächtlich und machte sich rasch eine Notiz. „…und ich treffe dort viele meiner Freunde.“ „Sozialleben, nun gut“, der graue Herr machte ein Häkchen in seinem Notizbuch. „Ah, und gesund ist es auch“, sagte Tanguero schnell. „Gesundheitsvorsorge, das ist ein valider Punkt“, der graue Herr schien erstmals ein bisschen zufrieden. „Und weiter?“ „Hm, nun ja….“ Tanguero stockte… „Wollen Sie professionell mit Tango arbeiten?“ fragte der graue Herr, bevor Tanguero weiter nachdenken konnte. „Nein, also bisher war das nur ein Hobby, aber wer weiß…“ „Lassen Sie mich anders fragen: Ist es realistisch, dass Sie professionell mit Tango arbeiten?“ „Hmm, ich weiß nicht…“ „Nur zur Erinnerung: Sie sind 34 Jahre alt, Sie haben keine professionelle Tanzausbildung, Sie haben mit einem exorbitanten Zeiteinsatz in den letzten fünf Jahren ein ordentliches Amateurniveau in diesem Tanz erreicht, ich frage Sie erneut: Ist es realistisch, dass Sie professionell mit Tango arbeiten?“ „Naja, vermutlich nicht.“ „Gut. Ich sehe, wir verstehen uns. Und nur am Rande, selbst wenn, wäre der finanzielle Gegenwert vermutlich minimal, aber die Finanzen sind ja, wie schon erwähnt, zum Glück nicht mein Metier.“ Der graue Herr räusperte sich und fasste schnell zusammen: „Das ist also alles: Zeitvertreib, Sozialleben und Gesundheitsvorsorge.“ Er hielt kurz inne, tippte ein paar Zahlen in seinen Taschenrechner, schrieb etwas in sein Notizbuch und fuhr dann fort: „Kommen wir nun also zum Ergebnis unserer Bestandsaufnahme: Sie haben Glück gehabt, sie können weiter tanzen, aber um die drei eben genannten Ziele zu verfolgen reicht es wenn Sie…..“ er stoppte und warf einen Blick auf seinen Taschenrechner, „…wenn Sie 2x pro Woche tanzen gehen und nicht wie bisher während der Woche fast jeden Abend und dann auch noch quasi das ganze Wochenende.“ „Aha, und was mache ich dann in der anderen Zeit?“, fragte Tanguero. „Sehr gute Frage, genau die richtige Frage“, sagte der graue Herr erfreut, „darüber sprechen wir jetzt: Was tun Sie mit der gesparten Zeit? Lassen Sie uns zunächst schauen, wo Sie aktuell stehen. Beginnen wir mit Ihrem Beruf. Wie ich sehe, haben Sie dort in den letzten fünf Jahren kaum Fortschritte gemacht. Keine Beförderung, keine große Gehaltserhöhung, keine neue Stelle mit mehr Verantwortung. Sie sind jetzt 34 Jahre, wollen Sie immer der kleine Projektmitarbeiter mit mickrigem Gehalt bleiben, der sie aktuell sind? Wo ist Ihre Motivation? Wofür haben Sie denn studiert? Soll etwa auch diese Zeit verloren gewesen sein?“ „Naja…“ „Sie müssen mehr investieren, Herr Tanguero. Bewerben Sie sich auf eine neue Stelle, machen Sie Überstunden, ziehen Sie neue Projekte an Land, damit Sie auf der Karriereleiter nach oben steigen.“ „Hm.“ „Gut, und nun zum Thema Partnerschaft. Wie ich sehe, waren sie in den letzten Jahren ständig verliebt und zwar pro Abend in zehn verschiedene Frauen für jeweils genau zehn Minuten. Meinen Sie das führt zu etwas?“ „Nein, aber das ist eben so beim Tango.“ Der graue Herr ließ sich nicht beirren: „Haben Sie denn nun eine feste Beziehung?“ „Nein.“ „Wissen Sie denn nicht, dass es für Sie an der Zeit ist, zu heiraten und eine Familie zu gründen? Verpassen Sie das nicht, Herr Tanguero.“ „Aber beim Tango hätte ich doch jemand kennenlernen können….“ „Papperlapapp, Sie haben dort in fünf Jahren niemanden für eine ernsthafte Beziehung kennengelernt, warum sollte das also in der Zukunft passieren. Suchen Sie einen anderen, effizienteren Weg.“ Der graue Herr zog hastig an seiner kleinen Zigarre und sprach weiter: „Außerdem habe ich mir Ihre Schlafbilanz angeschaut. Äußerst bedenklich. Dunkelrot. Sie müssen sie unbedingt ausgleichen und zwar schleunigst. Nutzen Sie einen Teil der gesparten Zeit, um in Ihrer Schlafbilanz die schwarze Null zu erreichen und dann achten Sie darauf, dass Sie nicht wieder ins Minus rutschen.“ „Ich weiß, Schlaf war etwas knapp die letzten Jahre“, gab Tanguero zerknirscht zu. „Na, dann sind wir uns ja einig“, sagte der graue Herr. Er machte sich erneut einige Notizen.

