Tango-Disneyland

– Gedanken aus der Prä-Corona-Zeit –

Die einen pilgern nach Mekka, die anderen nach Jerusalem, wieder andere nach Rom oder zum Bodhi-Baum, echte Yogis müssen mal in Indien gewesen sein und Tango-Aficionadxs? Na klar, in Buenos Aires. Kaum ein*e Tango-Lehrer*in, auf dessen*deren Website nicht mindestens ein längerer Buenos Aires-Aufenthalt herausgestellt wird und kaum ein*e langjährige*r Tanguerx, der*die nicht zumindest mal mit dem Gedanken gespielt hat, dorthin zu reisen.

Doch warum eigentlich? Oft heißt es, um dort den „wahren Tango“ zu erfahren. Das klingt schön und ist doch nicht wirklich wahr. Zwar ist die Region rund um den Rio de la Plata die Wiege des argentinischen Tangos, doch heutzutage ist Tango ein weltweites Phänomen, das sich keinesfalls auf diese Region beschränken lässt.

Tango was an immigrant music… so it does not have a nationality. Its only passport is feeling.
(Carlos Gavito)

Für Tango-Touristen ist es zwar ein schönes Erlebnis, die altehrwürdigen Milongas zu besuchen und andere Tango-Gedenkstätten, wie zum Beispiel Gräber von Tango-Größen auf dem berühmten Friedhof Chacarita. Doch die bekannten Tango-Lehrerpaare treffen sie fast schon mit höherer Wahrscheinlichkeit auf einem Festival in Europa an als bei ihrem Besuch in Buenos Aires.

Ein Fakt, den auch einige argentinische Tänzer*innen negativ anmerken: Früher seien die guten Lehrer*innen vor Ort gewesen, wer bei ihnen Unterricht haben wollte, sei aus aller Welt nach Buenos Aires gereist. Auch deshalb waren die argentinischen Tänzer*innen so gut, denn sie konnten dauerhaft von diesem Unterricht profitieren. Heute seien die guten Lehrer*innen hauptsächlich im Ausland unterwegs, u.a. infolgedessen sinke das durchschnittliche Tanzniveau in Buenos Aires. Dabei geht es eher um die „normalen“ Milonguerxs. Neue argentinische Tango-Superstars gibt es natürlich immer wieder. Aus Argentinien zu stammen, gilt nach wie vor als Vorteil, um professionell in der Tangowelt Fuß zu fassen, sei es als Showtänzer*in oder als Lehrer*in.

Wer mich kennt oder diesen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich selbst ein großer Fan vom Tango in Buenos Aires bin. Mir gefällt die Atmosphäre, mir gefällt die Art, wie dort getanzt wird, ich mag die Mentalität der Menschen, ihr Verständnis des Tangos, die Internationalität der Szene und ich mag es auch, dort für deutlich weniger Geld als in Europa guten Unterricht zu bekommen.

Gerne gebe ich mich als Tango-Touristin dann der Illusion hin, dort näher am „echten Tango“ zu sein. Aber das ist eben in großen Teilen nur eine Illusion und das wird mir schlagartig noch bewusster als innerhalb von zwei Tagen gleich zwei Argentinier in Buenos Aires zu mir sagen:

„Danke, dass du hierherkommst, um zu tanzen und um zu lernen. Ohne Menschen wie dich, gäbe es das alles hier nämlich gar nicht.“

Autsch. Tief in meinem Inneren weiß ich, dass sie Recht haben. Aber hören möchte ich das natürlich nicht. Ich bin schließlich hier, um etwas „Ursprüngliches“ zu erleben, was es schon immer gab (solange es den Tango gibt, zumindest), und nicht etwas, was nur existiert, weil ich und viele andere dorthin kommen, um danach zu suchen. Etwas, was extra für uns am Leben gehalten wird. Mir wird ein bisschen schwindelig bei dem Gedanken.

Ich bin also in „Tango-Disneyland“. Etwas enttäuscht halte ich mich an dem wenigen fest, was in Buenos Aires wirklich einzigartig ist: U-Bahnstationen mit Tango-Namen zum Beispiel, Standbilder von Tangomusikern auf der Straße, aber auch alte Milongueros, die bereits seit 60 Jahren Tango tanzen. Das gibt es nun wirklich nur hier… aber das stirbt mehr und mehr aus, es ist nur eine Frage der Zeit, denke ich weiter.

