„Der Tango ist ein sehr persönlicher Tanz.“

Sophia Paul, Tango-Tänzerin und -Lehrerin

Sophia arbeitet gemeinsam mit ihrem Partner Julio César Calderon als Tango-Tänzerin und -Lehrerin. Das Paar hat seine Basis in Berlin. Sie tanzen Shows und bieten Workshops, Gruppenunterricht (montags im Mala Junta) und Privatstunden an. Außerdem fahren sie regelmäßig nach Buenos Aires, wo sie sich auch kennengelernt haben.

Sophia Paul und Julio César Calderon

Wie kamst du zum Tango und was bedeutet der Tango für dich?

Um ehrlich zu sein: nach dem ersten großen Liebeskummer drückte mir meine Mutter den Flyer einer Tango-Schule in die Hand – dem Mala Junta. Ich fing mit dem Tango an und auch, wenn ich anfangs mit der Musik noch nicht so viel anfangen konnte (eine Ausnahme ist Pugliese, der gelangte bei mir von Anfang an ins Herz), gab es doch ‚etwas’, das mich faszinierte. Einige Zeit später, nach dem Abitur, entschied ich mich dafür, ein halbes Jahr nach Buenos Aires zu gehen. Aus dem halben Jahr wurde ein Jahr; ich lernte – während des Tangounterrichts – Spanisch und die argentinische Kultur kennen. Stück für Stück begann ich die Musik wirklich zu verstehen, zu fühlen und zu schätzen. Und mir wurde klar, dass der Tango bleiben würde. Ein sehr wichtiger Moment in dieser Zeit war es auch, das Finale der Tangoweltmeisterschaft, dem Mundial, dort mitzuerleben. Es hat mich sehr beeindruckt, die Emotionen der Tänzer und des Publikums zu sehen und erweckte den großen Wunsch, dort auch dabei zu sein.

Zu sagen, dass der Tango mir ‚viel bedeutet’ wäre eine Untertreibung. Er ist Teil meines Lebens. Ich habe ein Studium in Technischem Umweltschutz abgeschlossen und mich wider aller Vernunft und statt eines festen und abgesicherten Gehaltes hauptberuflich dem Tango gewidmet…

Der Tango ist eine universelle Sprache, der Menschen auf der ganzen Welt verbindet und zusammenführt, ja ihnen in gewisser Hinsicht ein Zuhause gibt.

Ich habe über den Tango viele neue Bekanntschaften und Freundschaften schließen können. Über ihn habe ich eine völlig neue Kultur kennen und schätzen gelernt und so auch viel über mich selbst erfahren. Der Tango ist ein sehr persönlicher Tanz, eine authentische Umarmung ist – für mich – das größte Geschenk welches wir geben oder erhalten können. Die Authentizität im Tango ist mehr wert als die perfekte Technik – auch wenn dies natürlich keine Ausrede ist, sich nicht weiter zu verbessern – dies möchte ich auch weitergeben.

Gibt es für dich so etwas, wie deinen schönsten Tango-Moment?

DER schönste Moment ist schwierig zu definieren, hat wohl (fast) jeder Tango etwas Besonderes, wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit ganz dabei sind!

Es gab jedoch einen sehr intensiven Tangomoment: Als Julio und ich letztes Jahr in das Finale der Weltmeisterschaft gelangten und im Lunapark vor einem riesigen Publikum tanzten, war dies ein ganz besonderer Moment – besonders, nachdem ich knapp zehn Jahre vorher so davon geträumt hatte, dort auch dabei sein zu können.

Wie erlebst du persönlich Tango in dieser Zeit ohne (physische) Milongas oder Unterricht?

Der Tango als Tanz lebt von physischem Kontakt, dass können (und wollen) auch keine Online-Angebote ersetzen. Trotzdem hat er viele Facetten: die Musik bleibt uns, es gibt viele schöne Bücher und Filme. Wir drehen gerade kleine Online-Tutorials, so dass jeder individuell an seinem Tango weiterarbeiten kann, bevor es wieder ‚in Person’ weitergeht.

Es ist wichtig, dass die Tango-Gemeinschaft nun Bestand hat.

Viele unsere Schüler durften wir auch als Personen schätzen lernen, so dass wir auch jetzt noch im persönlichen Kontakt sind. Außerdem geben wir einigen Paaren Privatunterricht per Skype.

Worauf freust du dich am meisten in der Zeit nach der Corona-Pause?

Auf die Umarmung! Einerseits die Menschen, die einem nahe stehen zum ‚Hallo sagen‘ wieder in den Arm nehmen zu können und selbstverständlich auch darauf, den Tango wieder in den Milongas genießen zu können

Benötigst du in der aktuellen Situation Unterstützung? Wenn ja, wie kann man dich/euch unterstützen?

Die Situation ist für Selbstständige nicht leicht, besonders da wir nicht wissen, wie lange sie anhalten wird. Wer unsere Video-Kampagne unterstützten möchte und die Möglichkeit dazu hat, kann dies unter diesem Link tun, darüber freuen wir uns sehr.

Eine große Unterstützung für uns ist es auch, wenn ihr weiter an uns und die Tango-Studios denkt, mit uns in Kontakt bleibt und sobald es wieder möglich ist schnell wieder zum Tango zurückkommt!

Ich bin außerordentlich dankbar, für all die Unterstützung, die wir zur Zeit erfahren. Es ist ein großes Privileg sowohl private Motivation, als auch eine gewisse Absicherung durch den Staat und Unterstützung der Tango-Gemeinschaft zu erhalten. Dies ist weder selbstverständlich noch überall so. Für alle Tango-Tänzer ist es eine herausfordernde Zeit, da es praktisch unmöglich ist, Rücklagen zu bilden. Besonders in Südamerika leben viele der Tänzer ‚von der Hand in den Mund’, hier bricht mit der Ausgangssperre gerade das komplette Einkommen weg.

Ich wünsche mir, dass diese Situation die Leute dazu bringt, angemessene Preise für den Tango zu zahlen, und so die Arbeit von Tänzern, Lehrern und Organisatoren wertzuschätzen. Diese Aufgabe müssen wir auch international lösen, um unsere Tango-Gemeinschaft lebendig zu erhalten und bald wieder mit Tango zu füllen.

Vielen Dank, Sophia.

Website von Sophia und Julio

Spendenkampagne von Sophia und Julio

Website der ebenfalls im Text genannten Tanzschule Mala Junta in Berlin

Das Interview wurde geführt von Laura Knight.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: