»Beim Tango lerne ich, dass alles im Fluss ist«

Tanja Brockmann, Tangotänzerin, Berlin

Vor acht Jahren wollte ein Salsa-Tanzpartner sie vom Tango überzeugen. Dann hatte er nie Zeit, und sie hat sich alleine zu einem Workshop angemeldet. Erst hat sie sich in den Tango verliebt, dann in den Mann, mit dem sie heute ein Paar ist. Für Tanja Brockmann ist Tango nicht alles im Leben — und vielleicht ist ihre Liebe gerade deshalb so warm. Wir haben Tanja gefragt, wie es ihr ohne Tango geht.

Foto: Experience Tango with Mika & Christian (Tanja in der Mitte)

Mein Leben ist auch ohne Tango sehr erfüllt. Ich bin in einer privilegierten Situation, da ich einen sicheren Job habe und im Home Office arbeiten kann. Ich kann es genießen, mehr Zeit zu Hause zu verbringen und die Zeit anders zu gestalten. Ich habe mehr Raum und Muße für Lesen, Kreatives, Kochen, Spazieren, Radfahren — allein, mit meinem Freund oder vereinzelt mit einer guten Freundin. Wie tief ich den Tango vermisse, habe ich gemerkt, als ich in einem Tanzvideo eine kurze Tangoszene gesehen habe, und mir ganz unerwartet Tränen kamen.

Machst Du auch ohne Tango etwas für oder mit Tango?

Ich nehme einige Online-Technikkurse wahr, damit ich drin bleibe. Der Online Unterricht funktioniert gut, auch Fragen und Korrekturen sind möglich, aber es ist sehr technisch – eben digital. Das Entscheidende fehlt, all das Zwischenmenschliche, was sich abspielt, wenn Menschen gemeinsam in einem Raum sind. Die Energie, das Sich-Anschauen, ein Lächeln, Blicke, Gesten, Schwingungen, die unterschiedlichen Stimmungen, Berührungen, die körperliche Interaktion, all das, was immer wieder neu und überraschend sein kann. An einigen Abend haben mein Freund und ich zuhause zu zweit eine »Mini-Milonga« gemacht, uns sogar richtig schön angezogen, Kerzen angezündet, das war sehr schön, trotzdem fehlte uns das gemeinsame Erleben mit anderen Menschen in all seinen Facetten.

Wie sieht dein normales Tangoleben aus?

Seit ich mit Tango angefangen habe, nehme ich regelmäßig Unterricht. Mit einigen Tanzpartnern habe ich viele Jahre getanzt. Im letzten Jahr ist das leider etwas eingeknickt, nach einer Weile hat sich alles wieder anders gefunden. Ich finde es spannend, mich immer wieder neu einzustellen und zu beobachten, worauf ich mich gut einlassen kann — oder eben auch nicht. Beim Tango lerne ich, dass alles im Fluss ist, dass es Wandlungen gibt, immer wieder neue Begegnungen. Für mich ist es eine schöne Erfahrung, die mir auch im Alltag etwas mehr Gelassenheit gibt, darauf zu vertrauen, dass sich alles irgendwie fügt. Tango ist eine wunderbare Bereicherung meines Lebens. Zumal ich früher davon überzeugt war, nicht tanzen zu können. Zu erfahren, dass das nicht stimmt und dass ich über den Tango etwas von mir ausdrücken und geben kann, dass sich über nichts anderes so vermitteln lässt, das finde ich wunderbar. Beim Tango hatte ich wunderbare Begegnungen, Momente tiefer Nähe und Verbundenheit. Dennoch ist es für mich nicht der Ort für tiefe Freundschaften geworden. Ich habe festgestellt, dass ich dafür mit Menschen intensive sprachliche Kommunikation brauche, Stetigkeit, gemeinsames Erleben. Jedenfalls lebe ich nicht nur im Tango. Meine Freundschaften außerhalb des Tangos sind wichtig geblieben.

Wie ist Tango dir begegnet? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Nach meinem ersten Tango-Workshop war ich, wie so viele, zunächst im Tangofieber. Voller Euphorie. In dieser Phase war die Anzahl an intensiven Momenten, die einen einfach »weghauen« wohl am größten. Viele Begegnungen und Tänze waren ein einzigartiges Ereignis. Ein Schlüsselerlebnis war die Begegnung mit meinem Freund. Das war meine erste Aufforderung, abgesehen von meinen Tanzpartnern, auf einer Milonga. Ich konnte noch nicht gut tanzen, aber es ist etwas Besonderes zwischen uns gewesen. Ich weiß noch, dass ich zu meinem Tanzpartner gesagt habe: »Ich habe keine Ahnung, ob das Tango war, aber es war sehr intensiv.« Über ein halbes Jahr hinweg haben wir immer wieder getanzt und uns schließlich außerhalb des Tango getroffen.

Gab es so etwas wie einen schönsten Tangoment, den du erlebt hast?

