»Tango ist die Liebe meines Lebens«

Maria Memering, Tangotänzerin, Berlin

Schon als Kind wollte sie zum Ballett, was in dem kleinen Dorf, in dem sie aufwuchs, nicht möglich war. In Berlin hat sie erst Boogie, dann Tango für sich entdeckt. Mit ihrer Klarinette hat sie jahrelang das »Berlin Community Tango Orchestra« begleitet. Normalerweise verbringt Maria Memering jede freie Minute in Bewegung: im Sportstudio und auf Milongas. Während der Corona-Krise fehlt ihr der Tango am ganzen Körper. Wir haben Maria gefragt, was Tango für sie bedeutet.

Maria mit Char Sosa, Salon Canning Buenos Aires, Foto: Cathrin Bach

Ich habe immer schon getanzt und mit Rock’n‘ Roll und Boogie erfolgreich an der deutschen Meisterschaft teilgenommen. Das war Ende der 1980er Jahre, als Tango noch gar nicht so präsent war. Ich hatte einen supertollen Boogie-Tänzer, den ich davon überzeugen wollte, bei einem Argentinier in einer kleinen Hinterhof-Wohnung in Neukölln Tango zu lernen. Er schaute sich das kurz an, aber ich hatte keine Chance. Er tanzt heute noch Boogie.

Wie ist Tango Dir begegnet? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Anfang der 90er Jahre sah ich mit meiner Freundin in der Deutschen Oper die berühmte Tango-Show Tango Pasión. Begeisterung pur. Anschließend sagte ich zu ihr: »Jetzt weiß ich, was ich die nächsten 20 Jahre machen will.« Es waren viel mehr als 1,5 Meter Abstand zwischen der Bühne und der letzten Reihe, in der wir saßen, und trotzdem sprang mich dieses Tango-Virus derar-tig an. Es erwischte mich mitten in meinem Herzen und nistete sich dort ein. Ich war sofort infiziert. Bis zu meinen ersten Tango-Laufübungen dauerte es allerdings noch.

Gab es so etwas wie einen schönsten Tango-Moment für dich?

Schöne Tango-Momente gab es einige in dieser langen Zeit. Der schönste war, als ich meinen Mann kennenlernte: Es war kurz vor seinem Auftritt auf dem Tangoball im Tango Vivo. Ich bekam einen Korb von diesem erfahrenen tollen Tänzer, mit dem ich unbedingt mal tanzen wollte. Wie peinlich, hätte ich mich doch am liebsten in Luft aufgelöst. Damals war es nicht so üblich, dass eine Frau einen Mann zum Tanzen bat. Vor allem, weil es hauptsächlich Paare gab. Wochen später versuchte ich es noch einmal. Nur Mut, dachte ich, geh einfach los und frag’ ihn…was soll schon passieren. Er tanzte drei Stunden mit mir (es gab keine Cortinas und man musste die Tanzfläche nicht verlassen, was auch ein Vorteil sein kann) und war fortan für sehr viele Jahre mein Mann in allen Lebenslagen. Was für ein Glück, ich wollte doch eigentlich nur tanzen.

Du spielst Klarinette, spielst du auch Tango?

Als Hobby-Klarinettistin spielte ich viele Jahre in einer Eltern-Bigband (RoundMidlife) Swing, Blues, Jazz, Bossa Nova, Funk und Boogie mit span- nenden Auftritten. Eines Tages, für mich genau im richtigen Moment, kam Korey ins Mala Junta, der u.a. das Berlin Community Tango Orchestra gründen wollte und dafür Profi- und Amateurmusiker suchte. Von der ersten Stunde an durfte ich dabei sein. Ich wusste, ich hatte viel zu lernen, nahm diese Herausforderung an und übte jeden Tag circa zwei Stunden. Ich habe nicht eine Probe verpasst. Ein mutiger Schritt, für den ich oft belohnt wurde. Mitten in diesem Orchester zu sitzen, zwischen diesen vielen tollen Musikern, und diese unfassbar ergreifende Musik zu spielen, bei Auftritten wie im Rathaus Schöneberg mit über 400 Gästen und im Ballhaus Rixdorf zum Berliner Tango Festival, wo die Profitänzer aus Buenos Aires nach unserer Musik tanzten, war einfach grandios. Der Himmel auf Erden.

Wie geht es dir in der Corona-Zeit ohne Tango?

Eigentlich mag ich die Ruhe ganz gerne mal, dass die Welt ein bisschen stillsteht und die Natur sich erholen kann. Dank der großartigen Judith Preuss vom Mala Junta mit ihrem Händchen für talentierte Tango-LehrerInnen kann ich mich auf die online angebotene »Einsam-Gemeinsam-Choreo« konzentrieren und sie zuhause einstudieren. Jedes Lehrerpaar zeigt einen individuellen Abschnitt des vorgeschlagenen Tangostücks. Ich habe in regelmäßigen Kursen im Mala Junta zu führen gelernt, übe also beide Rollen. Da meine Freundin auch beide Seiten kann und wir eine gute Verbindung haben, können wir, wenn wir wieder dürfen, die gesamte Choreographie zusammenfügen und später vielleicht mit allen anderen tanzen. Das wäre schön.

Wir haben uns bei einem Gruppenchoreographie Kurs von Mika und Christian kennengelernt. Wie war diese Erfahrung für dich?

