»Der Tango ist ein anspruchsvoller Liebhaber«

Philippa, Tangotänzerin, Berlin

Bei den letzten Tangosafaris in Brody (Polen) hat sie einen »Tangopoesie-Theater«-Workshop angeboten. Mit ihrem Freund hat Philippa die TeilnehmerInnen zur pantomimischen Darstellung eines Tangolieds angeleitet. Tango ist ein Teil ihres Lebens, so dass ihr Lieblingsmotto ist: »Ein Leben ohne Tango ist möglich, aber nicht sinnvoll.« Wir haben Philippa gefragt, wie es ihr aktuell geht.

Foto: Wolfram Spaete

Ich muss nicht um meine Existenz fürchten, wie viele andere. An Langeweile oder Einsamkeit leide ich nicht, da ich zwischen Home Office und Präsenz-Arbeit viel zu tun habe und meine Söhne und meinen Lebenspartner regelmäßig sehe, außerdem pflege ich meine Beziehungen auch digital weiter. Meine Mutter hat oft gesagt, eine Krise ist immer auch eine Chance. Ich stelle mir vor, dass wir vielleicht etwas lernen und Dinge zum Positiven wenden können. Ich vermisse es zutiefst, zu den Milongas zu gehen. Normalerweise gehen wir zweimal die Woche tanzen, im Sommer am liebsten in der Strandbar. Ansonsten gern zu Veranstaltungen mit Live-Musik, insbesondere vom Berlin Tango Community Orchestra, aber auch zu den Milongas von Pippo, die immer an verschiedenen Orten stattfinden. Auch jetzt bin ich nicht ganz ohne Tango. Mit meinem Lebenspartner tanze ich oft in seinem Wohnzimmer ein paar Tangos. Wenn ich alleine bin, mache ich mir manchmal Tangomusik an und tanze mit den Stühlen, den Wänden, den Türrahmen und dem Küchentisch. Vor Kurzem habe ich per Stream ein Konzert des Cuarteto Rotterdam im Tangotanzen macht schön gehört, das war ein Sehnsuchtsverstärker. Ich träume fast jede Nacht von einer Milonga. Meistens gibt es im Traum jede Menge Hindernisse. Entweder ich habe nur einen Tanzschuh dabei (ein Albtraum!), oder ich finde den Weg nicht. Manchmal aber träume ich auch vom Tanzen und kann mit Leichtigkeit die elegantesten Figuren.

Ihr bietet einen »Tangopoesie«-Workshop an? Was ist das?

Im Sommer waren wir in den letzten Jahren bei der Tangosafari in Brody (Polen) und haben dort Workshops zum Thema »Tangopoesie-Theater« gegeben. Wir haben den Text eines Tangos ins Deutsche übersetzt und dann mit den TeilnehmerInnen des Workshops einen Theatersketch erarbeitet, bei dem weniger das Tanzen im Vordergrund stand, als den Inhalt des Liedes pantomimisch darzustellen, während der Text vorgelesen und die Melodie eingespielt wird. Auf diese Weise wollten wir die Poesie des Tangos den TänzerInnen näher bringen, die kein Spanisch verstehen. Für diesen Workshop war es sehr hilfreich, dass wir beide schon mal geschauspielert haben, bei dem Stück Tangomaxx , einer Satire von Andrej Togni.

Wie ist Tango dir begegnet? Wie war dein erstes Mal?

Tangomusik ist mir zum ersten Mal in Spanien begegnet. Eine Zeitlang habe ich fast nur Carlos Gardel gehört. Ans Tanzen habe ich damals noch nicht gedacht. Später, in Berlin, haben mich argentinische Freunde, Duna und Gabriel, die damals noch nicht auftraten, zu einem Tangokonzert bei einer Milonga im Ballhaus Rixdorf mitgenommen. Ab dem Moment, wo ich eine Tänzerin habe tanzen sehen, mit geschlossenen Augen, voller melancholischer Hingabe, bin ich dem Bann des Tangos verfallen. Den Ausdruck auf ihrem Gesicht habe ich nie vergessen.