Es gibt immer wieder einen schönsten Tangomoment. Immer wieder das Gefühl: Das war das Schönste, was ich je erlebt habe. Vielleicht ist das einer der faszinierenden Aspekte am Tango, der Moment, den man sich immer wieder wünscht. Ein wunderbarer Flow, eine besondere Nähe, ein Einswerden. Das kann unterschiedlich sein, aber für mich ist das etwas, was mich im tiefsten Innern berührt. Und auf die ein oder andere Art erlebe ich das immer wieder. Es gab schon auch traurige Momente im Tango. Wenn ich tanze, kann ich die Traurigkeit aber in den Tanz hineingeben und umwandeln, manchmal werden daraus wunderbare Tänze. Allerdings kann mich die Musik ohne Tanz an traurigen Abenden noch trauriger werden lassen.

Wir haben uns bei einem Choreografiekurs von Mika und Christian kennen gelernt. Anschließend habe ich dich bei einem weiteren Workshop auf einem Foto gesehen. Es scheint dir also ganz besonders gefallen zu haben. Wie erlebst du diese Workshops? Was reizt dich daran?

Der Choreographie-Workshop, bei dem wir uns kennengelernt haben, war einer der Tango-Highlights für mich. Mich hat es gereizt, mich einer neuen Herausforderung zu stellen und intensiv zu trainieren. Eine Woche lang jeden Tag mindestens zwei Stunden. Auf eine Bühne treibt es mich normalerweise nicht. Mich dem zu stellen und das auszuprobieren, das war für mich eine Selbsterfahrung und Herausforderung. In der Choreografiegruppe, in der du auch dabei warst, hatten wir so viel positive Energie. Ehrgeiz gehört dazu, aber wir hatten vor allem viel Spaß. Für mich war es spannend, dass eine Choreografie mit dem üblichen Tangotanzen nicht viel gemein hat: in kurzer Zeit neue Schritte zu lernen, und diese gemeinsam mit den anderen Paaren und nicht frei, sondern vorgegeben zur Musik zu tanzen, dann mit dem eigenen Partner auszuloten, ob man sich führen lässt oder auch, wenn der andere nicht ganz klar ist, dass tanzt, was die Choreografie vorgibt, das ist schwierig. Seither sehe ich Auftritte auch mit etwas anderen Augen. Ich habe sicher kein besonderes Bühnentalent, aber Mika und Christian sind so motivierende und warmherzige Menschen und Lehrer, dass ich auch beim nächsten Workshop mitgemacht habe. Herausforderung, Spaß, intensives Training und das Gruppenerlebnis reizen mich daran. Beide Male hatte ich Tanzpartner, die ich vorher nicht kannte, auch das ist eine Herausforderung. Beide habe ich in mein Herz geschlossen und beim Training viel Spaß gehabt. Leider ist der letzte Workshop wegen Corona ausgefallen.

Was ist das schönste Kompliment, das ein Tänzer dir machen kann?

Das schönste Kompliment, das mir ein Tänzer geben kann, ist, wenn ich merke, wie ein Tänzer sich öffnet, sich auf mich einstellt und eine gemeinsame Kommunikation entsteht, die vertrauter und näher wird, wenn ich merke, dass mein Tanzen, vielmehr der gemeinsame Tanz den anderen glücklich macht, bereichert. Und das ist auch das Schönste, was andere mir durch den Tango geben können – ein Gefühl der Innigkeit, eines Erkennens.

Du lebst du in einer Beziehung mit einem Tango-Tänzer. Spielt Eifersucht eine Rolle?

Ich glaube, wir haben alle Facetten erlebt. Es war wunderbar und aufregend, sich über den Tango näher zu kommen und in der Verliebtheit die Nähe im Tanz zu finden. Es gab durchaus Phasen mit Eifersucht auf beiden Seiten und mindestens für mich durchaus ambivalente Gefühle zum Tango. Ist Tango ein geeignetes Feld, die Liebe zu finden? Für mich war es so. Ich habe gleich zu Beginn meinen Freund beim Tango kennengelernt. Tango ist insofern ein guter Ort, weil man vielen Menschen begegnet, und das an besonderem Ort. Dass Innigkeit im Tanz nicht gleich die wunderbare Liebe bedeuten muss, wird meist schnell klar, und wie überall, zeigt sich alles andere im Leben der Beziehung.

Unterstützt du die Tango-Profis aktuell?

Ich habe bereits zu Beginn der Coronakrise mehrfach gespendet und Unterrichtspakete gebucht. Ich bin sehr vielen Tangolehrern sehr dankbar. Viele sind äußerst bescheiden und geben so wahnsinnig viel. Ich hoffe sehr, dass die Tangolehrer und -studios durch diese Krise kommen und wir uns bald wieder im Tanz begegnen können.

Das Interview führte Lea Martin.

Es gibt immer wieder einen schönsten Tangomoment. Immer wieder das Gefühl: Das war das Schönste, was ich je erlebt habe.

Tanja Brockmann, Tangotänzerin, Berlin

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