Wir brauchen mehr Milongueras und weniger Ballerinas

Vorab: Nichts gegen Ballerinas!

Ballerinas stehen im heutigen Tango hoch im Kurs. Kein Wunder, schließlich sieht ihr Tanz einfach hübsch und elegant aus. Die Füße gestreckt, der Fußspann gebogen, die Beine lang, der Oberkörper aufrecht, der Hals gereckt und die Balance gut. Fast ein bisschen elfengleich schweben sie über’s Parkett.

Die Ballerina-risierung der Milonguera

Man spricht davon, dass aktuell eine „Escenario-sierung“ des Tangos stattfinde. Einfacher ausgedrückt: Figuren und Bewegungen, die noch bis vor einigen Jahren der Bühne vorbehalten waren und von „einfachen Milonguerxs“ quasi gar nicht getanzt wurden, finden immer mehr Eingang in den Alltagstango. Ballerinas sind dafür natürlich bestens geeignet. Komplizierte Kombinationen und sogar Hebefiguren sind für sie schließlich nichts grundsätzlich Neues.

Tatsächlich gibt es nicht erst heute Gemeinsamkeiten zwischen dem Tango und dem klassischen Tanz, wie mir auch Tangolegende El Chino Perico im Dezember 2019 auf einer Milonga in Buenos Aires bestätigte. Es ist also kein Wunder, dass viele Tangoprofis einen Balletthintergrund haben und dass auch die gefeierten Sternchen auf den lokalen Milongas oft einige Jahre intensiven Ballettunterricht durchlaufen haben.

Und doch steckt in der Ballerina-risierung der Milonguera durchaus eine Schattenseite, denn es gebe fundamentale Unterschiede zwischen Ballett und Tango und zwischen Ballerinas und Milongueras, betont Tango-Tänzerin und Lehrerin Paola Tacchetti, der ich auch die Inspiration zum Titel dieses Blogposts verdanke.

Unterschiede zwischen Ballett und Tango

Während das Ballett nach außen gerichtet ist – „Alles geht in den Raum hinein“, wie meine Ballettlehrerin stetig wiederholte -, richtet sich der „Sozial-Tango“ eher nach innen, in die Intimität, er bleibt im Paar. Während Ballett für Zuschauer*innen getanzt wird, fokussieren die Tänzer*innen im Tango auf sich selbst, ihre Partner*innen und die Ronda. Das Drumherum verschwindet. Zudem orientiert sich das Ballett nach oben, will die Schwerkraft überwinden, „leicht“ sein, während der Tango auch nach unten geht, den Boden und die Verbindung zur Erde sucht (vgl. dazu auch das Interview mit Michaela Böttinger).

Konsequent weitergedacht heißt das: Ballerinas und alle, die ihnen nachstreben, werden auch im Tango – der Außenorientierung des Ballett folgend – tendenziell zu Ornamenten, zu Dekoration. Sie sehen hübsch aus, machen elegante Füße und nette Verzierungen, die vor allem die Führenden nicht stören. Sie werden zum schönen Beiwerk des Tanzes, leicht, unkompliziert, schmückend. Tanzpartnerinnen, mit denen man „alles“ machen kann (auf der Tanzfläche, versteht sich). Böse Zungen sagen, die Inflation der „Ballerinas“ bzw. das Idealbild der Tanguera als Ballerina führe auch dazu, dass die Herren nicht mehr wirklich führen lernen. Denn „Ballerinas“ machen es ihnen zu leicht. Dementsprechend ist oft auch der Technikunterricht für Frauen gestaltet. Es geht um Fußstellungen, stabile Achse, lange Beine und nette Verzierungen. Alles für sich gesehen in Ordnung, doch wenn die Rolle der Folgenden darauf reduziert wird, ist das eben nur die halbe Wahrheit. Interessant auch, dass zum Beispiel die Maestra Graciela Gonzalez, die als Begründerin der Frauentechnik im Tango gilt, bereits seit Jahren stattdessen lieber „Anti-Technik“ für beide Rollen unterrichtet – zurück zu natürlichen Bewegungsabläufen statt überstreckten Füßen.