Natürlich würde in Buenos Aires auch Tango getanzt werden, wenn Menschen wie ich nicht dorthin „pilgern“ würden. Nur eben deutlich weniger. Große Locations wie Salon Canning oder La Viruta könnten ohne internationale Gäste kaum überleben. Es gäbe viel weniger Milongas und auch deutlich weniger Lehrer*innen. Stattdessen vielleicht mehr echte Barrio-Milongas. Doch was bedeutet in dem Zusammenhang eigentlich „echt“?

„It’s all real, as far as I can see.“
(Thomas Merton auf die Frage, ob er auf seiner Indien-Reise eigentlich das „echte“ Indien erlebt habe)

Also, Tango-Disneyland. Ich versuche, mich mit dem Gedanken anzufreunden und auf einmal wirkt er nicht mehr ganz so abstoßend. Ja, es wurde hier eine einzigartige Infrastruktur geschaffen, die die Nachfrage der internationalen Tangogäste bestens erfüllt und die vielen Argentinier*innen, die den Tango lieben, die Möglichkeit gibt, davon (zumindest zum Teil) zu leben. Angefangen von Tangomode und -schuhen, über Milongas, Unterricht, Konzerte, Taxitänzer und Tangoshows. Zudem würden ohne den internationalen Flair des Tangos in Buenos Aires sehr wahrscheinlich auch weniger junge Argentinier*innen vom Tango angezogen werden.

Tango ist eben kein totes Objekt, wir können ihn nicht erleben, ohne ihn zu verändern.

Gleichzeitig haben wir Besucher*innen in Buenos Aires die Möglichkeit, uns für einen akzeptablen Preis ganz auf diese Tangowelt einzulassen: Tanzen, Lernen, Üben, Kontakte knüpfen, eine gute Zeit haben. Wir treffen hier auch unseresgleichen, das ist Teil des Spiels, und lässt uns uns mehr zuhause fühlen. Gemeint sind Menschen, die wir von Events in Europa, den USA oder Asien kennen. Andere Tango-Pilger, so wie wir.

Vielleicht ist Tango in Buenos Aires am Ende einfach das: Ein Treffpunkt für Tango-Verrückte aus aller Welt, mit einer Prise Originalität und einer nahezu perfekten, extra dafür gestalteten Infrastruktur. Und vielleicht ist das auch genau richtig so.

People talk about styles of tango, but there is only one tango. It accommodates itself to every place and every era.
(Eduardo Arquimbau)

3 Kommentare zu „Tango-Disneyland

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  1. Die Zeit bleibt nicht stehen – wer pilgert nach England um den „Englischen Fußball“ zu erleben? Ich konnte nie zum Tango nach BsAs pilgern – sah aber auch Anzeichen dafür, dass es sich um eine für Touristen erschaffene Infrastruktur handelte. Nun, man wird jetzt unausweichlich sehen was geschieht, wenn der „Argentinische Tango“ zeitweise auf seine lokalen Wurzen zurück geworfen wird. Immerhin kommt dort jetzt der Sommer und die Situation wird besser.

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  2. Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich mich an dieser Stelle einklinken sollte. Und etwas formulieren sollte, dass ich schon seit Anfang des Jahres, aus der Zeit vor Corona, mit mir herumtrage.

    Ich weiß nicht, ob das jetzt als Kommentar sinnvoll ist, oder ob es nicht fast ein eigener Beitrag wäre: Die Welt jenseits des Tango-Disneylands

    Ja, es gibt das Tango-Disneyland in Buenos Aires. Und es ist wichtig, weil es viele in der Stadt ernährt. Es ist für den Tange lebensnotwendig. Und es ist für viele Portenos unerschwinglich. Es gibt aber auch die Tango Welt jenseits des Disneylands, den „ursprünglichen“ Tango. ich nenne ihn bewusst nicht den „echten“ Tango. Denn alle Facetten gehören zum Tango und beide Welten sind untrennbar miteinander verwoben. Und doch getrennt.

