„Es fasziniert uns, welche enorme emotionale Kraft eine gute, soziale Milonga haben kann“

„Hauptsächlich sind wir ja soziale Tänzer“, sagen Monica Suteu und Frank Seifart im Interview. Doch sie organisieren auch lokale Milongas sowie das Tangofestival Trasnochando in Berlin und sind international als Tango-DJs unterwegs. Besonders großen Wert legen sie auf eine gute Musikauswahl und eine gepflegte Tangokultur, die für sie zum besonderen Gesamterlebnis einer Milonga gehört. Gemeinsam unterrichten sie elegantes, milongataugliches, soziales Tanzen, was ihnen sehr am Herzen liegt. Berühmt und berüchtigt sind Franks „Ronda-Ansagen“ in der Berliner Sonntagsmilonga „Café Dominguez“.

Monica Suteu und Frank Seifart, Foto: Harald Keller

Was macht Ihr (normalerweise) für und mit Tango?

Hauptsächlich sind wir ja soziale Tänzer. Wir gehen gerne tanzen, genießen vor allem lokale Milongas, haben aber auch ein paar internationale Lieblingsevents, wohin wir regelmäßig zurückkehren. Gemeinsam veranstalten wir die wöchentliche Milonga „El Ocaso“ und das jährliche Festival „Trasnochando“. Wir sind auch beide Tango DJs, legen in Berlin und im Ausland auf, auf lokalen Milongas, Festivals, Marathons, Encuentros. Wir nehmen auch sehr gern Tango-Unterricht und geben wiederum gern das Gelernte weiter. Zum El Ocaso Programm gehört auch ein Tango-DJ Coaching. In diesem Programm helfen wir Interessenten, die ersten Schritte auf diesem Weg zu gehen.

Frank: …..Café Dominguez hat für mich eine spezielle Bedeutung. Hervorgegangen aus einer monatlichen Milonga, die ich im Rahmen einer Wochenendveransaltung etabliert hatte, wurde Cafe Dominguez zu einer ganz besonderen Veranstaltung. Von Anfang an war für mich klar, dass eine wirklich gute Milonga nur funktionieren kann, wenn alle zusammen, respektvoll in einer Ronda tanzen. Gerade bei diesem Thema wollte ich keine Kompromisse machen. Gemeinsam mit Daniela Feilcke Wolf wurde dann eine wöchentliche Milonga daraus, die sich großer Beliebtheit erfreut und ich genieße jedes einzelne Cafe Dominguez sehr.

Was bedeutet Tango für Euch im Allgemeinen und was in dieser speziellen Zeit?

Tango bleibt beim Hören, Üben und Tanzen in unseren Herzen.

Wie kamt Ihr zum Tango und was fasziniert Euch daran bis heute?

Monica: Ich stamme aus einer Musiker Familie und habe auch klassische Musik von Kind an studiert. So kam ich auch mit dem Tango recht früh in Berührung. Nach vielen Jahren ging es irgendwann nicht mehr, ich musste anfangen zu tanzen! So überzeugte ich meinen damaligen Freund einen ersten Kurs zu besuchen. Aber der Tanz oder die Musik sind ja nicht alles, das soziale Gefüge, die warme und entspannte Stimmung, der liebevolle, rücksichtsvolle, respektvolle Umgang, überhaupt eine schöne Zeit mit Gleichgesinnten zusammen zu verbringen, das alles macht auch den Tango aus und ist das, was mich daran fasziniert und bezaubert, und nicht mehr los lässt.

Frank: Meine damalige Freundin hatte mich überredet, einen Tangokurs zu besuchen. Anfangs etwas wiederwillig, hat mich die Komplexität der Bewegungen sehr schnell fasziniert und mich motiviert, über Jahre, beinahe jeden Tag tanzen zu gehen. Später kam der soziale Aspekt und die tolle Stimmung in einer Milonga dazu. Über die Jahre habe ich dann die Musik sehr zu schätzen und zu lieben gelernt. Heute ist sie mein fast ständiger Begleiter und ich finde immer wieder neue faszinierende Facetten.

Was war Euer schönster Tangomoment?

Frank: Ich habe immer wieder faszinierende Erlebnisse, wenn ich sehe, welche enorme emotionale Kraft eine gute, soziale Milonga haben kann und welchen Einfluss das auf die Stimmung der Menschen hat. Das macht mich wirklich glücklich.