Schließlich öffnete er seine Aktentasche und nahm ein Papier heraus. Er hielt es Tanguero hin: „Bitteschön, hier ist die Vereinbarung. Darin sind alle Maßnahmen festgehalten, die wir besprochen haben, damit Sie schnellstmöglich in Ihrer Bilanz wieder auf Null kommen. Sie unterschreiben hier unten und alles ist geregelt. Ich fasse die Vereinbarung kurz für Sie zusammen, damit Sie sie nicht durchlesen müssen: Sie tanzen maximal noch 2x pro Woche. Mit der gesparten Zeit kümmern Sie sich um eine ordentliche Beziehung, bringen Ihre berufliche Karriere voran und gleichen Ihr Schlafdefizit aus. Ich weise zudem darauf hin, dass der Vertrag Vertragsstrafen enthält, sollten Sie die gesparte Zeit, nicht wie abgesprochen, sondern – so wie die meisten meiner aktuellen Fälle – mit nutzlosem Netflix Bingewatching verbringen. Mit Ihrer Tanzerei sind Sie im Moment eher die Ausnahme bei den Zeitverschwendern, Herr Tanguero. Doch das macht es nicht besser. Haben Sie die Vereinbarung verstanden?“ „Ja.“ „Gut, dann unterschrieben Sie bitte hier.“ Tanguero nahm zitternd den Stift und setzt seine Signatur auf das Papier.“ „So ist es fein“, sagte der graue Herr zufrieden. Er packte Vertrag, Notizbuch, Stift und Taschenrechner eilig zurück in seine Aktentasche, drückte seine Zigarre in der Luft aus und war so unversehens verschwunden, wie er gekommen war.

Und Tanguero… er teilte seinen Tanzpartnerinnen unmittelbar mit, dass er ab jetzt nur noch 1x pro Woche für Tango-Kurse zur Verfügung stehen würde und dass er auch nur noch 1x pro Woche auf eine Milonga gehen könne. Es sei einfach an der Zeit, dass er in seinem Leben vorankomme, denn diese Tanzerei führe ja auf Dauer zu nichts.

Credits:
Die Figur des grauen Herren orientiert sich an den grauen Herren in Michael Endes Buch Momo, wobei ich ein paar Abwandlungen vorgenommen habe. Die ganze Szene zwischen dem grauen Herren und Herrn Tanguero ist inspiriert vom Besuch eines grauen Herren beim Friseur Fusi im Buch Momo. Wer die Geschichte von Momo nicht kennt, dem sei die Lektüre wärmstens ans Herz gelegt, insbesondere Erwachsenen.

Ein Kommentar zu „Tanguero und der graue Herr

Gib deinen ab

Schreibe eine Antwort zu Jochen Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: