„Mir gefällt das Spiel.“

Nikita Gerdt, Tangotänzer und -lehrer, Tango Akademie Nikita Gerdt

Nikita Gerdt, Foto: Olga Degtyarenko

„Ich will, dass die Leute gut tanzen“, sagt Nikita Gerdt, und meint damit nicht technische Perfektion, sondern einen Tango, der einfach Spaß macht. Dafür ist auch der gute soziale Umgang auf der Milonga wichtig. Nikitas Unterricht ist geprägt von Kreativität, Begeisterung und einer positiven Stimmung untereinander. Gleichzeitig gehört es für ihn auch dazu, sich als Tangotänzer und -lehrer stetig fortzubilden und selbst zu trainieren. Jedes Jahr verbringt er mehrere Wochen in Buenos Aires und arbeitet dort intensiv mit verschiedenen Maestros. Auch während der Corona-Zeit ging sein persönliches Training in Berlin weiter. Im Interview lässt er uns an seiner Freude am Tango teilhaben.

Ich genieße das Tanzen und den Tango, deshalb tanze ich.

Nikita Gerdt

Was machst du normalerweise mit und für den Tango?

Kurz zu mir, ich bin in Moskau geboren und aufgewachsen und kam mit 14 Jahren nach Deutschland. Vor 15 Jahren habe ich mit Tangotanzen angefangen und bin wegen der großen Tangoszene letztendlich nach Berlin umgezogen. Hier tanze und unterrichte ich seit 2014. Meine Schule, die Tango Akademie Nikita Gerdt, bietet professionellen Unterricht an drei unterschiedlichen Standorten in Berlin. Ich konzentriere mich auf kleine Gruppen und intensiven Einzelunterricht. Gelegentlich mache ich Auftritte und gebe Workshops in anderen Ländern. Ich nehme auch ganz gern an künstlerischen Projekten teil, die mit Tango zu tun haben. Vor ein paar Jahren habe ich z.B. zusammen mit einigen Musikern eine Reihe Konzerte mit klassischer Musik, Tango und Tanz vorbereitet und bin damit an einigen Bühnen in Berlin aufgetreten. Ich hatte eine Weile eine choreographische Gruppe, wo wir mit vielen jungen Leuten mit Tango Escenario gearbeitet haben.

Wie kamst du zum Tango und was fasziniert dich daran bis heute?

Angefangen habe ich durch einen Freund, der mich zu einem Studentenkurs einlud. Das war während meines Physikstudiums. Damals habe ich viel Sport getrieben und hätte mir nicht vorstellen können, dass mir Tanzen gefallen könnte. Was mir daran gefällt…, wahrscheinlich ist es die Euphorie, die ich in dem Moment empfinde. Mich fasziniert der tänzerische Dialog, wenn er delikat, fein und reich ist, wenn man so viel empfinden, erleben und ausdrücken kann. Mir gefällt das Spiel. Wenn man letztendlich in einem Moment verschmilzt mit der Musik und dem Partner, wenn es nur den Moment gibt.

Ein Moment, in dem die ganze Welt stehen bleibt und auf dich wartet.

Nikita Gerdt

Was zeichnet deinen Tangounterricht aus, was möchtest du vermitteln?

Allgemein gesagt: Tanzen macht glücklich. Und ich möchte mehr glückliche Menschen um mich herum sehen. Ich glaube, wir brauchen das. Außerdem möchte ich, dass Leute um mich herum gut tanzen. Es macht mehr Spaß in einer Milonga mit guten Tänzern. Das war letztendlich der Grund, warum ich zu unterrichten anfing.

Denn als ich selbst mit Tango anfing, war es sehr schwer etwas über Tango zu lernen oder zu erfahren, wenn man nicht in Buenos Aires war. Jetzt gibt es auch in Europa viele gute Tänzer und Lehrer. Das professionelle Niveau ist stark gestiegen in der Zeit.

Im Tango-Unterricht von Nikita Gerdt

Zu meinem Unterricht konkret: Ich denke, ich kann das Tanzen ziemlich einfach machen, es ist nicht schwer tanzen zu lernen, es kostet nur etwas Zeit. Ich kann ganz gut erkennen was im Moment für den Tänzer notwendig ist um weiterzukommen. Ich schätze das ist, was mich auszeichnet, ich kann gut beim anderen sein.

Zudem habe ich mich mit vielen Methoden und unterschiedlichen Stilen und Techniken beschäftigt, das hilft sehr, weil die Leute teilweise sehr unterschiedlich tanzen wollen.

