»Wenn ich beim Tango bin, geht es einfach mit mir durch«

Nora Jensen, Schauspielerin, DJane, Tangolehrerin, Autorin, Berlin

Mit einem Espresso auf dem Balkon begrüßt sie den Tag. Aus ihrer Wohnung erklingt Cumbia. Nora Jensen — Vater Berliner, Mutter Bolivianerin — lacht gern, probiert sich gern aus und schwört auf Hausrezepte. Gegen blaue Flecken legt sie gewalkte Kohlblätter auf. Gegen Corona näht sie Stoff-Masken. Die Berliner Tangoszene hat sie im Jahr 2018 um eine Milonga bereichert. Auch als DJane saß sie nicht still. Sobald sie Tango hört, muss sie tanzen.

Foto: Teresa Marenzi

Ich tanze seit über 21 Jahren, fing zuerst mit dem Folgen an und nach einem Monat folgte das Führen. Viele dachten, dass ich Frauen mag und deshalb führe. Schwachsinn. Natürlich mag ich Frauen als Menschen, aber ich tanze einfach gerne — ob als Führende oder Folgende. Ich bin kein einziges Mal zum Tango gegangen, um jemanden aufzugabeln. Und ich liebe Männer. Bin schon ein Mensch… Aber Tanzen steht für mich stets an erster Stelle. Deshalb habe ich immer Spaß, weil ich nicht diesen Druck habe. Ich bin normalerweise entspannt. Ich will einfach tanzen. Das war schon so, als ich ein kleines Mädchen war. Wenn ich beim Tango bin, geht es einfach mit mir durch, dann sagen meine Muskeln: Los gehts!, und ich denke nicht mehr. Vielleicht habe ich deshalb solchen Spaß. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich gerne Tango lehre, weil es ein paar Dinge gibt, die ich anderen gern mitgeben will. Die Führenden haben eine große Verantwortung, der Person gegenüber, die sie führen: Ihnen die beste Zeit der Welt geben zu wollen. Das sollte ein dringendes Bedürfnis sein. Nicht »ich stelle mich zur Schau und zeige, wie toll ich tanzen kann«. Es sollte beiden wichtig sein, auf die jeweils andere Person einzugehen.

Du bist Schauspielerin, du liebst Tango. Gibt es eine Verbindung zwischen Tango und der Schauspielkunst?

Oh ja! Beides hat sehr viel miteinander zu tun. Ich bin gerne ich und beherzige, was meine erste Schauspiel-Lehrerin gesagt hat: »Spiel nicht, sei.« Die Rollen, die ich als Schauspielerin spiele, entsprechen selten meinem Wesen, aber beim Tango, da bin ich ich. Wenn man auf der Bühne steht und im Spiel vergisst, dass da ein Graben ist, oder die Seitenwände, die ein Haus markieren, umstößt — dumm gelaufen. Man könnte auf der Bühne auch jemanden verletzen, weil man so ins Spiel vertieft ist. Du musst auf der einen Seite alles ringsherum vergessen, wie beim Tango, und auf der anderen Seite dir dessen gewahr sein. Man hat dieses Miteinander-Agieren, auf die andere Person eingehen, und je nachdem, welche Rolle man spielt, muss eine Person führen, beim Tango wie beim Schauspielen. Eine Person führt in einer Szene, eine Person folgt. Es hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun. Das verwechseln manche, beim Tango und beim Spielen. Wenn Folgende alles recht und bloß keinen Fehler machen wollen, sich also unter die führende Person stellen, das ist nicht meine Welt, das ist nicht in meinem Denksystem. Ich denke, es ist viel schöner, wenn beide auf derselben Ebene sind. Aber es ist wichtig, dass man sehr genau weiß, wer führt und wer folgt, dann kann die Folgende auch mal kleine Scherze machen und auch mal führen, das belustigt das Ganze ungemein. Es gibt große Gleichheiten zwischen Schauspiel und Tangotanzen.

Wie geht es dir damit, dass es aktuell keine Tango-Veranstaltungen gibt?

