»Mit jeder Milonga machen wir die Welt ein Stück besser«

Rafael Busch, Leiter des »Tangotanzen macht schön«, Berlin

Der Corona-Krise begegnet er mit Energie. Er räumt den Getränkekeller leer, organisiert den Vertrieb der Tangotanzen macht schön-Kollektion, postet vegane Rezepte, tanzt mit Clownsnase auf der Straße. Rafael Busch vermittelt den Eindruck, dass nichts ihn umhauen kann. Dabei ist seine Tanzschule seit neun Wochen geschlossen. Wir haben ihn gefragt, wie es ihm geht.

Rafael Busch und Susanne Opitz, Foto: Volker Beushausen

Die wirtschaftliche Situation ist ernst, weil die Tangoschule seit neun Wochen geschlossen ist und wir alle Tangoreisen absagen mussten. Aber das können wir nicht ändern. Um nicht in eine Depression zu fallen, sind wir kreativ geworden und haben spontan kleine Videos gedreht. Viele Schüler und Freunde haben als Zeichen der Unterstützung die von Susanne gestalteten und produzierten T-Shirts, -Hoodies und -Taschen mit Sprüchen vom Tangotanzen macht schön (TTMS) gekauft. Wir freuen uns über jede Bestellung, jede Bestellung hilft. Als das Mindesthaltbarkeitsdatum unserer Getränke abzulaufen drohte, haben wir sie lieber zum Einkaufspreis verkauft oder verschenkt als weggeworfen. Die Leichtigkeit und Freude all dieser Aktionen hat sich bei mir zuhause fortgesetzt. Ich habe die Corona-Zeit genutzt, um einen veganen Online-Kochkurs zu besuchen. Die Ergebnisse teile ich mit Freude auf Facebook. Insgesamt könnte man sagen, die Hoffnung stirbt zuletzt und wir machen das Beste daraus. 

In einem aktuellen Beitrag erinnerst du dich an die 1990er Jahre, in denen Tango experimenteller gewesen sei. Was genau ist es, was du vermisst?

Jeder muss beim Tanzen oder auf der Bühne seinen eigenen Weg finden, deswegen bin ich kein Freund von »Stilen«, Wettbewerben und Vereinheitlichungen. Mir gefällt das Spielerische, Überraschende und Authentische mehr als die perfekte Wiederholung bestimmter Muster. Mit der Erfahrung von mehr als 25 Jahren Tango scheint mir, dass Tango Moden unterliegt, die geschätzte acht bis zehn Jahren andauern. Ich habe 1993 mit »Tango Nuevo« (Gustavo Naveira und Chicho) begonnen, dann kam »Milonguero« (mit Tete u.a.) und in den letzten 10 Jahren war »Tango de Salon« der vorherrschende Stil, der auf Weltmeisterschaften und Festivals gefeiert wurde. Ich erinnere mich, dass Anfang der 90er jeder irgendwie anders tanzte, auch die »Milongeros« waren keine homogene Gruppe, kein »Stil«. Aus meiner Sicht war es so, dass jeder sich vom Anderen abheben wollte, heute gibt es durch YouTube mehr Anpassungsdruck. Ich bewerte Tango weniger nach äußerlichen Merkmalen sondern frage mich, was die Tänzer mit ihrem Tanz mitteilen wollen.

Eine Tangoschule zu leiten, ist eine andere Hausnummer als zu zweit vom und für den Tango zu leben. Was motiviert dich, so viel Verantwortung zu übernehmen?

Ehrlich gesagt, würde ich ohne Susanne keine Tangoschule führen. Die Verantwortung, der Druck, die Finanzierung und Unternehmensführung, das ist mir oft zuviel. Wir schaffen das nur zu zweit und ergänzen uns perfekt. Im Unterricht, bei Veranstaltungen und Konzerten kommen Menschen jeden Alters und aus unterschiedlicher Herkunft zusammen. Es entstehen viele berührende und bewegende Momente, und wir machen mit jedem Kurs, mit jeder Milonga und jedem Tangourlaub die Welt ein Stück weit besser.

Aktuell wird ein Positionspapier der Berliner Tango-Profis unterzeichnet, das für Unterstützung der Tangoschaffenden durch den Senat plädiert. Wie siehst du die Notwendigkeit einer öffentlichen Förderung der Tangostätten?

Wir brauchen dringend eine Lobby, um Tangostätten durch die Krise zu retten, denn sind sie einmal geschlossen, kommen sie nach der Krise nicht zurück. Für eine blühende Tangokultur braucht es großzügige Locations, einladende Tangostätten mit professionelle Strukturen. Man kann auch im Hinterzimmer eines Restaurants tanzen und Kurse an wechselnden Orten geben, aber die Atrraktivität würde leiden, die Szene schrumpfen und unsere Tangokultur verloren gehen.

Für wohl alle Tango-Profis gilt, dass sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Wie hältst du persönlich diese Leidenschaft wach?

Ich liebe es enorm, zu unterrichten. Den Kontakt mit meinen Schülern vermisse ich noch mehr als das Tanzen selbst. In unserem Unterricht zeigen wir nicht nur »Schritte«, sondern wir zeigen, wie wir in Kontakt mir uns selbst, mit dem Partner und mit der Musik kommen. Das ganze Leben spiegelt sich im Tango, deshalb ist ein guter Unterricht nicht nur unterhaltsam, sondern auch eine »Lebensschule«. Die Leidenschaft beim Tanzen kommt bei mir automatisch, wenn ich den Kontakt zu mir selbst, zum Partner und zur Musik spüre. Wenn mir dieses Glück widerfährt, bin ich unendlich dankbar. Wenn nicht, verzichte ich auf das Tanzen.

Was wünschst du dir für die Zeit nach Corona?

Wir haben sehr viel Unterstützung erfahren und sind enorm dankbar. Jetzt hoffen wir, dass der Vermieter uns in den nächsten Monaten etwas entgegenkommt, damit wir weiter durchhalten. Und dann hoffe ich, dass wir Schritt für Schritt wieder an unsere erfolgreiche Zeit vor Corona in der Tangoschule anschließen können.

Das Interview führte Lea Martin.

Wer die Tanzschule »Tangotanzen macht schön« unterstützen möchte, kann etwas aus dem TTMS-Shop bestellen oder die Spendenaktion unterstützen:
https://www.gofundme.com/f/tangotanzen-macht-schon-krasse-mietausfalle?utm_source=customer&utm_medium=copy_link-tip&utm_campaign=p_cp+share-sheet

Für eine blühende Tangokultur braucht es großzügige Locations, einladende Tangostätten mit professionellen Strukturen.

Rafael Busch, Leiter des »Tangotanzen macht schön«, Berlin

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