»Es fällt mir schwer, die Melancholie des Tangos zu ertragen«

Jens Stuller, Tangotänzer und Neotango-DJ, Berlin

Schönes Wetter, eine Plastikplane, eine Verstärkerbox. Mehr braucht der Neotango-DJ Jens Stuller nicht für seine sonntäglichen Tango-Events im Stadtpark Steglitz. An Werktagen arbeitet der gelernte Radio- und Fernsehtechniker in einem Callcenter für ein TV-Unternehmen. In seiner Freizeit besucht er eine Literaturgruppe mit fünf Männern. So vielseitig wie Jens Stuller lebt, ist die Tango-Musik, die er liebt.

Jens Stuller (Selfie)

Wie geht es dir während der Corona-Tango-Auszeit?

Da ich schon seit einiger Zeit nicht mehr so intensiv tanze, sondern mich mehr mit der Musik und dem Auflegen beschäftige, kann ich damit umgehen. Wobei mir natürlich der Live-Kontakt fehlt. Wo ich jede Woche freitags im Haus der Sinne aufgelegt habe, finden jetzt keine Milongas statt. Ich habe versucht, dieses Nichts zu ersetzen, indem ich bis Ende Juni trotz Corona einmal pro Woche aufgelegt habe, auf einer Online-Plattform. Das nennt sich Streaming. Ich war dort, weil ich einige der DJ’s persönlich kenne und mich ihnen nahe fühle. Tango ist einfach ein Teil meines Lebens, weil ich mich ihm sehr verbunden fühle, nicht nur dem traditionellen Tango.

Du bist vom Standard-Latein über den Tango zum Neotango gekommen.

Die meisten Leute, die ich kenne, tanzen Tango. Tango finde ich spannender als Standard-Latein. Im Standard-Latein hat man die üblichen Figuren abgenudelt, das war es dann. Das ist im Tango kreativer. Das möchte ich nicht mehr missen. Ich habe 1996 bei Udo Hartmann Tango gelernt. Als ich erstmalig die Musik hörte, fühlte ich mich bedrückt. Es war ein melancholisches, trauriges, niedergeschlagenes Gefühl, wo ich dachte, so ganz meine Welt ist das nicht. Dann hat Udo Hartmann Milonga erklärt, das fand ich ganz lustig, wie Volksfesttanz. Dann gab es noch den Vals, das war wie Wiener Walzer, also auch ganz schön. Dadurch kam das mit dem Tango emotional wieder in Ordnung. Mit Neotango bin ich erst viel später in Berührung gekommen. Es war auf einer Open-Air-Tanzfläche und die Musik, die DJane Martine Gerlach Koygun auflegte, passte zu der drückend heißen Stimmung. Danach bin ich öfter zum Vollmondtango von Martina ins Tangoloft gegangen. Tangoloft war überhaupt so meine Welt. Da bin ich gern tanzen gewesen.

Wie fing das mit dem Auflegen an?

Zunächst habe ich im Café Rosenduft in Lichterfelde eine Milonga gemacht. Das war eine vermutlich die kleinste Milonga Berlins mit einer Tanzfläche von vier mal vier Metern. Mehr als vier Paare waren da nicht möglich. Dort habe ich alle zwei Wochen freitags mit der HiFi-Anlage aus meiner Küche CDs aufgelegt. Mein jüngster Sohn war immer dabei und durfte manchmal die Gäste bedienen. Als der Wirt nach ein paar Monaten eine Bio-Eistruhe auf die Tanzfläche stellte, war kein Platz mehr für Tango. Danach habe ich meine Milonga mittwochabends in dem Nachbarschaftszentrum der alten Villa Folke Bernadotte fortgesetzt. Donnerstags tanzte ich regelmäßig nach meinem eigenen Tangokurs im Nou, das damals noch in Charlottenburg war. Weil ich fand, dass zu wenig Neotango aufgelegt wurde, habe ich mir den Spaß gemacht, eine E-Mail an den Leiter Thomas Rieser zu schreiben, dass ich einen DJ aus Buenos Aires kennen würde, der 50% Neo und 50% traditionell auflegt. Dieser DJ war ich selbst. Bei meiner ersten dreistündigen Milonga im Nou kündigte Gaia Pisauro mich freundlicherweise als Jensito Stulleroso aus Buenos Aires an. Das funktionierte ganz prima. Anschließend habe ich mir die Milonga eine Zeitlang mit Thomas Rieser geteilt. Er hat anderthalb Stunden aufgelegt, und ich anderthalb Stunden. Das war sehr schön. Anderthalb Stunden sind überschaubar. Man hat noch genügend Zeit zum Tanzen. Am Anfang viel es mir schwer, nicht nach meiner eigenen Lieblingsmusik zu tanzen. Dann fand ich allmählich Freude daran, eine Welle auf der Tanzfläche zu enrzeuge, so dass die Leute auf die Tanzfläche gehen und erst einmal darauf bleiben. Das gibt mir auch heute noch den Kick. Plötzlich wird die Fläche voll, und ich schaffe es, die Leute darauf zu halten. Das ist einfacher, je mehr Leute im Raum sind.