Ich werde wahrscheinlich tagelang tanzen, wenn das Ganze vorbei ist. Ich werd’ nur noch tanzen, tanzen, tanzen. Meine Füße werden nicht mehr spürbar sein, obwohl ich auf Ballerinas tanze. Ich vermisse das Tangotanzen, aber es ist, wie es ist. Also kann ich mich entweder in das Unglück hineinbegeben oder das Positive sehen. Ich freue mich zum Beispiel daran, dass aus meinen kleinen Samen Blümchen entstehen und meine selbstgebackenen Brötchen morgens zu genießen. Nur dass ich niemanden umarmen kann, das ist kein lustiger Zustand, ich muss mich also selbst umarmen, auch schön, aber… Ich weiß, das ist nicht für ewig. Das halte ich schon ein bisschen aus. Online-Tango..? Nein, da würde mir das Herz bluten. Ich höre jetzt auch möglichst andere Musik. Mit meiner Cousine, die eine wundervolle Tangotänzerin ist, gehe ich am See spazieren, aber wir halten Abstand und tanzen nicht zusammen Tango, weil wir beide Eltern haben, die wir nicht anstecken möchten. Ich bin sehr achtsam. Ich halte das Augenmerk auf das, was ich habe. Eine Wohnung, zu essen, zu trinken. Meine Kinder, meine Mutter, meine Familie und FreundInnen sind gesund. Das macht mich extrem glücklich.

Wie geht es dir beruflich? Was machst du während Corona?

Die Produktionen haben alle gestoppt. Das ist auch richtig so, weil man beim Dreh keinen Abstand halten kann. Mir sind wunderbare Dreh-Jobs weggebrochen, auch meine Nebenjobs. Aber ich habe glücklicherweise keine Existenzängste, wofür ich sehr dankbar bin. Meine Mutter hat mir früh beigebracht, es gibt immer einen Weg. Im Moment gebe ich sowieso nicht viel Geld aus. Verreisen, ausgehen ist ja nicht möglich. Der Schauspiel-Unterricht, den ich online gebe, rettet mich. Das funktioniert großartig, da ich einen angemessenen Preis nehme. Es ist schwierig als Künstlerin und Schauspielerin. Viele denken, wir machen das doch gerne, wir brauchen kein Geld — schon originell. Ich schreibe gerade über die Werke meines Vaters, der Maler, Karikaturist und Dichter war. Er verstarb vor über 40 Jahren. Ich bringe ein Buch heraus, mit Gedichten, Gemälde-Karikaturen und Geschichten über ihn, die auch davon erzählen, wie Berlin damals war. Es ist quasi sein Erbe an mich.

Welche Rolle spielt Tango normalerweise in deinem Leben?

Ich gebe ausschließlich Privatunterricht. Früher habe ich Kurse oder Workshops gegeben, aber das mache ich schon eine Weile nicht mehr. Man verdient viel zu wenig, es wird nicht genügend honoriert. Und da ich mehrere Künste habe, die ich alle füttern muss, passe ich mit meinen Energien auf. Aber ich liebe meinen Tango. Am liebsten tanze ich zwei-, dreimal die Woche, jeweils drei bis fünf Stunden Tanzen am Stück, das brauche ich, da bin ich in meinem Element. Mein Glücklichsein ist mir wichtig.

Du hast bis Dezember 2018 eine eigene Milonga in der »Loftbühne«organisiert? Wie war das für dich? Und warum ging es nicht weiter?