Zurück zur Essenz der Milonguera

Und Milongueras? „Die Milongueras hauen dich um“, kann man in einem Interview mit José Luis Ferraro, einem argentinischen Tangotänzer lesen. Milongueras zeichnen sich durch ihre Persönlichkeit und ihren Charakter aus, nicht durch ihren Tangostil, denn in dem passen sie sich ihrem jeweiligen Partner an. Milongueras sind unglaublich stolz, präsent im Tanz, nehmen sich Raum und erlauben es sich, zuweilen sogar ein bisschen unbequem zu sein, besonders für den Führenden. Vielleicht auch, weil Frauen in den alten Tangotagen weniger geübt haben als Männer und allein daher anspruchsvoller zu führen waren. Der Führende musste sich stärker auf sie einstellen. Männer haben das damals jedoch nicht – wie es heute manchmal der Fall ist – als Gelegenheit gesehen, die Frau auf der Milonga zu unterrichten. Im Gegenteil alte Milongueros sagen sinngemäß: „Wer bin ich, den Tanz einer Frau zu ändern. Entweder ich tanze gerne mit ihr, dann nehme ich sie, so wie sie ist, oder eben nicht, dann lasse ich es.“ Manche alte Milonguera soll eine solche Aura umgeben haben, dass kein Tänzer jemals auch nur gewagt hätte, sie zu kritisieren.

Kleine Anmerkung: Hier geht um den Tanz auf Milongas, nicht um Tanzpaare, die professionell miteinander arbeiten.

„Ich bin stolz darauf, eine Milonguera zu sein. Das ist kein schlechtes Wort. Früher vielleicht, aber heute auf keinen Fall.“
(Ofelia Matera)

Die Milonguera der Zukunft?

Die Rückbesinnung auf die Identität der Milonguera, kombiniert mit der aktuellen gesellschaftlichen Feminismusbewegung in Argentinien, scheint etwas Neues entstehen zu lassen: Gestandene Tänzerinnen berichten, dass sie keine Lust mehr haben, im Tanz in erster Linie „leicht und easy“ zu sein und so zur „Hupfdohle“ ihres Partners zu werden, mit der man im Guten wie im Schlechten „alles“ machen kann. Gerade zu Beginn einer Tanda mit einem Fremden machen sie sich lieber etwas schwerer, um ihrem Partner zu signalisieren: „Ich bin keines dieser „Ballettmädchen“, du hast eine echte Milonguera vor dir, also tanze entsprechend und nimm‘ mich ernst.“

In Buenos Aires, so wie ich es Ende 2019 erlebt habe, war das Thema aktives Folgen oder empowered Following ganz groß. Viele Lehrer*innen unterrichten gezielt, wie Folgende im Tanz Vorschläge machen und wie Führende diese annehmen können. Lehrer*innen, die das gut vermitteln, werden weiterempfohlen, u.a. Ines Muzzopappa, Corina Herrera oder Rocio Lequio. Videos von Tänzerinnen, die dies auch in ihren Auftritten praktizieren werden studiert, u.a. Noelia Hurtado. „Stell‘ dir den Führenden in deiner Umarmung vor, nicht umgekehrt“ ist eine im Unterricht oft verwendete Anweisung oder auch „Suche die Musik, nicht die Führung“.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, dass Folgende alleine, also losgelöst von der Führung, tanzen, sondern dass sie mehr eigene Ideen in den Tanz einbringen, sodass der Tanz zum echten Dialog wird.

Manche nicht-argentinische Führende hörte ich dennoch klagen, dass argentinische Folgende sich teilweise zu sehr von der Führung „emanzipieren“. Möglich ist das. Schlägt ein Pendel bei Veränderung doch oft zunächst zu stark in eine Richtung aus, bevor es das neue Gleichgewicht findet. Eine andere Erklärung könnte sein, dass schlicht und einfach eine stärkere Präsenz der Führenden gefragt ist – und damit ist definitiv keine „Diktatorenführung“ gemeint. Tango ist und bleibt ein Paartanz. Wenn sich eine Rolle verändert, verändert sich auch die andere.

Doch, wie wird sie denn nun sein, die Milonguera der Zukunft? Hat sie die Persönlichkeit und den Charakter einer alten Milonguera, die Technik und Eleganz einer klassischen Ballerina und das Selbstverständnis einer modernen Feministin? Wer weiß… Es bleibt in jedem Fall spannend.

Ein Kommentar zu „Wir brauchen mehr Milongueras und weniger Ballerinas

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  1. Also aus meiner Erfahrung als double role Tänzer, Verzierungen sind nicht Dekoration, sondern ein Element der tänzerischen Interpretation der Musik, dem eigenen Drang entsprechend. Ist die Technik der möglichen Bewegungsabläufe automatisiert, passiert das fast allein, die Musik erzwingt es.
    Folgen ist immer aktiv, das meine ich auch bei den genannten guten Tänzerinnen zu sehen, tanzen ist eine kooperative Angelegenheit, beide müssen vorhersehend den/die andere/n spüren und eigenständig die Musik hören. Das reine Führen und Folgen Modell war noch nie richtig würde ich sagen.
    Raf

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