„Tango bedeutet Freiheit.“

Bettina Maria, Modedesignerin, Modas de Tango, Costume Couture Berlin

Ihre Tango-Mode steht für Eleganz, Fantasie und Freiheit. Bettina Maria gehörte zu den ersten ModedesignerInnen, die sich auf Tango spezialisiert haben. Ihre Kollektionen verströmen internationalen Flair. Lange hat sie als selbständige Designerin mit dem privatem Label BETTINA MARIA gearbeitet, seit neun Jahren arbeitet sie in ihrem Atelier in Berlin und verkauft ihre Kollektion hauptsächlich auf internationalen Festivals. Im Interview erzählt sie, was ihr bei Tango-Mode besonders wichtig ist und wie sie den Tango-Kleidungsstil insbesondere in Berlin wahrnimmt.

Designerin Bettina Maria

Stelle dich bitte kurz vor. Was machst du normalerweise mit und für den Tango?

Hallo, ich bin Bettina Maria, lebe seit 9 Jahren in Berlin und tanze Tango seit 1998. Einige von Euch in Berlin kennen mich bereits durch meine Mode, die ich bereits seit 2006 für Tango designe.

Angefangen habe ich mit Tango auf Empfehlung einer argentinischen Mitarbeiterin, die meinte, ich würde Tango sicher lieben. In der Tat, ich nahm eine Privatstunde, in der ich vor lauter Emotion sehr überwältigt wurde. Ich hatte damals keine Ahnung, wie Tango mein Leben ändern würde. Es wurde eine lange und tiefe Love Affair, die viele Metamorphosen erlebt hat, und es mir ermöglichte sehr viel zu reisen, und das, was ich liebte, in meine Arbeit, die ich eh liebte, zu integrieren. Ich habe von diesen 22 Jahren ca. 15 Jahre sehr intensiv getanzt, davon 3 Jahre in Buenos Aires Tango studiert und in dieser Zeit mein damaliges Mode-Business umgewandelt in ein Tangomode-Business. Meine inneren Erfahrungen mit Tango bekamen einen visuellen dreidimensionalen Ausdruck. Die letzten Jahre tanze ich wesentlich weniger, denn die Designarbeit für Tango ist jetzt mein primärer kreativer Ausdruck und Interesse.

Was ist aus deiner Sicht besonders wichtig bei der Kleidung, die wir beim Tango, insbesondere auf Milongas, tragen?

Tango ist nicht nur ein Tanz, er ist und hat vor allem eine ganz eigenständige tiefe Kultur. Das wissen viele Tänzer hier in Europa oder den USA weniger, die meisten fokussieren sich auf den Tanz oder die Musik oder das, was sie damit assoziieren, aber Tango hat auch viele Geschichten, die so wunderbar in den Chamuyos erzählt werden und in der Musik… Geschichten voller Leidenschaft, Sinnlichkeit, Romantik, Emotionalität, Erotik, aber vor allem Fantasie. Tango ist ein melting pot verschiedenster Einflüsse, die sich damals am Rio de la Plata zusammenfanden und verschmolzen sind, die melancholischen traurigen Geschichten der gestrandeten Emigranten, von den Gauchos in den weiten Pampas und ihren Messerkämpfen, der Indios, der Bordelle mit überwiegend europäischen Frauen, Geschichten von Gefühlen, Liebe, Einsamkeit und Sehnsucht, Geschichten der Musikinstrumente und Rhythmen aus Afrika, die in die Milonga einflossen. Tango versinnbildlicht auch Eleganz, vor allem die fantastischen professionellen Tänzer heute und der letzten Jahrzehnte, die diese Tanzform auf ein sehr hohes künstlerisches Niveau gebracht haben.
In der Hinsicht bin ich persönlich ein Freund der Tradition. Mein persönlicher Ausdruck ist eine Hommage an diese Kultur. Ich zolle ihr Ehre und Respekt, indem ich mich dementsprechend kleide. In Jeans und Turnschuhen zu erscheinen passt auf ein Musikfestival oder in einen Nightclub, ist aber meines Erachtens nach eine Ignoranz dieser Kultur. Es senkt den Standard und entspricht nicht dieser reichen Geschichte. Tango hat etwas Besonderes.

Wir alle sind ursprünglich von der Magie angezogen worden und erleben sie immer wieder.

