Drei Minuten der Wirklichkeit

– Ein Gastartikel von Swantje Bernhagen, in dem sie uns an eine „ganz normale Milonga“ mit all ihren guten und weniger guten Seiten erinnert. Eine Realität, die noch immer sehr fern scheint. –

Am Einlass stehend, blickt er in den großen Raum voller Menschen und überfliegt die Paare auf der Tanzfläche. Aufrecht steht er da, er lächelt, ohne jemandem direkt zuzulächeln, seine Sonnenbrille schiebt er auf den Kopf: „1 Mal“ „Mit Getränk oder ohne? Viel Spaß“ und schon steuert er einen Tisch im vorderen Bereich an. Seine halblangen, schwarze Haare streicht er mit einer leichten Bewegung seiner Hand aus der Stirn, sie haben sich aus dem im Nacken gebundenen Zopf gelöst. Mit beiden Armen drückt er minutenlang und innig- nun am Tisch angekommen – eine junge Frau in knappem Top, bauchfrei und weiten, farbigen Pluderhosen. Sie halten sich lange fest umschlungen, nur seine Augen flattern unruhig und sind offensichtlich auf der Suche, hinter dem Gesicht, welches sich zum Kuss auf rechte und linke Wange anbietet. Seine Stimme überschwänglich, Interesse heuchelnd. Sie treibt es weiter, andere Tänzer begrüßen. Da läßt er sich auf den Stuhl fallen, beugt sich zu seinen Füßen und wechselt die Schuhe: weiße Tanzschuhe mit goldenen Spitzen und feinem roten Rand. Seine Nadelstreifenhose ist etwas ausgebeult, sein roséfarbenes Hemd trägt er locker über den Bund fallend, die Wölbung einen ansetzendes Bauches kaschierend. Ein wenig Schweiß überzieht seine Stirn, ein Dreitagebart, kleine Falten um Mund und Augen, Augen eines Jägers: er beobachtet sein Opfer, verfolgt es, um sich dann für eine kurze Zeit in der Aufmerksamkeit der anderen zu suhlen.

Nun ist er bereit. Eine junge Frau an dem Tisch gegenüber lächelt ihn an. Sie sitzt sehr gerade, die Brust präsentiert, stark geschminkt und figurnah gekleidet mit Rock und Oberteil in schwarz und rot – auch sie ist bereit. „Tanzen?“ heißt sein Blick, den sie zustimmend nickend erwidert und aufsteht. Mit seiner rechten Hand lässig an ihrer Hüfte lotst er sie zur Tanzfläche, an anderen Paaren vorbei. Es ist schon fast eng jetzt, das Licht gedämpft. Sie stehen voreinander, die Musik beginnt. Theatralisch eine langsame Umarmung in die Tanzposition. Sie legt ihren Arm an seinen, die Hände der anderen Hand fassen sich. Er spürt ihren Kopf dicht an seinem, tänzelt leicht von einem Bein auf das andere, seine Hand im Rücken der Damen schwitzt, ebenso die andere Hand, mit der er jetzt fest zugreift. Unvermittelt und ruppig führt er sie in die ersten Schritte, sie beeilt sich zu folgen, runzelt die Stirn und die Augen verengen sich, gleichzeitig holt sie tief Luft. „Aufmerksam sein“ ,erinnert sie sich an die Worte des Tanzlehrers „präsent sein und spüren, was dein Tanzpartner will“. Seine Hand liegt jetzt fest auf ihrem Rücken… zu fest, spürt sie, denn sie kann sich kaum bewegen, fühlt sich wie im Klammergriff. Mit den Armen schiebt sie ihn ein wenig von sich weg. „Kannst du eng nicht?“ Sein Atem fällt auf sie herunter, sie kann nicht anders und muss seinen gebrauchten Atem einatmen. Sie dreht den Kopf ein wenig zur Seite. Angespannt lächelnd folgt sie ihrem Tänzer. „Das kennst du wohl nicht“ herrscht er sie an, als sie über seine Füße stolpert.„Du führst“ antwortet sie knapp und das Lächeln aus ihrem Gesicht ist verschwunden.

Sie verliert ihre Achse, er wirft sie aus der Achse, hält sich fest an ihr bei dem Versuch, sich mit Figur um Figur darzustellen. Sie spürt, wie sie unter ihren Achseln anfängt zu schwitzen. Drei Minuten können lang sein, sich endlos ziehen, wenn es nicht zusammen geht…

Die Tänzer an den Tischen verfolgen das Geschehen auf der Tanzfläche.“Guck mal, ich dachte, die wäre jetzt wieder mit Kai zusammen. Sieht jetzt aber gar nicht so aus!“ „Der da drüben, der tanzt toll, mit dem musst du unbedingt mal tanzen.“ „Wie peinlich, das Paar da hinten. Sie ist ja fast nackt!“ Tolle Schuhe, tolles Kleid oder Rock oder Hose oder Hintern. Nichts bleibt ungesehen. Kennerblicke beurteilen das Können der Tanzpaare, hier fällt die Vorentscheidung für die Wahl des nächsten Partners bei der nächsten Cortina.