Einen Gute-Laune-Zauberer hat der Journalist Thomas Kröter dich genannt. Was möchtest du anderen durch deine DJ-Tätigkeit geben?

Freude möchte ich geben. Nicht den traurigen Gedanken, den man tanzt, in die Herzen einpflanzen, sondern die Freude. Man kann anfangen, Ruhiges, Trauriges aufzulegen, aber es ist schön, mit einem Gefühl aus einer Milonga zu gehen, dass das, was man gerade gehört hat, angenehm in einem nachschwingt. Ich freue mich, wenn ich anderen Menschen das geben kann. Es fällt mir schwer, die Melancholie des Tangos zu ertragen. Ich kann das nicht. Es gibt Leute, die diese Grundhaltung kultivieren. Das kann ich nicht und muss ich nicht.

Wie war es für dich, Tango zu lernen?

Ich muss zugeben, ich war nie in meinem Leben eine Führungspersönlichkeit. Das fiel im Standard-Latein nicht so auf. Die Dame, die ich dabei hatte, konnte beide Rollen tanzen. Wenn ich sie in eine Figur geführt habe, hat sie diese brav zu Ende getanzt, auch wenn ich es vielleicht nicht geführt habe. Im Tango bin ich damit auf die Nase gefallen. Ich wollte beispielsweise geradeaus laufen, von rechts kam ein Paar und von links kam ein Paar, dann wurde aus meinem Geradeaus-Impuls ein Vielleicht-Impuls, und das ging nicht gut. Meine Partnerin wusste nicht, was sie machen sollte, und ich wusste nicht, ob ich immer noch geradeaus wollte. Das Vielleicht funktioniert im Tango nicht. Es war eine neue Erfahrung, bei der ich erst nicht so ganz verstanden habe, was da mit mir passiert. Meine Partnerin und ich, wir haben zwei Kurse gemacht. Dann sagte sie: »Jens, das geht nicht.« Ich wusste nicht, warum. Ich habe zwar gemerkt, dass ich mich nicht super wohl fühlte, aber ich wusste nicht, woran es lag. Heute ist mir das klar. Es gibt beim Tango eine definierte Rollenverteilung. Einer führt, der andere folgt. Was nicht heißt, dass der Folgende nicht spielerisch ausarbeitet, was geführt wird, und der Führende sensibel darauf eingeht. Aber damals wusste ich das noch nicht. Wir sind dann ab und zu tanzen gegangen. Wir hatten damals 1996 eine Frau in der Gruppe von Udo Hartmann, die immer gesagt hat: »Lass uns doch zur Freitagsmilonga gehen.« Die Freitagsmilonga war damals im Walzerlinksgestrickt. Da war die Lautsprecheranlage noch nicht so gut, sondern fürchterlich mittenbetont. Es schepperte, aber war okay. Als Gruppe haben wir uns gegenseitig aufgefordert. Das hat ganz gut funktioniert. Dadurch hatte ich einen sicheren Rahmen. Einmal habe ich eine andere Frau aufgefordert und merkte, das Tanzen fühlt sich überhaupt nicht gut an. Nach der Hälfte des Tanzes hat sie abgebrochen und gesagt: »Danke, das geht nicht.« Genau das habe ich auch gefühlt, bloß war ich zu höflich, es zu sagen.

Fehlte dir im Tango etwas, im Vergleich zu anderen Tänzen?