Ich habe es geliebt. Es war ein bisschen Selbstaufgabe, es ist viel Aufwand gewesen, und ich habe nicht viel verdient. Die Vermietenden haben einen viel höheren Prozentsatz als üblich verlangt und hatten auch die Einnahmen der Bar. Dann habe ich Tischdecken genäht, die mussten gewaschen und gebügelt werden. Es gab Blumen, Kerzen, Lichterketten. Ich liebe es, wenn es gemütlich ist, aber es hängt ein Rattenschwanz daran. Der Saal war toll, aber ich musste alles von A bis Z aufbauen, was auch durchaus meditativ war. Ich hatte unfassbar angenehme Gäste, auch sehr schnell Stammgäste, die Atmosphäre war entspannt, sehr persönlich. Ich habe auch viel getanzt. Es ist für mich ganz schwer, Tango zu hören und nicht zu tanzen. So habe ich viele Gäste betanzt. Dass ich beide Rollen tanze, war sehr praktisch. Ich habe alle, die alleine kamen, aufgefordert, das erzeugte eine menschliche Atmosphäre. Der Traum wurde beendet, als neue Besitzende 500 Euro Miete am Abend haben wollten. Da bekam ich einen Lachkrampf und sagte: »Dann wünsche ich euch ein schönes Leben. Da brauchen wir gar nicht mehr zu reden.« Es ist nichts sicher beim Tango. Im Dezember 2018 habe ich nach einem Jahr aufgehört. Viele fragen nach meiner Milonga, aber ohne genügend Geld zu verdienen, mache ich das nicht, so schön es auch ist. Ich kann nicht in den Supermarkt gehen und an der Kasse mitteilen, ich betreibe eine Milonga und zahle von daher nicht. Deshalb kann ich nur sagen. Seid dankbar, dass es die Menschen gibt, die die Milongas betreiben. Es ist einfach Herzarbeit.

Gibt es so etwas wie einen schönsten Tangomoment, den du erlebt hast?

Als ich mit meinen Töchtern, die damals noch Kinder waren, nachmittags in die Milonga ging und Tango tanzte. Meine Ältere führte ich, meine Jüngere wollte mich führen, beide liebten besonders Milonga, Candombé! Ich kann gar nicht ausdrücken, wie speziell das war und auch ist, denn eine meiner Töchter tanzt bis heute Tango. Ein einziges Glückgefühl. Ich denke auch für meine Töchter… Für mich hat Tango einen Zauber. Fast jedesmal, wenn ich tanzen gehe, gehe ich mit der Einstellung los, einen schönen Abend zu haben, und normalerweise habe ich es richtig gut. Man zieht dann auch die Leute an, denen es auch darum geht, einen schönen Tangoabend zu haben. Natürlich ist es auch bei mir so, dass ich manchmal mit jemandem tanze und denke, wenn du gefragt werden würdest, ob du ihn heiraten möchtest, würdest du sofort Ja sagen. Doch wenn man dann drei solcher Tänzer an einem Abend hat, wird es ein bisschen schwierig, Trigamie…? Ich habe gelernt, sehr früh aufzupassen, dass diese Momente einfach nur genossen werden. Das ist Tango. Eine sehr schöne Geschichte habe ich in Italien in einem Kloster erlebt, bei einem Schauspielseminar. Da war ein Schauspieler, ich will mal sagen, unsere Herzen klopften ein wenig füreinander, und er konnte netterweise Tango tanzen. Am letzten Abend hatten wir eine Verabredung, auf einmal sind alle aus dem Saal gegangen, nur wir waren noch da. Ich hatte meinen iPod, wir haben jeder einen Hörer im Ohr gehabt, uns in den Arm genommen, nur das Mondlicht schien in den Riesensaal. Wir haben zwei Stunden ohne ein Wort zu wechseln, ohne uns anzugucken, Tango getanzt. Das war wirklich filmreif. Das war sehr romantisch.

Das Interview führte Lea Martin.

Mehr Informationen bietet die Website https://www.nora-jensen.com, wo auch Nora Jensens Ratgeber »Wie trenne ich mich richtig – oder will ich es vielleicht gar nicht?« bestellt werden kann (ISBN: 9783741208621, 11,90 €). Noras Buch über ihren Vater wird voraussichtlich dieses Jahr unter folgendem Titel im Handel erhältlich sein: »Ole Jensen: Ruhm ist wie Verfolgungswahn — Der Karikaturist zwischen Malerei Sucht Dichtung«.

Seid dankbar, dass es die Menschen gibt, die die Milongas betreiben. Es ist einfach Herzarbeit.

Nora Jensen, Schauspielerin, DJane, Tangolehrerin, Autorin, Berlin

2 Kommentare zu „»Wenn ich beim Tango bin, geht es einfach mit mir durch«

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  1. So kenne ich Dich Nora:
    Positiv, leidenschaftlich, immer um die Ecke denkend.
    Es ist wirklich schön, dass es Dich gibt

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