Jedes Jahr bin ich ein bis zwei Monate in Buenos Aires zum Trainieren. Mit dem Material arbeite ich dann selbst weiter. Dort ist man so nah an der Quelle, kann sich mit Tänzern austauschen und Entwicklungen ganz anders mitkriegen. Das ist aus meiner Sicht extrem wichtig für einen Lehrer, wie in jedem anderen Fach: ständige Fortbildung. Hoffentlich klappt es wieder im November mit meiner Reise nach Buenos Aires.

Insgesamt lege ich beim Tango besonderen Wert auf den guten sozialen Umgang und die tänzerische Fähigkeit – das will ich auch weitergeben. Mit tänzerischer Fähigkeit meine ich nicht die Technik. Die ist notwendig als Instrument und ist insofern lediglich das Fundament für den Tanz. Das eigentlich Entscheidende ist, wie man darauf aufbaut und seinen Tanz weiterentwickelt, die Emotion, Präsenz, Musikalität, die Kenntnis der tänzerischen Form, der eigene Geschmack und so vieles mehr.

Normalerweise unterrichtest du fast täglich und trainierst auch für dich selbst sehr viel. Wie sieht dein Alltag jetzt aus?

Na jetzt hat sich der Alltag fast wieder normalisiert… In den letzten Monaten habe ich viel Zeit für mich gehabt, das war gar nicht mal so schlecht. Hab dann mehr für mich trainiert.
Normalerweise habe ich tagsüber mein eigenes Training und Einzelstunden mit Schülern und abends Gruppen. Einen Tag pro Woche mache ich komplett tanzfrei, außer wenn ich mal wegfahre, dann bin ich ununterbrochen beim Tanzen. Doch für mich ist das kein Stress, ich organisiere das meist relativ entspannt, d.h. mit den Schülern trinken wir auch mal einen Kaffee nach dem Unterricht, wir unterhalten uns, ich nehme mir da viel Zeit für alles. Der Umgang mit Leuten macht mir Freude.

Nikita Gerdt, Foto: Victoria Fedirco

Welche Tipps hast du für Hobby-Tangotänzer*innen, die Angst haben, durch die lange Pause alles zu verlernen?

Tanzen ist nicht Bewegung, es ist ein Zustand des Geistes. Wenn man das ein Mal hat, kann man es nicht verlernen. Aber ich verstehe, was du meinst, ich glaube, da muss sich keiner Sorgen machen, der Körper wird schnell wieder reinkommen. Man hat vielleicht gerade etwas Neues gelernt und an etwas gearbeitet und dann kam die Pause. Aber spätestens wenn der Unterricht und das Training wieder losgehen, kann man alles auffrischen. Da habe ich immer sehr gute Erfahrungen gemacht. Ein Vorteil ist es, strukturiert und präzise gelernt zu haben. Dann findet man sich schnell wieder gut zurecht. Außerdem ist Tanzen etwas sehr Intuitives… es ist daher sowieso wichtig mal alles loszulassen, die Ideen und Informationen sacken lassen, neue Erlebnisse zu haben. Da tut eine Pause manchmal sogar sehr gut.

Tanzen ist nicht Bewegung, es ist ein Zustand des Geistes.

Nikita Gerdt

Man konnte und kann ja auch online Unterricht nehmen, das hat eine gewisse Effektivität. Ich finde es empfehlenswert, wenn man gerade keine andere Option hat. Es ist aber schwer online Neues zu lernen – Dinge, die man mit dem eigenem Körper noch nicht erlebt und körperlich verstanden hat, sind online schwer zu erkennen und nachzumachen. Man kann sich trotzdem viele inspirierende Ideen und Bilder holen und an dem arbeiten, was man bereits versteht. Es ist auch gut Videos aufzunehmen und einen Profi einen Blick drauf werfen zu lassen, um sich nichts Falsches anzutrainieren. Ich empfehle, die Videos der alten Milongueros anzuschauen, z.B. Finito, Mingo, Puppi, Todaro, Nestor Ray, El Turco José, Miguel Balmaceda und andere. Durchs Zuschauen nimmt man auch auf. Und es gibt ja jetzt bereits beschränkt wieder Möglichkeiten tanzen zu gehen.

Wie kann man am besten Kontakt zu dir aufnehmen oder sich über deine Aktivitäten informieren?

Meine Seite muss noch überarbeitet werden. Aber ja:
Facebook Nikita Gerdt Tango Academy
Whatsapp 0177-3141924
Meine Website: www.nikitagerdt.com

Aktuell teilweise geänderte Kurszeiten, daher bei Interesse am besten vorher per Whatsapp melden.

Vielen Dank, Nikita.

Im zweiten Teil des Interviews, das am Samstag, 27. Juni 2020 hier auf dem Tangoblog erscheint geht es um die Tangoweltmeisterschaft in Buenos Aires, Tango Escenario und darum, warum Nikita auch während Corona gar nicht dazu kam, den Tango zu vermissen.

Das Interview führte Laura Knight.

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