Bettina Maria

Deshalb denke ich, es ist passend, sich elegant und fantasievoll zu kleiden, das muss nicht unbedingt traditionell und sollte nicht förmlich sein, es sollten weiche fließende Stoffe sein, die die Qualitäten des Tanzes unterstützen. Vor allem aber muss der Stil, der Schnitt und auch das Material funktionstüchtig sein! Knallenge Röcke sind nicht gerade das Beste, um große Bewegungen zu machen, es ist sehr schön wenn Stoffe in den Drehungen flattern, jedoch sollte man sich nicht verfangen und im Endeffekt stolpern.

Ich selbst hatte einen Faux Pas mit einem zu losen Stretch-Bund: Ich habe mir zum Ende der Tanda mit einem Boleo mit dem Absatz, der sich im Stoff verfing, den Rock heruntergezogen, und stand plötzlich – auf recht freier Tanzfläche auch noch – im Tanga da, zur hellen Freude meines Tanzpartners, der überzeugt war, ich hätte das nur für ihn gemacht. 🙂

Ich sage immer, die Kleidung sollte so einzigartig und individuell sein wie der/die TänzerIn, und wie der Tango selbst. Was ich schade finde, ist in den letzten Jahre eine gewisse „Uniformiertheit“ zu sehen, weil immer wieder dieselben Modelle wiederholt werden, anstatt auch das Design neu zu erfinden. Da wünsche ich mir persönlich mehr Engagement der Designer, mit neuen Schnitten und Materialien zu experimentieren. Vor allem aber, insgesamt mehr individuelle Experimentierfreudigkeit der Designer, was sich wunderbar zeigt z.B. bei Joan Ferran.

Wofür steht deine Kollektion? Was möchtest du damit ausdrücken?

Bettina Maria bei der Arbeit

Meine Mode ist ein Ausdruck dessen, was ich innerlich mit Tango erlebt habe: eine Befreiung von dem was „erlaubt“ ist. Befreiung der Leidenschaft, des Spielens. Definitiv nicht angelehnt an das „Dictat de La Mode“, an Trends, oder „ob das auch fürs Büro geht“. Ich selbst würde es auch ins Büro anziehen, dennoch ist das nicht in meinem Kopf, wenn ich für Tango designe. Und definitiv NICHT „sportlich“ oder „unisex“. Das sind Attribute und Konditionierungen, die die Modewelt erfunden hat, oft von Herren, die aber nie gefragt haben, was Frauen gerne anziehen. Diese Art von Mode ist vielleicht praktisch, aber es ist eine Art Gleichschaltung. Alle können das gleiche tragen, es orientiert sich an Rentabilität innerhalb der Bekleidungsindustrie, aber nicht an Individualität. Es gibt wunderbare hübsche Frauen, die in grau, braun und schwarz herumlaufen und sich kleiden wie Männer. Wo ist da die Weiblichkeit? Die bleibt auf der Strecke. Es gibt so viele Facetten und subtile Energien im Tango, die man/frau im Tanz erfährt, dass es einfach passt, diese Qualitäten durch entsprechende Kleidung auszudrücken, zu unterstreichen, die eben nicht das Gleiche zeigt, was in Massen produziert wird und man überall sieht.

Tango bedeutet Freiheit – Freiheit zu tanzen, Freiheit zu fühlen, Freiheit sich künstlerisch und körperlich/sinnlich zu entdecken.

Bettina Maria

Meine Mode reflektiert das. Die Mode ist Fantasie: theatralisch, dramatisch, romantisch, weiblich, sinnlich-erotisch, sexy. All das, was man/frau beim Tango so fühlt. Wir sind alle viel zu unterdrückt in der regulären Arbeitswelt, beim Tanzen kann und sollte man spielen dürfen, meine Mode ist auch deshalb verspielt. Die Tänzerin hat die Möglichkeit, sich auch dadurch zu befreien.

Ich habe hier in Deutschland Kundinnen getroffen, die jahrelang nur schwarz, blau und braun getragen haben, normale Röcke, wenn überhaupt. Dann kam ich, als eine der ersten Designerinnen im Bereich Tangomode überhaupt nach Berlin mit lauter bunten verrückten Stoffen aus Kalifornien und Buenos Aires. Es gab viel Begeisterung, jedoch auch viel Zögern. In Frankreich, Italien und Wien war es wesentlich einfacher zu verkaufen. Hier in Deutschland war es anfangs sehr schwierig. Dann kamen plötzlich Anrufe von Kundinnen, die sich das 1. Mal trauten den „Hot Pink Rock“ von mir zu tragen, und das Gefühl darin zu tanzen, war für sie eine Befreiung. Es war Spaß. Befreiung von dem, was „man“ kennt und sich traut. Es war Loslassen. Das ist Tango für mich. Diese Art von Metamorphose zu erleben, das ist die Essenz meiner Arbeit.