Auf der anderen Seite habe ich auch immer wieder erlebt, wie Einzelne die fragile soziale Umgebung zu ihren Zwecken ausgenutzt und damit andere Menschen sehr unglücklich gemacht haben. Umso mehr bemühe ich mich, dass die Milongas, in die ich involviert bin, ein Wohlfühlort für alle Teilnehmer ist.

Monica: Einer (von vielen) besonderen Momenten war mein erster Besuch in einer Milonga in Buenos Aires vor einigen Jahren. Ich war praktisch sprachlos und die Gänsehaut hat mich den ganzen Abend und, um ehrlich zu sein, den ganzen Buenos Aires Besuch lang begleitet. Welcher Stellenwert dort das Soziale hat, hat mich sofort gebannt. Man genießt die gemeinsame Zeit und tanzt lieber richtig gut, dafür etwas weniger. Man sucht sehr bewusst den richtigen Moment aus, Musik, Partner, Stimmung, alles muss passen. Dann gibt man sich richtig hin und genießt, das war immer wieder in den Gesichtern der Tanzenden abzulesen. Die Eleganz und Subtilität der Blicke, mit denen zum Tanzen eingeladen wird, war wunderschön anzuschauen, die Art sich beim Tanzen Zeit zu lassen und Spannung aufzubauen, die Musik zu genießen, elektrisierend!

Was möchtet Ihr anderen durch Eure Arbeit mit dem Tango geben?

Monica: Der Tango hat mir von Anfang an so viel gegeben, Begegnungen mit besonderen Menschen, eine andere Art von Verbindung zur Musik, zu anderer Personen, und zu mir selbst, und ich verspüre Dankbarkeit und das Bedürfnis auch zurück oder weiterzugeben.

Frank: Durch den Tango habe ich sehr viele großartige Menschen kennen gelernt. Diese Begegnungen haben mir geholfen, mich weiter zu entwickeln und zu wachsen. Auf künstlerischer Ebene haben sich für mich völlig neue Horizonte eröffnet, die mein Leben nachhaltig verbessert haben. Mir liegt es sehr am Herzen auch anderen zu helfen, neue Türen zu eröffnen und ihren Horizont zu erweitern.

Was ist das Schönste, was andere Euch durch Tango geben? Oder auch was Tango selbst Euch gibt?

Mit einem wenig bekannten oder unbekannten Menschen in einen engen Kontakt zu treten, ist eine ganz besondere Situation. Das verlangt einiges an Mut und Selbstsicherheit. Ich bin immer wieder dankbar für den Vertrauensvorschuss, den mir andere Tänzer geben, wenn sie meine Einladung zum Tanzen akzeptieren. In einer engen Umarmung erfährt man sehr viel über einen anderen Menschen, auch wenn man das nicht unbedingt alles in Worte fassen kann. Durch diese spezielle Form der Intimität habe ich sehr viel über mich lernen können und dafür bin ich sehr dankbar.

Wie erlebt Ihr persönlich Tango in dieser Zeit ohne (physische) Milongas?

Als soziale Tänzer durch und durch vermissen wir die Milongas natürlich sehr! Wir trainieren natürlich weiter, hören Musik, reden darüber. Aber die Stimmung in der Milonga, das Zusammensein und Teilen mit anderen Tangoliebhabern fehlt uns.

Eigentlich hätte an Ostern Euer Tangofestival Trasnochando in Berlin stattfinden sollen…

Das Festival wurde verschoben. Wir arbeiten daran, das Programm samt Künstler und Locations beizubehalten. Wann das möglich sein wird, wissen wir noch nicht. Wie alle werden wir uns nach den offiziellen Auflagen richten.

Benötigt Ihr in der aktuellen Situation Unterstützung? Wenn ja, wie kann man Euch unterstützen?

Für die Ostern 2020 Edition des Trasnochando Festivals haben wir einiges im Voraus bezahlt. Ohne Einnahmen mussten wir diese Ausgaben privat bezahlen, sodass wir über Unterstützung natürlich dankbar sind. Wir sind sehr froh über die Spenden, die wir für das Festival erhalten haben. So müssen wir die finanziellen Ausfälle nicht allein tragen.

https://www.gofundme.com/f/Trasnochando-Festival-Berlin-2020

Mehr zum Beitrag von Monica und Frank für den Tango:

Trasnochando Festival Berlin

Milonga El Ocaso

Milonga Café Dominguez

Das Interview führte Laura Knight.

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