    Um diese Seite der Tango-Welt zu erfahren sollte man die Szene der bekannten Milongas meiden und zunächst die Stadt und ihre Einwohner kennenlernen. Und dann in die Milongas der Barrios gehen. Es ist gerade für uns Deutsche wichtig ein Gespür für die ökonomische Situation des Landes zu entwickeln – Anfang des Jahres eine Inflation von fast 10% monatlich! Inklusive, wieder einmal, einer Staatspleite (=kein funktionierendes soziales Netz). Und zu entdecken, wie Argentinier damit umgehen und trotz aller Nöte noch eine gewisse soziale Wärme im Umgang miteinander bewahren können. Langsam wird man dann auch eines unserer wichtigsten Missverständnisse bezüglich des Tangos entdecken: die Annahme, dass es beim Tango in Argentinien nur um einen Tanz geht.

    Für Argentinier ist Tango sehr viel mehr als nur ein Tanz. Es ist ein Lebensgefühl, eine Form des Zusammenkommens mit Freunden, kulturelle Identifikation, Musik – und Tanz. Wer außerhalb des Disneylands eine Milonga besucht, tut dies, um einen schönen Abend mit Freunden zu verbringen, etwas Besonders außerhalb des tristen Alltags zu erleben, sich zu unterhalten, ein gemeinsames Lebensgefühl in der Melancholie der Musik und der Texte zu leben – und zu tanzen. Die kleine Flucht aus den verdammten Sorgen und Überlebenskämpfen des Alltags. Wer das live erleben darf, spürt auf einmal, wie viele Diskussionen um Tango bei uns am Thema vorbei gehen. Tanzniveau? Auf das Gefühl kommt es an, auf den Ausdruck. Musik zum Tanzen oder zum Zuhören? Beides. Wenn eine Frau, denen das Leben die Spuren ins Gesicht geschrieben hat, nur von Gitarre begleitet live ein Lied voller Emotionen singt, dann kommt niemand auf die Idee zu tanzen. Dann hören alle mit Gänsehaut und in sich gekehrt zu. Und wenig später wird zu Rock`n Roll abgehottet, auch das gehört dazu. Ein Tanz zu einem traditionellen Tango fühlt sich danach ganz anders an. Ronda? Wenn in den Vororten die Tanzfläche frei ist – wozu? Rücksicht auf andere ist selbstverständlich, man wartet ja auch diszipliniert in einer Schlange auf den Bus. Dann ergibt sich die Ronda von allein, wenn es voller wird. Cabeceo? Ja, wenn es passt. Wenn es nicht passt, geht es auch anders. Höfliche und soziale Umgangsformen sind selbstverständlich. Kleidung? Wer kann, macht sich fein, keine Verkleidungen. Und wenn es das beste Hemd von Kik ist. Die Milonga soll schließlich ein besonderer Moment des Tages sein. Wer nicht kann – so what?

    Ich könnte viele persönliche Erlebnisse dazu erzählen, aber das würde hier zu weit führen. Vom Taxifahrer, der nachts noch schnell seine Freunde auf einer Milonga besucht und seiner Frau erzählt wie schlecht mal wieder die Nachtschicht war. Vom Porteno, der in einem unbedachten Moment zugab Angst zu haben mit unseren Frauen zu tanzen, weil sie so viele komplexe Figuren beherrschen. Von der leisen und verklausulierten Bitte einmal zur La Viruta eingeladen zu werden, weil man sich das sonst nicht leisten kann. Vom Busfahrer, der extra von seiner Route abweicht und drei Blöcke weiterfährt, damit wir nicht zu Fuß durch die dunklen Ecken des Barrios müssen. Vom alten Herrn, der, aufs Feinste angezogen, vor dem Toilettenhäuschen in einem Park auf seine Frau wartete. In der einen Hand die Tangoschuhe, die andere Hand zitternd vom Parkinson. Von der lauen Nacht im Tigre Delta, wo bei Lagerfeuer Romantik im Freien mitten in der Nacht auf einmal Tangos gesungen wurden. Und bei Volver alle mitsangen.

    Der Kontrast zum Plastik-Lächeln der frustriert auf Tanzpartner wartenden Frauen im Salon Canning hätte größer nicht sein können.

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