Du hast lange in den USA gelebt, was hat dich nach Berlin gebracht? Wie würdest du den Berliner Style auch im Bezug auf die Milonga-Kleidung beschreiben?

Das Atelier von Bettina Maria in Berlin

Ich habe 25 Jahre in San Francisco, Kalifornien gelebt, genauer gesagt Marin County, z.T. auch im Südwesten, ein ganz besonderer Platz. Es war ein sehr intensives und kreatives Leben, jedoch auch sehr herausfordernd. Nach Berlin zu kommen hatte mit der Umarmung meiner Wurzeln zu tun, nach so langer Zeit und soviel räumlicher Distanz, endlich der Sehnsucht nach Heimat und Familie nachzugeben, vor allem nach dem europäischen Kontinent überhaupt. Kalifornien wird immer meine andere Heimat bleiben, und ich versuche jedes Jahr hinzufliegen und meine Freundschaften dort zu pflegen.

Berlin ist unglaublich interessant. Diese Stadt ist gelebte Geschichte, hier sind meine Oma und mein Vater 1946 aus Schlesien angekommen, bekannte Persönlichkeiten aller Couleur sind in diesen Straßen gelaufen, Berlin hat geblüht, gefeiert und gelitten, war zerrissen in tiefstem Herzen und ist wiederauferstanden. Um Berlin zu verstehen, braucht man Zeit und Stärke. In dieser Stadt mit all dem Wissen heute wieder Tango zu tanzen, ist eigentlich unbegreiflich.

Ich liebe die Natur hier und trotzdem viel Kultur, strategisch ist es einfach sehr zentral mitten in Europa. Es dient für mich als wunderbare Plattform, um von hier aus viel zu reisen.

Berlin gibt viel Raum.

Bettina Maria

Was den Berliner Style angeht in Bezug auf Kleidung: das ist gewöhnungsbedürftig! Die jungen Frauen ziehen sich beim Tango besser an mittlerweile, wahrscheinlich weil sie viel auf Marathons und Encuentros reisen, und sich die anderen Tänzerinnen anderswo im Allgemeinen schicker und eleganter anziehen. Es gibt mittlerweile auch viele günstigere Labels aus Italien, Istanbul und aus Buenos Aires, das ist erfreulich. Trotzdem ist der allgemeine „Berliner Schick“ überholungsbedürftig, es muss mit der Geschichte der Stadt zusammenhängen. Da erfreut sich mir das Herz, wenn ich die Italienerinnen oder Französinnen sehe und Boutiquen in London, New York, LA. Was Style generell angeht, ist Berlin leider sehr weit hinten dran. Man sieht es auch auf der Fashion Week und in den Geschäften. München, Frankfurt, Wien, London etc. bietet da wesentlich mehr, und das sieht man definitiv reflektiert auf den internationalen Festivals.

Was ist dein liebstes Milonga-Outfit? 

Ich hab keines! Weil ich es dauernd ändere 🙂 An sich ziehe ich gerne Hosen mit Schlitz an, und enge Tops. Aber die letzten Jahre experimentiere ich gerne mit diversen Kleidern.

Gab es für dich so etwas, wie „deinen schönsten Tangomoment“?

Es gab definitiv viele in 22 Jahren mit wunderbaren Tanzpartnern. Ich erinnere eine sehr starke Tanda in Buenos Aires mit einem jungen Tänzer im Estudio Dinzel, wo komplette Harmonie da war, auf eine Weise, wie ich es noch nie erlebt hatte.

Komplette Synchronizität, es war wie Fliegen durch Raum und Zeit in gemeinsam erlebter Kreativität.

Bettina Maria

Überhaupt habe ich an diesem Ort, dem beliebten und bekannten “Estudio Dinzel”, wo ich damals das Privileg hatte, noch persönlich mit Rodolfo Dinzel zu trainieren, fantastische Erfahrungen gehabt. Eine andere unglaubliche Erfahrung dort war mit Mariel Altobello, meiner Freundin, die bereits lange mit Rodolfo studierte. Wir waren beide keine Führenden, aber sehr experimentierfreudig. Wir haben so viel gelacht, denn wir tanzten komplett ausserhalb jeglicher “Regeln”, einzigartig und gleichzeitig technisch in Harmonie.
Ein anderer signifikanter „Moment“ war beim Zuschauen an einem Nachmittag, nachdem ich viel getanzt hatte und plötzlich instinktiv bemerkte, wie sich meine gesamte Wahrnehmung des Gehörs veränderte, und ich die Musik nicht mehr nur durch das Ohr hörte, sondern mit dem gesamten Körper wahrnahm. Das war eine phänomenale Erfahrung, die sich seitdem nicht mehr geändert hat. Es gibt Untersuchungen darüber, die das bestätigen, und ich musste immer an Mariana Dragone denken, die mir in einer Privatstunde sagte: „Du hast drei Partner im Tanz: den Boden, die Musik und deinen Partner.“ In dem Moment wusste ich, was sie meinte. Danach habe ich viel Fokus auf die Beziehung mit dem Boden gelenkt, es wurde eine Art „Holy Trinity“ zwischen Musik, Boden und Partner. Ich habe viel mit Wahrnehmung experimentiert und dadurch den Tanz nach ca. 15 Jahren ganz neu erfahren.

