»Zu unterrichten brauche ich wie die Luft zum Atmen«

Felix Naschke, Tangolehrer, Showtänzer, Veranstalter und DJ, Berlin

Bevor Felix Naschke zum Tango kam, hat er Stahl bezwungen. Die Leidenschaft, mit der er tanzt, hat ihn auf die Bühne gebracht, an die Seite des Lehrers, von dem er Tango gelernt hat. Zu seinen Schülern baut er freundschaftliche Beziehungen auf. In der Corona-Krise gilt seine Sorge den großen Tangoschulen. Wir haben Felix gefragt, wie es ihm aktuell geht.

Foto: Ernesto Carlos Terri

Ich war sieben Wochen in Buenos Aires. Ich habe dort täglich die Nachrichten über den Corona-Virus in China und über die Anfänge der Ausbreitung in Europa gelesen. Dann kam ich am 11. März wieder nach Berlin, um voll mit meiner Arbeit durchzustarten. Leider konnte ich nur noch drei Tage unterrichten, dann wurde alles (!) geschlossen. Seitdem arbeite ich täglich am Computer, kümmere mich z.B. um meine neue Webseite, arbeite an meinen Tango-Reisen, Seminaren, Videos und bin täglich im Kontakt mit meinen Schülern. Aktuell kann ich, natürlich wie alle Kollegen/innen, auch kein Geld verdienen. Doch ich denke positiv. Ich habe mich vor über zwölf Jahren dafür entschieden, dass Tango mein Leben ist, und das wird es auch jetzt und nach der Corona- Zeit bleiben.

Wie sieht dein normaler Tango-Alltag aus?

Mein Tango-Alltag sieht wie folgt aus: Ich versuche meist früh aufzustehen, auch wenn der Vortag etwas länger war. In der Regel setze ich mich nach dem Frühstück an meinen Schreibtisch, beantworte E-Mails und andere Nachrichten. Es gibt Tage, an denen ich mit anderen KollegenInnen arbeite, für Shows trainiere oder Workshops vorbereite. Dies mache ich dann in der Regel zur Mittagszeit. Am Nachmittag habe ich meist Privatstunden und danach Kurse. Ja, ich unterrichte jeden Tag in Berlin und auch in anderen deutschen Städten sowie im Ausland. Zu unterrichten ist für mich wichtig. Das brauche ich wie die Luft zum Atmen. Andere Tangolehrer konzentrieren sich sehr viel auf ihr eigenes Training, z.B. für Shows und Meisterschaften. Ich trainiere auch, aber im Vordergrund steht bei mir das Unterrichten. Jetzt, durch Corona, habe ich mehr Zeit, mich auf andere Sachen zu konzentrieren, wie z.B. Planung meiner Tangoreisen, die ich seit ein paar Monaten anbiete.

Du bist dem Tango durch Constantin Rüger begegnet. Wie war das?

Constantin ist mein großer Tango-Bruder und mein Vorbild. Ohne ihn wäre ich nicht, wo ich jetzt bin. Ich kann mich noch gut erinnern, dass Constantin und Ines am 21. April 2006 in mein Dorf in Brandenburg eingeladen wurden, um ein Wochenend-Seminar zu geben. Dort habe ich ihn kennengelernt und von dort nahm alles seinen Lauf. Seit dem 21. April 2006 tanze ich mit Leidenschaft Tango. Damals habe ich in einer Stahlfabrik gearbeitet, die Container produziert hat. Die Arbeit war körperlich anstrengend. Bei einer Sechs-Tage-Arbeitswoche war die tägliche Arbeitszeit von zwölf Stunden sehr lang. Doch ich habe immer gerne gearbeitet. Deswegen ist es für mich auch nicht schwer, jeden Tag Tango zu unterrichten, zumal es meine große Leidenschaft ist. Schon damals bin ich immer wieder nach Berlin gefahren, um Tango zu tanzen. Im Sommer 2009 habe ich mich dann entschieden, meine Arbeit in der Stahlfabrik zu kündigen und mein Geld mit Tango zu verdienen. Seit Sommer 2009 wohne ich in Berlin und arbeite und lebe mit dem Tango.

Was machst du, wenn du nicht Tango tanzt? Kommt das überhaupt vor?

Außerhalb meiner Arbeit, aber auch zu meinen täglichen Terminen in Berlin fahre ich mit dem Motorrad. Motorrad fahren ist mein Hobby. Die Fahrten mit dem Motorrad geben mir ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Ich nutze diese Zeit auf dem Motorrad natürlich auch, um neue Orte für Tango-Wochenenden zu finden. Auch zu meiner Tango-Reise in der Toskana fahre ich mit dem Motorrad. Generell gehe ich am Abend gerne Tango tanzen. Tango ist für mich nicht nur Beruf, sondern auch Freizeit.

Gibt es so einen besonderen Tangomoment, den du erlebt hast?

