»Ich fühle mich eigentlich mehr als Theatermensch«

Ulrike Schladebach, Tango-Showtänzerin (»Stravaganza«), Tangolehrerin, Theater-Regisseurin, Berlin

Sie sind gebürtige Berliner und tanzen seit 35 Jahren einen Tango, als stamme auch er aus Berlin: streitbar, provokativ, »arm, aber sexy«. Das Tangopaar »Stravaganza« ist seit 2011 im »Tangoloft« zuhause, dem Mekka für alle TangokünstlerInnen, wo Konventionen klein und Kreativität groß geschrieben wird. Hier unterrichten Stephan Wiesner und Ulrike Schladebach — wenn sie nicht pausieren müssen. Wir haben Ulrike Schladebach gefragt, wie es ihr in der Corona-Zwangspause geht.

Ulrike Schladebach dreht „Eine Frau Wird Gejagt“ Rtl (Photo by Franziska Krug/Getty Images)

Wie geht es dir seit der Corona-Krise?

Eine besondere Zeit, die ich wahrscheinlich nie vergessen werde. Ich schaffe mir einen neuen Alltag mit viel Yoga, Regeln, Schreibtischarbeit und einem sehr langsamen Rhythmus. Es fühlt sich gut an, wie eine ganz gründliche und nachhaltige innere Reinigung.

Die Kurse sind abgesagt, Milongas fallen aus. Übt ihr weiter?

Nein, leider nicht. Ganz ungewohnt.

Was machst du normalerweise, wenn du nicht Tango tanzt?

Eigentlich gibt es das nicht. Wir sind vormittags im Studio, tagsüber geben wir oft Privatstunden. Ich plane und organisiere viel. Und ich vernetze mich. Das kann ich richtig gut. Manchmal verliere ich mich in der Kommunikation. Auch viel Kontakt mit Kollegen aus anderen Sparten, Musiker, Schauspieler, andere Tänzer. Und ich plane Projekte.

Im Interview hat Stephan Wiesner als sein Motiv für euren Tango erklärt, er habe das Vorgefundene »nicht spannend« gefunden. Was ist dein Motiv?

»Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt« (Schiller). Spielen kann ich richtig gut.

Wie siehst du euren Tango, dessen Provokationen für einige Aufregung gesorgt haben, heute im Rückblick?

Sehr positiv, auch sehr verspielt. Wir haben eine sehr facettenreiche Vita, vom Zirkuszelt bis in die Staatsoper.

Manche Szenen sehen aus, als tanztest du das Seelenleben eine Frau, die einer Gewaltbeziehung lebt. Hat dir das Spaß gemacht?

Ja, es macht mir unheimlich viel Spaß, mit Stephan zu tanzen. Es ist ein genaues Zuhören auf beiden Seiten. Wir sind aktiv und passiv zugleich. Es ist keine gewaltätige Beziehung. Es fühlt sich herrlich an.

Du sagst, du seist eine »Spielerin«. Der Begriff hat eine doppelte Bedeutung. Das selbstvergessene Spiel im Schillerschen Sinn, aus dem Kunst entsteht. Und die Süchtige, die um ihr Leben spielt. In welcher Hinsicht ist der Tango ein Spiel? Und wenn der Tango ein Spiel ist, wo ist dann der Ernst?

Ich interpretiere Schiller anders. Schiller beschreibt das Spiel als höchste Vollendung des Menschsein. Hier vereinigen sich Kreativität, Freude, Intelligenz und Verstand. Das kann heiter sein, aber auch sehr ernst. Ein Spiel ist eine gestalterische Leistung, die alle Sinne vereint. Alle Kompetenzen des Menschen werden hier wachgeküsst. Ich bin nicht süchtig danach, aber dieses Spiel befriedigt mich zutiefst.

Es heißt, Tango lernt man nur, wenn man mit vielen tanzt. Viele Paare, auch wenn sie professionell tanzen, trennen sich irgendwann. Warum seid ihr tänzerisch so monogam?

Darüber denke ich nicht nach. Stephan ist in beruflicher Hinsicht ein Teil von mir. Ich tanze sonst auch gerne mit anderen Männern. und ich führe auch. Zur Zeit arbeite ich mit einer Freundin am Tango – sie ist Geigerin und wir kommen tänzerisch sehr gut zusammen. Eigentlich plane ich auch hier eine Performance-Arbeit.

Stephan Wiesner hat die Frage mit der Metapher beantwortet, man könne einfach nicht jeden Menschen zum Leuchten bringen. Wie würdest du das ausdrücken? Kann nur er dich zum Leuchten bringen?

Wir hatten in unserem Tanz eine Auseinandersetzung mit unseren jeweiligen Lebenswirklichkeiten. Unser Tango spiegelte die guten und die dunklen Zeiten wider. Obwohl wir hauptsächlich Choreografien aufgeführt haben, gab es doch auch das Flair der aktuellen Lebens-Wahrheit, die auf der Bühne sichtbar wurde. Das geschah einerseits unbewusst, mitunter war es aber auch eine durchdachte und inszenierte Selbstdarstellung. Es gibt Schauspieltheorien von Stanislawski und Strasberg, die vor allem mich sehr geprägt haben. Insofern habe ich nicht immer »geleuchtet«, aber die Bühnenarbeit war stets auch eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Befindlichkeit. Dies war auch immer im Kontakt mit dem Publikum zu spüren. War unser innerer Kontakt ein unbeschwerter, war der Abend beschwingt. Gab es Spannungen oder eine Krise, konnte dieselbe Choreografie einen dunklen Anstrich bekommen. (Natürlich haben auch die Bedingungen hinter den Kulissen, die Beschaffenheit des Bodens, die Laune des Veranstalters, die Gage etc. stets eine beträchtliche Rolle gespielt.)

Du tanzt nicht nur Tango, sondern führst auch Regie bei Theater- und Ballettproduktionen. Wie kommt das?

Ich habe Theaterwissenschaft studiert und war 16 Jahre mit einem Schauspieler verheiratet, der auch ein eigenes Theater leitet. Zudem komme ich aus einer Familie, die abends Opern und Symphonien hörte und regelmäßig ins Theater ging. Ich fühle mich eigentlich mehr als Theatermensch, das Tanzen ist für mein Wohlbefinden. Unsere Lehrer waren nicht nur die argentinischen Maestros, sondern immer auch Balletttänzer der Berliner Opernhäuser. Manchmal sind wir auch von Schauspielern gecoacht worden. Insofern haben wir in verschiedenen künstlerischen Welten gelebt. Und ich wurde und werde auch für Regie und Dramaturgie angefragt. Das mach ich auch sehr gerne.

Das Interview führte Lea Martin. Es knüpft an das Portrait »Man muss schon nach den Sternen greifen« an, das in »Tango Global«, 3. Band, erschien, Herausgeber: Ralf Sartori, München 2017, erschienen ist.

Weitere Informationen unter: http://www.stravaganza.de

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