Milongatypen #18: Die Prinzessin auf der Erbse

Den ganzen Abend sitzt sie schon neben mir, getanzt hat sie noch nicht. Dabei glaube ich, dass sie nicht schlecht tanzt, attraktiv ist sie auch und sehr introvertiert. Leicht fällt es ihr nicht, die Herren anzuschauen und sich einen herauszupicken, den sie zum Cabeceo auffordern will, erzählt sie mir. Eigentlich sind sie ihr auch alle nicht gut genug. An jedem, der an uns vorbeitanzt, hat sie etwas auszusetzen: Der eine verbiegt den Arm seiner Tanzpartnerin, der nächste hat kein Gefühl für die Musik, der dritte den Kopf zu weit vorne und der vierte ist unmöglich gekleidet. Alle Herren, die sich auf Cabeceo-Nähe unseren Stühlen nähern, ignoriert sie. Meist schaut sie nur kurz hin und ganz schnell wieder weg. Dann erklärt sie mir, warum sie mit diesem oder jenem nicht tanzen kann oder sagt, sie sei einfach nicht in der Lage da so lange hinzuschauen, dass der Mann eine Chance auf einen Cabeceo mit ihr hat. Es sei nunmal auch nicht einfach, der Tango sei so nah, so intim, das gehe nicht mit jedem. Das will gut überlegt sein, doch zum Überlegen lasse der Cabeceo so wenig Zeit. Also sitzt sie eben und sitzt und sitzt. Das scheint ihr aber nichts auszumachen. Besser gut sitzen als schlecht tanzen, erklärt sie, und betont erneut, wie schrecklich es für sie sei, wenn sie sich in einem Tanz nicht 100% wohlfühle. Und das wisse man ja vorher nicht. Ach wenn es nur ein Frühwarnsystem gäbe, dann wäre es so viel einfacher.

Sie bestellt sich ein Getränk und lehnt sich auf ihrem Stuhl gemütlich zurück. „Da weiß ich wenigstens, was ich habe“, sagt sie und zeigt auf ihr Glas Sekt. Manche denken, sie sei arrogant, das stimme aber gar nicht, sie sei einfach nur sensibel und sehr schüchtern, redet sie weiter. Ach und die Musik, sie könne numal nicht auf jede Musik tanzen, zu schnell und rhythmisch geht nicht, zu flach romantisch-verklärt geht nicht, Milonga geht sowieso nicht. Schließlich will sie ja elegant aussehen, wenn sie tanzt.

Eine Stunde später. Sie hat noch immer nicht getanzt. Sie flüstert mir nach einer erneut ungenutzt verstrichenen Aufforderungsphase zu: „Ich warte auf einen ganz bestimmten Tänzer. Ich habe ihn vorhin gesehen. Mit ihm ist es immer schön, mit ihm möchte ich heute tanzen. Leider sitzt er weit weg. Wenn er nicht zu uns rüber kommt, dann tanze ich heute eben nicht.“

Kurz vor Ende der Milonga erscheint ein Mann am Rande unserer Stuhlreihe, ihr Märchenprinz, er schaut sie an, sie strahlt und nickt. Nach der Tanda kommt sie glücklich von der Tanzfläche: „Hach, das war schön, das hat sich gelohnt. Nun kann ich nachhause gehen.“ Sie nimmt ihr Tasche und verlässt vollends zufrieden die Milonga.

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