„Wir tragen so viel bei zu einer weltoffenen Gesellschaft!“

Sie wirbt – gemeinsam mit anderen Aktiven – für Spendenkampagnen von Tangoprofessionals, stellt finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten zusammen, hat an einem politischen Positionspapier mitgewirkt und verfolgt das Ziel der Tangokultur insgesamt mehr politische Aufmerksamkeit zu verschaffen. Außerdem ist sie selbst begeisterte Milonguera. Wir haben Caroline Waldeck gefragt, was sie antreibt und wie sie die aktuelle Situation erlebt.

Caroline Waldeck, Foto: Wolfgang Fuchs

Du hast Dich gemeinsam mit anderen in den letzten Monaten sehr für die Berliner Tangokultur eingesetzt. Wie kam es dazu?

Bis 1. März war ich noch beim Tangomarathon in Budapest: drei durchtanzte Tage und Nächte, wunderbare Stimmung, auf der Tanzfläche war halb Europa vertreten. Über die Klopapier-Hamsterei in Deutschland haben wir gelacht; die verstörenden Nachrichten aus Norditalien haben wir verdrängt. Dass zwei Wochen später für lange Zeit Schluss sein würde mit Tanzen, hätte ich mir noch Anfang März nicht im Traum vorstellen können. Umso ernüchternder war dann die Erkenntnis, dass Tango, wie wir ihn auf Milongas zelebrieren, nicht mehr möglich sein wird, so lange die Eindämmung der Pandemie körperlichen Abstand erfordert. In dieser Situation habe ich mich gefragt, was wir Tango-Amateure tun können, damit der Berliner Tango eine Zukunft hat.

Was habt ihr seit dem „Lockdown“ im März auf die Beine gestellt?

Zunächst einmal ging es um die Frage, wie diejenigen, die mit Tango ihren Lebensunterhalt bestreiten, den Lockdown finanziell überstehen. In der Facebook-Gruppe „Tango in Zeiten von Covid-19: Solidarität in Berlin!“ werben wir seit März für Spendenaufrufe und tragen Unterstützungsmöglichkeiten zusammen. Im Rahmen der mehr als 30 laufenden Spendenkampagnen sind in nur drei Monaten insgesamt rund 120.000 Euro für Berliner Tangoschulen, Tangolehrer*innen, Veranstalter*innen, Musiker*innen und anderen Tangoprofessionals zusammengekommen. Dieser Zusammenhalt innerhalb der Berliner Tangoszene ist großartig. Darin liegt auch eine Chance, gemeinsam politisch etwas zu erreichen. Denn an prekären Arbeitsbedingungen ändern Spenden und finanzielle Nothilfen nichts, da braucht es strukturelle Veränderungen. Dafür haben wir Ideen gesammelt, in Chatgruppen mit vielen Berliner Tangoprofessionals diskutiert, deren Anregungen aufgenommen und all das auch in der großen Facebook-Gruppe „Tango in Zeiten von Covid 19: Solidarität in Berlin!“ öffentlich zur Diskussion gestellt. Ich habe versucht, möglichst viel davon in ein politisches Positionspapier einfließen zu lassen, das wir mittlerweile an Kulturstaatsministerin Grütters übergeben und an Bundesarbeitsminister Heil, Bundesfinanzminister Scholz, Berlins Kultursenator Lederer und Berlins Regierenden Bürgermeister Müller geschickt haben.

Worum geht es in diesem Positionspapier?

Es geht um wirksamere finanzielle Hilfen in der Coronakrise und bessere Rahmenbedingungen für die Zeit danach, zum Beispiel in der Künstlersozialversicherung und im Steuerrecht. Und es geht auch darum, der Tangokultur mehr politische Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wir tragen so viel bei zu einer weltoffenen Gesellschaft! Wo sonst kommen sich Menschen über sprachliche, kulturelle, soziale Grenzen, über Bildungsunterschiede, Altersunterschiede, unterschiedliche politische Überzeugungen, Berufe und Lebenssituationen hinweg so nahe wie auf einer Milonga? Über das Trennende hinweg das Verbindende zu suchen und zu finden, ist hier keine Utopie – das ist die Tango-Umarmung! Deshalb bin ich überzeugt davon, dass Tangokultur Qualitäten fördert, auf die eine pluralistische Gesellschaft und eine multikulturelle Stadt wie Berlin angewiesen sind: Weltoffenheit, Neugier, Empathie, Toleranz, die Fähigkeit zuzuhören. Natürlich tanzt niemand deswegen Tango, sondern schlicht, weil Tangotanzen glücklich macht. Aber ich finde, wir sollten als Tangocommunity selbstbewusst vermitteln, dass Tangokultur mehr ist als persönliches Wohlbefinden und körperliche Bewegung, dass Tangokultur Bereicherung für eine Stadtgesellschaft ist. Dafür wollen wir die politisch Verantwortlichen mit unserem Positionspapier sensibilisieren – in der Hoffnung, dass unsere Forderungen auf diese Weise Gehör finden.

Über das Trennende hinweg das Verbindende zu suchen und zu finden, ist hier keine Utopie – das ist die Tango-Umarmung!