Ich hatte in der Vergangenheit sehr viele schöne Tango-Erlebnisse. Eines der schönsten war, mit Constantin in der Locura Tanguera Show zu tanzen. Für mich eine sehr große Ehre. Wir tanzten diese Show drei Jahre lang. Auch bei der Tangoshow Ein Sommernachtstraum in der Komischen Oper hatte ich das Vergnügen, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ich sehr schätze (Judith Preuss, Christiane Rohn, Constantin Rüger, Esteban Munoz, Katharina Thalbach). Auch der Tanz mit Katharina Thalbach, ich be- bzw. verkleidet mit einem Eselskopf, wird immer in meinen Erinnerung bleiben. Die beiden Vorstellungen, die wir mit dem Team hatten, sind unvergessen.

Foto: Viktoria Fedirko

Als du mit deiner damaligen Lebenspartnerin Amaya eine eigene Tanzschule gegründet hast, wirkte das wie die Erfüllung eines Traums. Dann habt ihr euch getrennt. Wovon träumst du heute?

Ich habe mich entschieden, meine eigene Schule aufzubauen. Das heißt nicht, dass ich eigene Räume habe, sondern ich miete die Räumlichkeiten von anderen Schulen wie Mala Junta und Nou Tango Berlin. Es gibt viele Schüler, die über Jahre sehr gern zu mir kommen. Außerdem bin ich seit Jahren im Team von Mala Junta und verstehe mich mit Judith Preuss sehr gut. Wir arbeiten sehr gut zusammen, haben gemeinsam die Show Locura Tanguera getanzt, harmonieren aber auch im Unterricht. Im Mala Junta organisiere ich zusätzlich meine Sommerseminare und arbeite mit verschieden Kollegen. Mein neues Konzept beinhaltet, dass ich nicht mehr nur mit einer festen Tanzpartnerin arbeite. Zudem organisiere ich seit 2019 Tango-Reisen. Auch in meinen sieben Wochen in Buenos Aires habe ich eine Reise für meine Schüler organisiert. Es war ein voller Erfolg, und aus diesem Grund ist auch schon für nächstes Jahr eine weitere Reise nach Buenos Aires geplant.

Was ist das Besondere an dir als Tangolehrer?

Das Besondere an mir als Tangolehrer ist, dass ich sehr offen zu Menschen bin. In meinem Unterricht unterscheide ich zwischen Technik und Stil. Besonderen Wert lege ich auf gute, saubere Technik. Das hat auch viel mit der eigenen Balance zu tun, egal wie groß oder klein, leicht oder korpulent der Schüler oder die Schülerin ist. Unter anderem ist es mir wichtig, den Schülern eine aufrechte Haltung beim Unterricht zu vermitteln. Das sind die ersten Dinge, die SchülerInnen bei mir erwarten. Auch in den fortgeschrittenen Kursen arbeiten wir immer wieder an diesen Basics. Auf Grundlage einer guten Technik kann ich den SchülerInnenn vermitteln, ihren eigenen Tanzstil zu entwickeln.

Was ist das schönste Kompliment, das man dir machen kann?

Viele Schüler kommen nach meinem Unterricht zu mir und bedanken sich für den schönen Unterricht. Auch wenn ich Musik auflege, kommen die Leute auf mich zu, und wir haben interessante Gespräche. Ich finde es immer sehr gut, wenn man mit mir offen spricht. Dies wissen auch meine Freunde und Schüler. Mit Komplimenten kann ich nur schwer umgehen. Leichter fällt es mir, damit umzugehen, was ich hätte besser machen können. Das spornt mich beim nächsten Mal an, noch besser zu werden.

Wer oder was hilft dir in der Corona-Zeit?

Das Besondere in meinem Leben ist, dass ich viele meiner Schüler auch als enge Freunde habe. Sie unterstützen mich in den verschiedensten Dingen und wir schenken uns gegenseitig Wertschätzung. Auch wenn ich sie gerade nicht sehen kann, bin ich mit vielen Schülern im Kontakt.

Das Interview führte Lea Martin.

Informationen zum Unterrichtsangebot und Tangoreisen sind unter folgendem Link zu finden: www.felixnaschke.com

Das Mala Junta könnte ihr unter folgendem Link unterstützen: https://www.gofundme.com/f/mala-junta-amp-lehrer-brauchen-eure-hilfe?utm_source=customer&utm_medium=copy_link-tip&utm_campaign=p_cp+share-sheet

Ein Kommentar zu „»Zu unterrichten brauche ich wie die Luft zum Atmen«

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  1. Schade, dass Felix Naschke nicht in Nordrhein-Westfalen unterrichten kann. Hier hat man nämlich zum 11.05.2020 die Coronaschutzverordnung gelockert – Sport bleibt prinzipiell verboten, aber „Abweichend … ist der Betrieb von Tanzschulen zulässig, soweit sich die nicht-kontaktfreie Ausübung auf einen festen Tanzpartner beschränkt und im Übrigen ein Mindest-abstand von 1,5 Metern zwischen Personen gewährleistet ist.“

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