„Ich kann nicht aufhören zu tanzen.“

Nikita Gerdt, Tangotänzer und -lehrer, Tango Akademie Nikita Gerdt

Nikita Gerdt, Foto: Federico Paleo

Im ersten Teil des Interviews sprach Nikita nicht nur über sein eigenes Tangotraining und seinen Tangounterricht, sondern nahm uns auch die Sorge, durch die momentane Pause den Tango zu verlernen. Im zweiten Teil des Interviews berichtet er über die besondere Atmosphäre in Buenos Aires während der Tango-Weltmeisterschaft (Mundial) und seine Faszination für den Tango Escenario.


Du hast als Teilnehmer die deutschen und die UK Tango Championships gewonnen und mehrfach an der Weltmeisterschaft in Buenos Aires teilgenommen. Ich habe das Gefühl, Tango-Contests sind in letzter Zeit fast schon ein neuer Trend geworden. Was macht aus deiner Sicht den besonderen Reiz dabei aus?

Es gab schon Tango Contests in Buenos Aires vor der Diktatur in Argentinien. Aber wenn du Europa meinst, dann ja. Für mich war es sehr schön, zusammen mit anderen Tanzpaaren aus Europa in Buenos Aires zu sein und sich auf die Mundial vorzubereiten. Mein Eindruck war, dass die Tanzpaare, die zum Contest kommen, ein echtes Interesse an Tango haben. Sie lieben ihn und sind hungrig danach – hungrig nach Wissen und Erleben. Da konnte man voneinander lernen, zum Unterricht gehen, Tango sehen und erfahren, tagelang. Und man nimmt Tango auch dadurch auf, dass man in dieser spezifischen Kultur war und den Tango dort erlebt hat, wo er etwas ganz Natürliches und Selbstverständliches ist. So viele gute Tänzer um sich herum zu haben, war sehr inspirierend und motivierend für den eigenen Tanz. Viele Paare kommen ja einen Monat vor dem Contest schon nach Buenos Aires, um sich vorbereiten zu lassen. Danach tanzen sie einfach nochmal so viel besser. Und das ist gut für alle. Vor allem für ihre Schüler und Mittänzer in ihrer Heimatstadt.

Für mich persönlich war es damals vor allem gut, durch den Contest ein konkretes Ziel zu haben.

Ich saß auch schon bei regionalen Contests in der Jury. Aber Jury zu sein ist wirklich schwere Arbeit. Da tanze oder unterrichte ich lieber.

Die Zeit in einer Kompanie war für mich übrigens noch viel spannender und inspirierender als die Vorbereitungen auf den Contest. 2017 war ich in Buenos Aires in der Kompanie von Jonathan Spitel. Als wir in einer Gruppe an Stücken gearbeitet haben und aufgetreten sind, das hat mir viel Spaß gemacht. Seitdem habe ich besonders großes Interesse an künstlerischer Arbeit.

Ob jemand unterrichtet oder auftritt, das allein sagt noch nicht viel über seinen Tanz aus.

Nikita Gerdt

Du beschäftigst dich intensiv mit Tango Escenario, also Bühnentango. Was fasziniert dich daran besonders? Inwiefern kann es aus deiner Sicht auch für Amateure spannend sein, Tango Escenario zu lernen?

Eine kleine Anmerkung: In Buenos Aires ist der Übergang zwischen Amateuren und Profi total gleitend. Ich finde es schon ganz richtig, da keine Unterscheidung zu machen. Ob jemand unterrichtet oder auftritt, das allein sagt z.B. noch nicht viel über sein Tanz aus. Es ist also eigentlich vollkommen egal.

Bühnentango bringt den künstlerischen Aspekt im Tango zum Vorschein. Ich liebe Kunst. Und Bühnentango kann unglaublich schön sein, wenn er authentisch ist. Die choreographische Arbeit ist oft sehr hart, aber das Resultat ist berauschend. Ich selber habe dadurch unglaublich viel über Tanz und Tango gelernt und hatte danach so viel mehr Spaß beim Tanzen in der Milonga. Ich entdeckte zusätzliche Dimensionen, Tiefe und neue Möglichkeiten. Allein schon mit der Musik kann man dadurch besser umgehen.

Ich kann choreographische Arbeit jedem Tänzer, der Interesse daran hat, empfehlen. Man kann Choreographie ohne schwere Bühnenelemente tanzen. Bühnentanz bedeutet ja nicht zwingend Akrobatik oder Leistung, es geht viel mehr um Präsenz und Raum, um Ausdruck und Inhalte.

Viele Tango-Profis und auch Amateure sind sehr auf Tango fixiert, was gerade in dieser Zeit schwierig ist. Wie ist es bei dir? Was machst du, wenn du nicht tanzt oder Tango unterrichtest?

Ich habe ja weitertrainiert, hahaha, daher kam ich nicht dazu Tango zu vermissen. Ich kann nicht aufhören zu tanzen.

Milongas sind schön wegen vieler Dinge, und ich freue mich, wenn wir wieder zur Milonga gehen können, aber ich leide nicht ohne Milongas, solange ich für mich selbst tanzen kann. Soziale Kontakte kann man auch ohne Milongas pflegen.

Wenn ich mal nicht tanze, gehe ich gern in der Stadt oder im Wald spazieren. Ansonsten interessiere ich mich für bildende Kunst, Kinematographie, Geschichte und Literatur.

Gab es für dich so etwas wie „deinen schönsten Tangomoment“, wenn ja, welcher was es?

Das Konzept eines „schönsten Tangomoments“ ist für mich etwas überspannt gefasst. Ich genieße das Tanzen und den Tango, deshalb tanze ich. Ich würde dies nicht an einem bestimmten Moment festmachen. Das Leben hält im allgemeinen viele Momente mit unterschiedlichen Qualitäten bereit und diese können mit dem Tango verbunden sein, müssen es aber nicht.

Worauf freust du dich am meisten, wenn wieder sozial getanzt und unterrichtet werden darf?

Ich habe mich sehr gefreut wieder unterrichten zu können und meine Schüler zu sehen. Ich freue mich auch schon, wenn ich in Berlin alte Tangobekanntschaften wieder in der Milonga sehen kann. Und ich möchte auch gern wieder nach Russland und Griechenland zum Tanzen reisen können.

Wie kann man am besten Kontakt zu dir aufnehmen oder sich über deine Aktivitäten informieren?

Meine Seite muss noch überarbeitet werden. Aber ja:
Facebook Nikita Gerdt Tango Academy
Whatsapp 0177-3141924
Meine Website: www.nikitagerdt.com

Zur Zeit teilweise geänderte Kurszeiten, bei Interesse am besten vorher melden.

Vielen Dank, Nikita.

Das Interview führte Laura Knight.

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