„Der Tango lebt in uns, auch wenn keine Milongas stattfinden.“

Michaela Böttinger, Tangotänzerin und -lehrerin, Experience Tango

Sei es in ihrer Tango-Version von Goethes Faust oder auf humorvolle Weise in der Choreographie „Die Diva und der Mechaniker“, Michaela Böttinger und Cristian Miño lieben es, mit ihrem Tango Geschichten zu erzählen. Regelmäßig sind beide als Tanz- und Lehrerpaar auch in Berlin zu Gast. In diesem Jahr musste ihre Tour verschoben werden. Im Interview erzählt Michaela Böttinger, die aus Deutschland stammt, aber seit vielen Jahren in Argentinien lebt, über ihr Leben mit dem Tango und den Tango in Buenos Aires.

Michaela Böttinger und Cristian Miño, Experience Tango

Was machst du normalerweise mit und für den Tango?

Vielleicht ist es interessanter zu erzählen, was der Tango für mich getan hat: Der Tango ist wie ein Prisma, das meinem Leben einen Reichtum an Facetten und Farben gegeben hat.
Dank des Tangos lebe ich ein unglaublich abwechslungsreiches Leben. Seit 15 Jahren wohne ich auf einem anderen Kontinent. Ich trete in verschiedenen Tangoshows in Buenos Aires auf und toure mit internationalen Kompanien wie Tango Metropolis durch die Welt. Durch den Tango habe ich die große Liebe meines Lebens kennengelernt habe. Cristian ist mein Ehemann, mein Tanzpartner aber v.a. mein Zuhause… Zusammen reisen wir durch die Welt, lernen interessante Leute kennen, unterrichten auf Festivals, in Tanzschulen, treten in Milongas auf und kreieren unsere eigenen Shows.

Der Tango hat meinem Leben eine Intensität und Tiefe der Emotionen gegeben, die ich mir vorher nie erträumt hätte.

Michaela Böttinger

Wie kamst du zum Tango und was fasziniert dich daran bis heute?

Ich erinnere mich noch genau: Es war der 26. Dezember, die Straßen dick verschneit, durch ein Fenster sah ich bei Kerzenlicht eng aneinandergeschmiegte Paare über die Tanzfläche schweben… Ich bin natürlich sofort hineingegangen!
Diese Umarmung, die mich damals durch das Fenster so verzaubert hat, ist für mich weiterhin DIE Faszination des Tangos… Diese Nähe, dieses Verbundensein, diese Sehnsucht danach, dass diese drei Minuten ewig währen…

Gab es für dich so etwas, wie „deinen schönsten Tango-Moment“, wenn ja, welcher war es?

Da muss ich ein bisschen weiter ausholen… Cristian und ich lieben es, durch den Tango Geschichten zu erzählen. Dies ist uns in „Fausto – a Tangostory“, einer auf Goethes Faust basierenden Bühnenbearbeitung, auf eine ganz besondere Art und Weise gelungen. Für mich war dieses Stück zu schaffen und aufzuführen, ein absoluter Höhepunkt meines Tangolebens.
Der Tango dient uns hier als Ausdrucksform von Gretchen und Faust und deren Sehnsucht danach, „Eins zu sein“ mit dem Anderen.
Ganz nach den Worten, mit denen Faust den Pakt mit dem Teufel besiegelt: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“.
Der Tango ist eine Union zwischen zwei Menschen, die ständige Präsenz eines Dritten (Mephisto) ist daher eine konstante Bedrohung der Harmonie. Wenn Mephisto mit Faust und Gretchen interagiert, verzerrt er die Strukturen und Elemente des Tangos, wodurch das Diabolische und Manipulative seines Handeln klar zur Geltung kommt.

Als nach der Premiere der Vorhang fiel und der Applaus aufbrauste, war ich absolut glücklich. Dieser Moment zählt zu einem der schönsten in meinem Leben!! Wer Interesse hat, kann unter folgendem Link einen Auszug sehen: https://www.experiencetango.online/tango-online
 
Du lebst seit vielen Jahren in Argentinien, bis vor kurzem in Buenos Aires. Wie hast du den Tango dort erlebt? Was ist aus Deiner Sicht das Besondere daran, in Buenos Aires Tango zu tanzen?

