Milonga-Typen #14: Der Lehrer

Ihn gibt es leider viel zu oft. Besonders gern offenbart er sich bei Anfängerinnen. Wenn sie vorm nächsten Schritt unsicher zögern, ihn gar fragend anschauen, ist das der Startschuss für ihn. Sofort legt er los und erklärt ihr mitten auf der Tanzfläche und während der Tanda stolz den nächsten „Move“. Während sie das Erklärte ausführt, flüstert er ihr kleine Hilfestellungen ins Ohr. Gern führt er sein „mansplaining“ auch nach Ende der Tanda am Rande der Tanzfläche fort. Manch Anfängerin mag für diese Starthilfe sogar dankbar sein, bis sie hört oder selbst erkennt, dass eine Milonga kein adäquater Ort für solche Interventionen ist, und bis ihr bewusst wird, dass dieser selbsternannte Lehrer nicht unbedingt ihre erste Quelle sein sollte, um mehr über den Tango zu lernen.

Allerdings beschränkt sich dieser Typ nicht nur auf Anfängerinnen. Es gibt durchaus Exemplare, die auch erfahrene Tänzerinnen auf Milongas unermüdlich belehren. Was genau ihr Antrieb ist, konnte ich noch nicht ergründen. Kontrollzwang, Perfektionismus, übersteigertes Ego oder einfach der unerfüllte Traum vom Lehrer-Sein? Eines dieser Exemplare antwortete mir auf eben diese Frage:“Es ist schwer für mich, jemanden zu finden, dessen Tanz ich nicht ändern möchte.“ Nun, das verstehe sogar. Was ich nicht verstehe, ist, dass dieser jemand ungefragt aktiv wird, um auf einer Milonga den Tanz einer Partnerin zu ändern. So hören auch erfahrene Tangueras von diesen Möchtegern-Lehrern ab und an hoffentlich wohlgemeinte Hinweise wie: „Halt mich mehr fest!“, „Dissoziiere stärker“ oder besonders beliebt „Entspanne die Schultern“. Andere versuchen es auf nonverbalem Weg, was nicht wirklich subtiler ist. Da wird an der Dame herumgedrückt, die Umarmung hin- und hergebogen, böse Blicke gewechselt oder die Führung sogar bis hin zur Aggressivität intensiviert. So lange, bis sie endlich versteht, was er von ihr will, bis sie gelernt hat. Auf dem sanften oder eben dem harten Weg.

4 Kommentare zu „Milonga-Typen #14: Der Lehrer

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  1. Zu diesem Verhalten gehören immer Zwei, Belehrender und Belehrte! Der Preis für ein paar Tandas scheint mir oft für Damen zu hoch und ich fragte mich oft, warum sich Damen dieses Fehlverhalten gefallen ließen.

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  2. Das hab ich auch schon mehrere Damen gefragt. Die Antwort war meistens, lieber schlecht getanzt als gut gesessen. Da lässt man sogar selbst Hobby-Lehrer ran. Zweitens sind Anfängerinnen oft der Meinung, sie müssten dankbar sein zu müss für jeden Hinweis. Mit ein paar Jahren Tanzerfahrung relativiert sich das Ganze dann, dann merken sie selbst wie unangenehem das ist. Das mit einem charmanten Lächeln servierte „Danke, ich will nur tanzen, keinen Unterricht“ muss natürlich etwas geübt sein. 😉

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