Das hat mir großen Spaß bereitet. Glücklicherweise wurde ich von Judith mit einem sehr musikalischen und sympathischen Tänzer bedacht, was es zunächst im Paar leichter machte. Die Herausforderung für uns alle war, dass das Zusammenspiel in der Gruppe klappt. Dies verlangt konzentriertes und kräftezehrendes Training. Aber es war auch oft sehr lustig, und wir wurden am Ende mit der Aufführung sehr belohnt. Das war eine Bereicherung mit großen Glücksmomenten. Ich liebe es Choreographien auszuarbeiten, ein paar passende Tanzstücke auszusuchen, sie musikalisch zu ergründen, tänzerisch umzusetzen und schließlich aufzuführen. Mit meinem Mann, der auch immer Lust dazu hatte — Schuhe und Musik waren immer griffbereit —, hatte ich einige wunderschöne und aufregende Auftritte. Ich erinnere mich sehr gerne daran. Das sind aber auch die Momente, wo ich es schade finde, dass ich nicht mehr so jung bin. Ich würde mir schöne Kleider nähen, die tollsten Tango High Heels anziehen und tanzen, tanzen, tanzen.

Choreo-Performance Tango Vivo. Foto: privat

Du meinst, es ist eine Frage des Alters?

Im Herzen bleiben wir immer die, die wir sind, aber der Körper baut ab, er wird schwächer. Das ist der Lauf des Lebens. Mir geht das Herz auf bei einem schönen Vals, wenn ich in seiner vollen Vielfalt und Interpretation schwungvoll mit großen Schritten durch den Raum geführt werde. Das ist mein Jungbrunnen, gibt mir Energie und bewahrt mir meine Lebensfreude.

Haben ältere Frauen es schwerer auf den Milongas?

Nein, nicht unbedingt. Wenn eine Frau auf einer Milonga aufgefordert wer- den möchte, sie aber pure Verzweiflung ausstrahlt, weil niemand sie zum Tanzen bittet, wird wohl auch niemand kommen und sie retten. Ich hatte ständig Hummeln im Hintern und wollte immer und sofort tanzen, aber in-
zwischen kann ich auch mal gut im Hintergrund sitzen, einen Wein trinken, die Musik genießen und das Geschehen beobachten.

Vielleicht wartet die Welt nur darauf, dass Frauen sich trauen zu machen was sie wollen, unabhängig davon, wie alt sie sind.

Ich bewundere die um die 90jährigen Frauen in Buenos Aires, die mehrmals die Woche in High Heels tanzen gehen. Dort scheint der Tango alterslos zu sein. So wird dies jedenfalls für mich transportiert. Letzten Herbst war endlich der richtige Zeitpunkt gekommen, um meine langersehnte Traumreise anzutreten. Sophia und Julio, zur Zeit mein absolutes Lieblings-Tanzlehrerpaar, hatten wirklich alles perfekt organisiert. Unter Anderem war es schön zu beobachten, wie die ältere Generation hofiert wird und die Ehrenplätze bekommt. Das gefällt mir sehr.

Verliebst du dich noch beim Tango, oder passiert das nur Anfängerinnen?

Dem Tango wohnt ein Zauber, eine Widersprüchlichkeit inne, weshalb wir ihn so vielfältig und abwechslungsreich tänzerisch gestalten können. Mal tanzen wir den Rhythmus, mal die Kantilene (getragene gesangartige Melo- die) oder wir mischen es. Wenn mich ein Wunschtänzer zum Tanzen bittet, wir ein bis drei Tandas tanzen, es vom ersten Moment diese besondere Verbindung gibt, könnte ich schreien vor Glück. Dann schießen mir Tränen in die Augen. Dann bin ich verliebt, worin auch immer… in die Musik… in den Tänzer, der mir gerade seine ganze Aufmerksamkeit und Hingabe schenkt. Dann denke ich, Tango ist die Liebe meines Lebens. Wenn Anfängerinnen so etwas erleben, können sie vielleicht nicht sofort einordnen, was da gerade geschieht. Diese überbordenden Gefühle lassen sie zum Weinen oder Wegrennen bringen. Die eigene Liebe kommt massiv hoch und erscheint als bedrohlich. Es heißt: »Beim Tangotanzen kannst du dich selbst finden und im selben Moment verlieren.«

Unterstützt du aktuell die Tangoprofis?

Unbedingt! Als Medizinisch Technische Laboratoriums Assistentin bin ich finanziell abgesichert und sehe es deshalb als meine Pflicht an. Was wären wir »Systemrelevanten« denn ohne all die Kulturschaffenden, die Künstler, Tänzer usw., die mit ihrem großen Engagement den Tango am Leben halten und unser Leben somit verschönern. Wir sind doch alle systemrelevant.
Danke euch allen von Herzen.

Das Interview führte Lea Martin.

Die Tangoschule Mala Junta, wo auch das im Interview genannte Tangopaar Sophia und Julio unterrichten, bittet um Unterstützung mithilfe der folgenden Spenden-Kampagne: https://www.gofundme.com/f/mala-junta-amp-lehrer-brauchen-eure-hilfe

2 Kommentare zu „»Tango ist die Liebe meines Lebens«

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  1. Wunderschönes Interview! Da. geht einem das Herz auf. Es freut mich sehr, die diversen Geschichten anderer Tangoliebhaber zu lesen 🙂

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  2. Vielen Dank liebe Bettina, eine sehr schöne und gelungene Idee von Lea und Laura. Ich habe noch nicht alle storys gelesen und ich freue mich schon drauf. LG Maria

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