Nachdem in mir das Tangofieber erwacht war, beschloss ich nach Buenos Aires zu gehen. Ursprünglich für 1 Jahr… 15 Jahre später lebe ich immer noch in Argentinien ;)…
Als ich in Buenos Aires ankam, dachte ich, ich wäre bereits eine gute Tänzerin. Bereits nach meinem ersten Milongabesuch war mir klar, dass ich von vorne anfangen musste. In Buenos Aires habe ich verstanden, dass der Tango nicht nur Schrittfolgen bedeutet, sondern Teil der Kultur ist. Wie sich die Menschen auf der Straße bewegen, nostalgisch durch ein Caféfenster schauen oder lautstark, wild gestikulierend miteinander diskutieren… Der Lärm, die Abgase, das Chaos… Das für uns Europäer etwas „Altmodische“ im Umgang zwischen Mann und Frau… All das ist der Tango. All das findet sich allabendlich in den Milongas wieder -apropos, es gibt ca. 450 verschiedene Milongas in Buenos Aires. Auch diese Vielfalt ist besonders. Alle Arten von Tangogemeinden sind vertreten, für jeden ist etwas dabei. Für die konservativen Milongueros, die nur die Musik aus den 40er Jahren hören möchten, oder die „jungen Wilden“, die live zu neuen Tangoorchestern tanzen.

Buenos Aires ist das Mekka aller Tangotänzer. Die wenigsten Argentinier, die professionell Tango in Buenos Aires tanzen, sind auch hier geboren. Die meisten kommen aus den verschiedenen Provinzen.

Doch, wer den Tango verstehen will, muss ihn in Buenos Aires erleben.

Michaela Böttinger

Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es nicht immer einfach ist und viel Zeit braucht, sich in der Tangoszene in Buenos Aires zurecht zu finden, organisieren Cristian und ich zweimal Mal im Jahr eine Tangoreise nach Buenos Aires. Wir möchten unseren Schülern UNSER Buenos Aires auf eine persönliche Art näher bringen: den Tanz, die Vielzahl an unterschiedlichen Milongas, die Musik, die Geschichte, und v.a Dingen die Menschen, die den Tango ausmachen.
Oft beobachte ich in den Milongas, dass die Europäer (oder Tangotänzer anderer Nationalitäten) isoliert und unter sich bleiben. Wir möchten aber, dass unsere Schüler in die argentinische Kultur integriert werden. Deshalb begleiten uns argentinische Tänzer in den Milongas und bei den Tangokursen. An den gemischten Tischen wird nicht nur miteinander getanzt, es kommt auch ein wunderschöner kultureller Austausch zustande.
Auch die Musik kommt nicht zu kurz: bei Privatkonzerten und Gesprächen mit argentinischen Musikern wie dem Bandoneonisten Daniel Ruggiero (Sohn von Osvaldo Ruggiero, Bandoneonist von Pugliese) und Noelia Moncada, Sängerin und mehrfach ausgezeichneter Nachwuchsstar, bekommen unsere Schüler einen Einblick in die Hintergründe, Geschichte und Gegenwart der Tanzmusik.

Mehr Info: https://www.experiencetango.online/buenos-aires-trips

Viele Tango-Profis und auch Amateure sind sehr auf Tango fixiert. Wie ist es bei dir? Hast Du ein Leben neben dem Tango? Wenn ja, was machst Du, wenn du nicht tanzt oder Tango unterrichtest?

Da der Tango mein Leben sehr ausfüllt, ist es für mich wichtig, auch andere Interessen zu pflegen. Ich lese unglaublich gerne. Musik gehört für mich von klein auf zum Leben dazu… meine Mutter ist Pianistin und ich habe selbst mit vier Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Ich höre gerne klassische Musik und Jazz, gehe gerne ins Theater, die Oper, ins Ballett. Ich mache täglich Yoga. Und natürlich verbringe ich viel Zeit mit meinen Hunden und genieße lange Strandspaziergänge mit den beiden.
Alle diese Dinge inspirieren mich wiederum in meinem Tango… Der Tango lebt ja von der Persönlichkeit des Einzelnen, diese wiederum wird durch unsere Erfahrungen, Empfindungen und Interessen bereichert.

Worauf freust Du Dich am meisten, wenn wieder sozial getanzt, unterrichtet und gereist werden darf?

Menschen ohne Angst, ohne Mundschutz treffen und umarmen zu dürfen, darauf freue ich mich am meisten.

Wie kann man am besten Kontakt zu euch aufnehmen oder sich über eure Aktivitäten informieren?

Wir würden uns freuen, mit euch während dieser Isolation der Quarantäne in  Kontakt zu bleiben!!
Infos über uns und unsere Aktivitäten findet ihr auf folgenden Seiten:
Webseite: https://www.experiencetango.online/
Facebook: https://www.facebook.com/mikaycristiantango/
Instagram: https://www.instagram.com/mikaycristian/
Youtube: https://www.youtube.com/user/tangotraumholidays
Email: holaexperiencetango@gmail.com
Seit kurzem haben wir auch einen Blog, wer reinschnuppern möchte:
https://www.experiencetango.online/blog

Das Interview wurde geführt von Laura Knight.

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