Man sagt, Tango kann das Leben verändern. War das bei dir so?

Definitiv hat der Tango mein Leben verändert. Der Tango ist ein anspruchsvoller Liebhaber, der Menschen aus meinem Leben verdrängt hat, die meine Passion nicht verstanden haben. Als ich angefangen habe zu tanzen, wurde das Gefühl immer stärker, dass ich darauf nicht mehr verzichten will oder kann. Ich habe mich vom Tango gefangen nehmen lassen, und er hat mir Freiheit gegeben. Der Tango hat etwas Bedingungsloses für mich. Er hat es über die Jahre nicht verloren. Der Tango hat aber auch Menschen in mein Leben gebracht, mit denen mich inzwischen über den Tango hinaus viel verbindet. Tango ist auch ein Körpergefühl, er richtet dich auf, er sagt: »Bei mir bist du schön.« Du machst dich schön für ihn, und jede Bewegung, die du vollführst, hat ein Ziel: Schönheit.

Gab es so etwas wie einen schönsten Tangomoment?

Schwer zu sagen. Es gibt immer wieder besondere Momente. Man kann sie nicht herstellen, nur herbeisehnen. Wenn die richtige Musik am richtigen Ort und der richtige Tänzer in der richtigen Stimmung zusammenkommen, dann entsteht ein Zauber, der unwiederholbar ist. Das ist gleichzeitig wunderbar und tragisch. Das ist für mich das Wesen des Tango.

Manche sagen, das Wesen des Tangos sei das Tanzen mit Fremden.  Wie geht ihr damit um, spielt Eifersucht eine Rolle?

Wollen wir zur nächsten Frage übergehen? Nein, Spaß. Das ist auf jeden Fall ein spannendes Thema. Manchmal ist es einfacher, mit Fremden zu tanzen, denn das Neue hat meistens einen Bonus, besonders wenn der eigene Partner vielleicht an einem Tag eine andere Vorstellung hat, wie ein Stück getanzt werden sollte, als man selbst. Das kann zu Missstimmungen und Konflikten führen. Andererseits geht es mir oft so, dass ich mit anderen tanze und mich darauf freue, die nächste Tanda mit meinem Partner zu tanzen. Als würde man wie ein Schiff in seinen Stammhafen zurückkehren. Eifersüchtig wäre ich, wenn ich nicht auf unsere Beziehung vertrauen würde. Nach Jahren des Zusammenraufens tue ich das aber.

Was ist das Schönste, was andere Dir durch Tango geben?

Früher, wenn ich alleine tanzen gegangen bin und vielleicht nicht in so guter Stimmung war, habe ich gesagt: »Ich tanze mich jetzt ins Gleichgewicht.« Spät nachts die Milonga zu verlassen und mit mir selbst und der Welt in Balance zu sein, das war ein großes Geschenk. Der schönste Moment ist der, wenn in mir das Gefühl entsteht, dass ich für denjenigen, mit dem ich tanze, zur Tangogöttin, zur Muse, zur Inspiration werde. Wenn wir beide im Tanz mit der Musik eins werden. Das schönste Kompliment ist, wenn ich merke, dass es ihm (oder ihr) genauso viel Vergnügen bereitet wie mir.

Unterstützt du die Tango-Profis aktuell?

Claro! Ich spende über die Gofundme-Plattform und den paypal-Pool an die verschiedenen Veranstalter und Tango-Profis. Ich tue das natürlich vollkommen »uneigennützig«, denn auch für Milongas gilt: »Ein Leben ohne Milongas ist vielleicht möglich, aber nicht sinnvoll.«

Das Interview führte Lea Martin.

Mehr Informationen über das Cuarteto Rotterdam, das im Interview genannt wird, findet ihr hier: http://www.cuarteto-rotterdam.com. Das Cuarteto Rotterdam bittet unter folgendem Link um Unterstützung: https://www.gofundme.com/f/cuarteto-rotterdam?utm_source=customer&utm_medium=copy_link-tip&utm_campaign=p_cp+share-sheet

»Ich träume fast jede Nacht von einer Milonga.«

Philippa, Tangotänzerin, Berlin

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