Caroline Waldeck

Wie kann man Eure Aktionen bzw. den Tango insgesamt aus Deiner Sicht im Moment am besten unterstützen?

Regelmäßig spenden, was man in normalen Zeiten fürs Tangoleben ausgeben würde, hilft sehr – und ich fürchte, es wird auch weiterhin bitter nötig sein. Milongas bleiben ja bis auf Weiteres Zukunftsmusik, und die Möglichkeit, mit Unterricht Geld zu verdienen, sind stark eingeschränkt.

Du hast dich nicht nur in der jetzigen Situation, sondern zusammen mit anderen auch schon für den Fortbestand der traditionsreichen Milonga im Roten Salon in der Volksbühne engagiert. Was motiviert dich dazu, neben deinem Fulltime-Job so viel Zeit und Energie auch auf politischer Ebene für den Tango zu investieren?

Der Tango hat mir schon so viel geschenkt, davon will ich etwas zurückgeben – in Vorfreude auf die Tandas, die ich auf der ersten Milonga tanze, wenn dieser ebenso deprimierende wie notwendige Vereinzelungszwang namens „social distancing“ vorbei ist. Motivierend finde ich auch die Solidarität in der Berliner Tangocommunity, bei allen Differenzen und Konflikten, die es gelegentlich gibt. Das war 2015 so, als innerhalb kürzester Zeit Zehntausende Flüchtlinge nach Berlin kamen und zwei Berliner Tangoschulen bzw. -veranstalter ihre Räume mit breiter ehrenamtlicher Unterstützung und großzügigen Spenden vieler Tangotänzer*innen über Monate als nächtliche Notunterkünfte zur Verfügung gestellt und Menschen aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern mit Essen versorgt haben – eine Initiative, aus der sich das „Tango Berlin hilft“-Kulturcafé für geflüchtete Menschen entwickelt hat, das über lange Zeit Bestand hatte. Unter denen, die jetzt Corona-Hilfe brauchen, sind viele, die damals gegeben haben, was sie konnten. Ich freue mich, dass sie in ihrer Notsituation jetzt auch auf Solidarität zählen können.

Wie kamst du zum Tango?

Ein alter Freund aus meiner bayerischen Heimat hat mich 2008 in Berlin besucht und seine neue Liebe mit den Worten angekündigt: „Caro, ich hab was entdeckt… ich bin sicher, Du würdest total drauf abfahren.“ Er meinte Tango Argentino, und er hatte Recht. Meine Tochter war damals aber erst 4 und ich alleinerziehend, völlig ausgelastet damit, den beruflichen Alltag mit kleinem Kind auf die Reihe zu kriegen. Beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte abends um 8 bin ich regelmäßig eingeschlafen; an Tango war da nicht zu denken. So sind fünf Jahre vergangen bis zu meinem Einsteigerworkshop im Nou im August 2013 – bis meine Tochter alt genug war, um sie mitzunehmen in Kurse und Workshops. Sie saß dann oft mit Büchern und Gummibärchen auf der Couch im Nou und im Mala Junta, während ich meine Ochos geübt habe.

Was bedeutet Tango für dich?

Tango ist Poesie – eine Sprache der Seele. Von Rose Ausländer gibt es ein Gedicht, „Noch bist du da“, darin finde ich vieles wieder, was der Tango mir bedeutet.

Noch bist du da / Wirf deine Angst / in die Luft

Bald / ist deine Zeit um / bald / wächst der Himmel / unter dem Gras / fallen deine Träume / ins Nirgends.

Noch / duftet die Nelke / singt die Drossel / noch darfst du lieben / Worte verschenken / noch bist du da

Sei was du bist / Gib was du hast.

Rose Ausländer

Wie erlebst und verbringst Du diese Zeit ohne Milongas? Wie hältst du den Tango in diesen Zeiten des Abstandhaltens für dich selbst lebendig?

In den ersten Lockdown-Wochen saß ich abends mit einem Gefühl wie Heimweh auf der Couch – und mit der Gewissheit, dass es ein ziemliches Privileg ist, keine anderen Sorgen zu haben. Corona trifft diejenigen, die es ohnehin am schwersten haben, am härtesten, und was es bedeutet, wenn einem plötzlich die wirtschaftliche Existenzgrundlage entzogen wird, sehe ich auch in meinem engsten persönlichen Umfeld – nicht nur im Tango. Das lenkt ab von persönlichen Befindlichkeiten.

Worauf freust Du Dich am meisten, wenn wieder auf Milongas getanzt werden darf?

Auf das Gefühl, todmüde zu sein vom stundenlangen Tanzen und trotzdem nicht nach Hause zu wollen, weil gerade diese Hammer-D’Arienzo-Tanda läuft, und bei Troilo und Pugliese und Varela und Di Sarli kann man auch nicht heimgehen, und plötzlich heißt es „última tanda“ … – echt jetzt, ist es wirklich schon 4?

Vielen Dank für dein Engagement für den Tango und für das Interivew, Caroline.

Die Facebook-Gruppe „Tango in Zeiten von Covid 19: Solidarität in Berlin!“ bietet einen Überblick über Spendenmöglichkeiten an Tangoprofessionals in Berlin.

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