Es fehlte mir nichts. Im Gegenteil. Es war anders. Es gab diese Kreativität. Was mir fehlte, waren die Anfangserfolge. Am Anfang ist Tango für Männer extrem schwer, weil sie so viele Sachen im Kopf haben müssen. Sie müssen die Partnerein führen und ihre Figuren im Kopf haben, sie müssen ihre eigenen Figuren tanzen, sie müssen auf die Paare achten, die in nächster Nähe sind, sie müssen auf den Raum achten, wie man sich darin bewegt und natürlich auf die Musik. Das sind fünf verschiedene Sachen. Die Folgenden müssen nur in der Musik sein und die Verbindung mit dem Partner halten. Die Folgende muss natürlich auch aufpassen, dass sie nirgendwo anrempelt, wenn der Führende das nicht sehen kann. Aber nichtsdestotrotz glaube ich, die Führenden tragen mehr Verantwortung. Der Job der Führenden ist der härtere im Tango. Was nicht heißt, dass Folgen einfach ist. Ich mache inzwischen beide Rollen und sehe, dass Folgen durchaus sehr anspruchsvoll sein kann. Ich bin auch nicht gut darin. Tango war eine Bereicherung, bloß wie gesagt am Anfang sehr schwer.

Was ist für dich das Besondere am Tango?

Tanzen spielt seit meinem sechzehnten Lebensjahr eine Rolle in meinem Leben, bis auf die Zeit, als ich meine Familie gegründet habe. Da gab es andere Prioritäten als Tanzen, und ich habe mein jahrelanges Standard-Latein-Training im Verein abgebrochen. Ich liebe im Tango die Momente der Nähe. Das ist, wovon ich glaube, dass es ein Suchtfaktor ist. Ich suche sie gerne, auch wenn ich, seit ich in der Woche regelmäßig früh aufstehen muss, nicht so oft auf Milongas unterwegs bin, wie ich es gern wäre. Oder wie ich sein müsste, um besser zu tanzen. Ich habe gerne Spaß beim Tanzen, und freue mich, wenn ich eine Verbindung mit dem Partner hinkriege. Ich muss gar nicht unheimlich komplizierte Figuren tanzen. Eine Verbindung mit dem Partner in der Musik, das reicht mir völlig. Da fühle ich mich wohl.

Gab es so etwas wie einen schönsten Tangomoment für dich?

Ich erinnere mich an mehrere Momente im Tangoloft. Das ist meine Lieblingsmilonga, weil dort von Mona Isabelle Schröter und Henning Klose in angenehmer Weise gemischt aufgelegt wird. Sowohl traditionell, als auch Neo- und Nontango. Das Ambiente ist unvergleichlich schön. Ich kenne keine Milonga, die sowohl von der Dekoration als auch von der Art und Weise, wie mit den Gästen umgegangen wird, ein solcher Ort zum Wohlfühlen ist. Dort hatte ich meine schönsten Momente, in der Regel zwischen 2 und 4 Uhr, mit einer Partnerin, mit der ich eine gute Verbindung hatate, wenn nicht mehr viele Tanzpaare unterwegs waren. Ich hatte das Gefühl, mit der Tanzpartnerin, mit den anderen Menschen, mit der Musik und dem Raum eins zu sein. Das gibt einen irren Kick. So sind manchmal auch Freundschaften entstanden, wobei es im Tango nicht einfach ist, eine Freundschaft zu halten. Der Tango ist die eine Ebene, und das private, persönliche Leben die andere. Es ist den Menschen nicht immer gegeben, dass sie beide Ebenen gut bedienen können. So kann es sein, dasss die Partnerschaften im Tango nicht immer von ewiger Dauer sind. Aber es gibt auch Paare, die sich finden und zusammen bleiben. Die Beziehungen, in denen ich bisher war, waren keine kurzfristigen Sachen, aber auch nicht für die Ewigkeit. Im Moment habe ich eine besondere Beziehung. Meine Freundin wohnt 6.000 km weit weg in Montreal. Wir haben uns beim Embrace-Tangofestival in Berlin kennengelernt, wo ich im Rahmen einer Sightseeing-Tangotour aufgelegt habe und sie Gast teilnahm. Im Moment können wir wegen Corona nur aus der Ferne miteinander kommunizieren, über Video, aber sich direkt in den Arm zu nehmen oder tanzen zu können, ist eine andere Sache.

Gab es einen traurigsten Tangomoment?