Wie erlebst und verbringst du diese Zeit ohne den sozial getanzten Tango?

Ich vermisse den Tanz manchmal, jedoch ist für mich der Tango nur eine Art, sich zu erfahren. Jetzt mache ich andere Sachen: Ich arbeite eh kreativ, physisch achte ich mehr auf Zeit in Natur, es tut gut, viel Ruhe zu haben, mal nicht so viel zu reisen, viel Schlaf zu bekommen, sich mit Freunden zu treffen. Ich genieße es, Tangofreunde anders kennenzulernen als durch Tango, ich erlebe es als Erweiterung.

Tango ist immer lebendig, ob ich Tango direkt ausübe oder nicht.

Bettina Maria

Tango verändert Dich nachhaltig, ich sehe das auch in anderen langjährigen Tänzern, ich erlebe die Flexibilität, die Leichtherzigkeit.

Worauf freust du dich am meisten, wenn wieder sozial getanzt werden darf? 

Vor allem freue ich mich wieder auf die Community, auf die Umarmungen, auf das Reisen, die Tandas und die Musik! Ich freue mich sehr auf meine Festivals, wo ich seit Jahren vertreten bin und viele Leute kenne, in Basel, Lissabon, Wuppertal, Wiesbaden, San Francisco, auch hier in Berlin, und neue Festivals, wo ich dieses Jahr das erste Mal dabei sein würde wie Mallorca. Vielleicht passiert ja noch ein Wunder und die Herbstfestivals werden stattfinden?

Benötigst du in der aktuellen Situation Unterstützung? Wenn ja, wie kann man dich unterstützen? 

Definitiv. Meine Mode ist zum Verkauf jederzeit erhältlich! Da ich insbesondere auf Festivals ausgestellt hatte und viel gereist bin, würde ich mich jetzt sehr über Kundinnen freuen, die ins Atelier kommen, denn ich bin jetzt viel hier und früher oder später werden wir alle wieder tanzen! Ich bereite jetzt endlich den lang fälligen Webshop vor, der ca. ab Mitte Juli online sein wird.

Außerdem werde ich zukünftig auch eine Herren-Kollektion (innovative T-Shirts und Westen) anbieten, Stoffe sind bereits bestellt. Hosen vertrete ich aus Italien.

Ich arbeite auch viel nach Maß, für besondere Größen, auch u.A. für Special Occasion, Brautkleider, Abendmode etc.

Gibt es noch etwas, was du an dieser Stelle gerne sagen würdest? 

Tango-Mode von Bettina Maria

Ja, dass ich mich jedes Mal freue, wenn ich Kundinnen irgendwo in einem meiner Outfits tanzen sehe. Es passiert oft, dass ich Kundinnen aus ganz anderen Kontexten und Städten irgendwo wiedertreffe, manchmal wissen sie nicht, dass das Outfit, das sie tragen, von mir gemacht wurde, und dass es zu jedem Kleidungsstück eine Geschichte gibt: wie ich den Stoff gefunden habe, wo er herkommt, wie das Kleid gemacht wurde, wo es verkauft wurde. Es freut mich sehr, dass meine Kundinnen so loyal sind und ich, obwohl Tango ein kleiner Markt mit viel Konkurrenz ist, es bisher geschafft habe, in dem Bereich ein Geschäft aufzubauen. Ich möchte mich für das Vertrauen und die Unterstützung meiner Kundinnen an dieser Stelle bedanken!

Ich freue ich mich sehr über Berliner, die jetzt ins Atelier kommen wollen, und bin erreichbar via Email und Telefon für Terminabsprachen.

Webshops ab Mitte Juli:
http://you-tango.com
www.costumecoutureberlin.com

Meine Facebook Seiten:
BETTINA MARIA – MODAS DE TANGO
COSTUME COUTURE BERLIN

Instagram:  bettina.maria.modasdetango

Das Interview wurde geführt von Laura Knight.

2 Kommentare zu „„Tango bedeutet Freiheit.“

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