Endlich ist diese Tanda vorbei. „Vielen Dank“ sagt sie und ärgert sich im selben Moment über diese Lüge und beeilt sich, – betont aufrecht – wieder an ihren Tisch zurückzugehen. Er sucht ein neues Opfer.

Sie setzt sich, aufmerksam schaut sie in die Richtung der Tänzer. Es ist der Moment der neuen Suche für die nächste Tanda. Die Auswahl beginnt, neue Paare finden zusammen. Da blickt einer sie direkt an! Nein, bloß nicht DER, das ist der Garderobenständer, sie nennt ihn so, weil er stocksteif ist. Mit dem will sie nicht tanzen, schon gar nicht nach diesem ersten Tanz! Schnell sieht sie zur Seite, nestelt an ihrem Oberteil, trinkt einen Schluck aus dem Wasserglas – abgewehrt! Aber nun hat die nächste Tanda begonnen und sie sitzt. Ihre Augen scannen die Tänzer an den Tischen. Einige kennt sie, aber der Kodex gebietet, dass der Mann auffordert, ja auch im Jahr 2020 kann sie als Frau in Deutschland auf einer Milonga nicht davon ausgehen, dass ein Auffordern der Frau gern gesehen wird! Außerdem: ist es nicht das Mindeste, dass sie als Frau zum Tanzen aufgefordert wird, spürt, dass der Tänzer mit ihr tanzen möchte?

Es hilft nichts, sie wartet, versucht Augenkontakt aufzunehmen, aber die meisten Tänzer sind auf der Tanzfläche, während sich die Frauen, die allein gekommen sind, an der Bar oder am Rand der Tanzfläche in Position bringen.

Die nächste Cortina. Neben ihr sitzt nun eine blonde, sehr junge Frau. Natürlich ohne Bauch, gertenschlank, die Haare hochgesteckt. Ist Blond der Magnet? Kaum hat sie sich gesetzt, da wird sie schon wieder aufgefordert… Ein alter Sack, fummelnde Hände an ihrem Körper, das will Frau ja auch nicht…aber: viele Männer wollen wohl gerade blond und jung… Oder tanze ich schlecht? Bin ich nicht schön? Nicht jung, nicht schlank genug? Derartig sinnlose Überlegungen suchen sie ab und zu an Tanzabenden heim: ein Anschlag auf das Selbstwertgefühl, diese Zweifel, Überlegungen, warum kein Mann sie auffordert. Andererseits, die Männer: oft auch nicht schön, oder schlank, oder jung.Schlechte Tänzer dazu, Machos, überheblich, ungewaschen und stinkend…

Nicht aufgeben. Warum nicht selbst aktiv werden – Regeln hin oder her. Schließlich ist sie nicht den weiten Weg hergefahren, hat endlos nach einem Parkplatz gesucht und den Eintritt bezahlt, um hier herumzusitzen.

Sie steht auf und trifft ihre Wahl. „Hast du Lust zu tanzen?“ Sie stehen voreinander, umarmen sich einander zugewandt, geben sich Zeit. Die ersten Takte der Musik erklingen, sie nehmen sie auf, atmen ein. Die ersten Schritte tastend, fragend: geht es so? Bist du entspannt? Stehen wir gut so , gemeinsam? Die Hände liegen leicht ineinander, geben Rückmeldung und Verbindung. Einfache Schritte, gemeinsames Gehen, Wechsel der Tempi. Seine Haare trägt er kurz, kein Bart, das Hemd aus der Hose gerutscht, die Hose etwas zerbeult und grau, sein Bauch eine Kugel unter dem Hemd. Ein frisches Duftwasser umgibt ihn, angenehm…. Sicher führt er, weich, ohne Drücken und Schieben. Er wagt immer mehr Variationen, kombiniert überraschend, Abwechslung statt 85 Ochos in Folge, sie nimmt auf, antwortet mit Verzierungen, ein Blick zueinander: ja, auch er lächelt unwillkürlich, spannend ist das gemeinsame Tanzen nun, wie wird sie reagieren, was wird er in der Musik hören? Gemeinsam schweben sie, sie ist aufmerksam und : genießt!

Drei Minuten der Seligkeit beim Tango Argentino…

Ein Kommentar zu „Drei Minuten der Wirklichkeit

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  1. Auch wenn der Riedel sich bereits defätistisch zu deinem Beitrag äußerte, möchte ich dir meinen Dank für deine Geschichte ausdrücken. Ich finde sie nämlich sehr, sehr gut, insbesondere, da sie zwei wichtige Themen anspricht.

    Zum einen erinnert sie daran, was es heißt zu führen; nämlich dass der Mann auf einer Milonga tänzerisch wissen sollte, was er will und Vorstellungen hat, wie es weitergeht und für Übungen eine Praktika besucht.

    Zum anderen gefällt mir dein implizierter Appell an die Weiblichkeit, auch mal einen Mann zum Tanze aufzufordern, ohne sich dabei von Äußerlichkeiten leiten zu lassen. Ich erinnere mich an einen Besuch im Café Dominik in Berlin im Mala Junta, wer dort mal war und die weibliche Kunstfertigkeit durch einen Mann hindurchzusehen bzw. einem Mann mit höchster Verachtung anzusehen, erfahren hat, kann deine Ansicht nur begrüßen.

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