Ich hatte eine Freundin, die sehr emotional war. Das führte dazu, dass sie mich einmal auf der Tanzfläche bei Angelika Fischer in der alten Bahnhofhalle Friedenau stehen ließ. Das hat mich extrem wütend und traurig gemacht. Dann gab es einen anderen Abend, wo wir uns zu später Stunde vor im Tangoloft verabredet haben. Nach einer Weile haben wir gemerkt, dass es nicht funktioniert und wir keine Harmonie bekommen. Sie ist wieder gegangen. Das war für mich sehr traurig, weil ich mich auf den Abend gefreut hatte. Es ist ungünstig, mit einer Erwartungshaltung zum Tanzen zu gehen, aber ich hatte sie. Dann habe ich anschließend mit einem Mann getanzt, den ich vom Sehen kannte und der gern die folgende Rolle tanzte. Den habe ich gefragt, ob er nicht auch gern einmal führen möchte, weil er ein sehr großer muskulöser Mann war. Darauf sagte er, dass er das beim Tango nicht brauche, da er im normalen Leben schon genug führe. Er hätte auch privat Interesse an mir als Mann gehabt. Auf sein Signal hin, ich solle doch meine schwule Seite einfach zulassen, habe ich abgeblockt. Denn die ist nicht vorhanden. Ich wechsle gern die Rollen beim Tanzen und tanze gern auch mit Männern, damit habe ich kein Problem, aber privat interessiere ich mich für Frauen. Da kann ich auch nicht über meinen Schatten springen, obwohl es durchaus harmonische Momente mit Männern gibt. Sowohl beim Tanzen als auch in meiner Männer-Lesegruppe.

Was ist das Schönste, das andere dir durch Tango gegeben haben?

Es gab sehr schöne beeindruckende Momente. Zum Beispiel als ich das erste Mal 2014 zur Neotangorave nach Bremen eingeladen wurde. Das ist ein Neotangofestival mit visuellen Projektionen rundum auf riesigen Leinwänden. Da sind etwa 10 Beamer für alle Wände und es läuft tolle Neotango-Musik. Ich durfte spontan DJ sein, weil ein DJ ausgefallen ist. Das war ein toller Moment. Da habe ich zum ersten Mal DJ Elio Astor aus Rom kennengelernt, der für mich etwas Neues in den Tango gebracht hat, nämlich nahtlose Übergänge von einem Stück zum anderen, auch wenn die Stücke nicht zusammen passen. Er hat diese Technik aus seiner Erfahrung als Techno-DJ übernommen. Ansonsten gab es tolle Momente bei Open-Air-Milongas, die ich selbst veranstalte. Ich mache das im Sommer gern an schönen Orten im Park. Ich habe eine mobile Verstärkerbox und klebe Baufolie auf den Boden, damit man besser drehen kann. Da sind schöne Gemeinschaften entstanden. Die Leute bringen etwas zu Essen und zu trinken mit. Man fühlt sich wohl draußen im Park in einer schönen Umgebung. Das macht Spaß. Ich habe auch sehr schöne Erlebnisse in anderen Ländern gehabt. In Budapest beim Tangofestival oder einfach nur so dort bei Milongas. Zum Beispiel war ich einmal mit meiner Freundin in Budapest, um Milongas zu besuchen. Wir wollten zu einer Milonga gehen, aber die Milonga wurde dort vor Ort abgesagt. Ein Mann erzählte, es gebe alternativ eine Privatmilonga. Wir sind mit dem Bus eine Dreiviertelstunde lang gefahren. Dann kamen wir in einer Privatwohnung an und landeten beim Eintreten direkt in der Küche, wo etliche Leute dabei waren, etwas zu essen oder zu trinken und uns freundlich begrüßten. Im Wohnzimmer tanzten zwei Paare. Das Tanzniveau war unheimlich gut. Wir kannten die Leute nicht, aber wurden total herzlich aufgenommen.

Brauchst du in der aktuellen Situation Unterstützung?

Eigentlich nicht. Ich habe meinen Callcenter-Job und lebe nicht vom Tango. Ich verdiene zwar nicht die Welt, aber ich komme so klar, dass ich meine Wohnung und mein Essen bezahlen kann.

Das Interview führte Lea Martin.


Mit diesem Interview endet die „Tango In My Heart“-Reihe hier auf dem Tango-Blog. Ein letztes Interview von Lea Martin mit Constantin Rüger erscheint in der nächsten Tangodanza.

Wir, Lea und Laura, bedanken uns bei allen Leser*innen und Interviewpartner*innen und hoffen, dass wir uns alle bald wieder beim Tango treffen.

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