»Wenn ich Tango tanze, ist die Welt in Ordnung«

Antje Jakob, Tangotänzerin, Berlin

Als Kind glitt sie in jeder freien Minute auf Schlittschuhen über das Eis.
Heute gleitet sie, so oft sie kann beim Tango übers Parkett. Sie liebt die Eleganz und Ästhetik. Die Pirouetten auf dem Eis, die Pivots des Tangos: Wenn Antje Jakob tanzt, fühlt sie sich frei — und gleichzeitig verbunden. Sie liebt die Tango-Community mit ihren vielen Gesichtern und den Mann, den der Tango ihr geschenkt hat.

Antje Jakob mit ihrem Liebsten, Foto: Norbert Gust

Tango ist mehr als ein Hobby für mich, es ist eine Leidenschaft. Ich liebe nicht nur die Atmosphäre einer Milonga mit den tanzenden Menschen um mich herum und der Musik, sondern auch die Vorfreude darauf mit dem Zurechtmachen, dem Schminken, der Auswahl eines schönen Kleides und der passenden Schuhe. Ich möchte immer dazulernen und an meinen Tango arbeiten. Dafür bin ich vier- bis fünfmal in der Woche auf der Piste. Entweder auf Milongas oder bei Praktikas. Ich mag dieses Übungsformat, wo man an seinen spezifischen Tango-Baustellen arbeiten kann, und ich mag die Herausforderung, wie zum Beispiel die Choreografie-Workshops mit Mika und Christian. In zehn Stunden mit anderen Paaren einen Tanz einzustudieren und aufzuführen, mit all den verschiedenen Charakteren, Emotionen, Niveaus und Lerntempi, das ergibt eine ordentliche Gruppendynamik. Das Ziel ist, einen schönen Auftritt mit Spaß hinzulegen, doch bevor der Spaß kommt, liegen hundertmal die Nerven blank, das ist die Challenge, alles andere wäre wohl langweilig. Ich komme aus dem Leistungssport, dem Eiskunstlauf, da ist es ähnlich. Du gibst alles für einen dreiminütigen Auftritt, bei dem die Glückshormone dann nur so purzeln…

Der Nervenkitzel einer Choreografie ist dir aus dem Eiskunstlauf vertraut?

Ich komme aus eine sehr sportlichen Familie. Meine Mutter war Turnerin und hat 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexico eine Bronze-Medaille mit ihrer Mannschaft gewonnen. Mein Vater war professioneller Fussballspieler bei Union und dem BFC (Berliner Fußball Club ). Mit vier Jahren begann ich das Eiskunstlaufen beim Turn-und Sportclub Berlin, später war ich auf der Kinder-und Jugendsportschule Heinrich Rau. Ich habe das Eislaufen geliebt. Mit zwölf Jahren habe ich aufgehört. Der Leistungsdruck war schon enorm. Ich wollte nicht mehr jeden Tag trainieren, und meine Eltern haben mich zum Glück nicht gezwungen, in dieser Knochenmühle des Leistungssports weiterzumachen. Dennoch war es mit einer meiner schönsten und prägensten Zeiten. Ein wenig von diesem Ehrgeiz schimmert im Tango immer noch durch.

Und dann ist dir Tango begegnet. Wie war das?

Vor sechs Jahren hat mich ein Bekannter zum Tango mitgenommen, und schon war es passiert. Seither bin ich hoffnungslos »dauerinfiziert«. Alles an Tango ist schön, die Musik, die Schritte, und als ich dann auch noch im Internet ein Profipaar sah, wie schön und elegant sie sich miteinander bewegten, das hat mich sehr an das Paarlaufen im Eiskunstlauf erinnert, da war es um mich geschehen, das alles wollte ich auch können. Das Bewegen nach Musik, die Improvisation, die innere Spannung, die Achse oder Drehungen, da gibt es viel Ähnlichkeit zwischen Tango und Eiskunstlauf, aber es gibt auch Unterschiede wie die Durchlässigkeit des freien Beines oder die Umarmung, die sich satt und voll anfühlen soll. Dieses Einlassen auf meinen Partner, das sind Sachen die waren neu für mich, da musste ich raus aus dem Eiskunstlauf-Muster, das immer Anspannung und Kontrolle bedeutete.

Welche Rolle spielt Tango normalerweise in deinem Leben?

Tango hat mein Leben verändert, er ist ein fester Bestandteil in meinem Alltag geworden. Ich brenne für Tango. Tango macht mich glücklich, er ist so abwechslungsreich und vielschichtig. Man kann ihn üben und lernen, man kann sich mit der Musik beschäftigen oder sie einfach nur hören. Man kann über Tango weinen und fluchen, dann wieder lachen und fröhlich sein. Vor allem kann man ihn überall tanzen. Körperlich sind mir die Bewegungen aus dem Eiskunstlaufen vertraut. Doch emotional hält er mich in Bewegung. Das Abwarten, Einlassen und Kopfausschalten sind herausfordernd, auch die widersprüchlichen Erlebnisse auf Milongas.

Auf Milongas sieht man dich immer gut gelaunt. Wie kommt das?

In sozialer Hinsicht bietet Tango eine wunderbare Begegnungsstätte für Alt und Jung. Dass es Menschen gibt, die anderen einen Raum und Musik zur Verfügung stellen, in dem sie ins Gespräch kommen und tanzen können, ist wunderbar. Berlin hat eine vielfältige und bunte Tangoszene, jede Art des Tangos findet seine Fans. Alles darf nebeneinander stehen, das mag ich sehr. In einer kleinen Stadt mit wenigen TänzerInnen ist man froh, wenn es eine einzige Milonga in der Woche gibt, auf der jeder mit jedem tanzt. In einer großen Szene wie in Berlin können sich auch Gruppen abspalten, um unter sich zu bleiben. Jede Milonga ist ein Angebot neben anderen, und ich kann zum Glück frei wählen. Ich gehe auf die Milongas, wo ich mich wohlfühle, wo meine Tanz-Freunde sind, wo ich die Atmosphäre gut finde. Ich bin allen Milonga-VeranstalterInnen, die uns TänzerInnen Woche für Woche diese Vielfalt in Berlin zur Verfügung stellen, unendlich dankbar. Wenn ich auf einer Milonga lachende Gesichter sehe, mich mit Bekannten treffen, ein Stück Kuchen essen und dazwischen tanzen, tanzen, tanzen kann, dann ist für mich die Welt in Ordnung.

Hast du so etwas wie einen »schönsten« Tangomoment erlebt?

Der schönste Moment war die erste Begegnung mit meinem Liebsten. Ich war im Loft und gerade dabei, meine letzte Tanda zu tanzen, um dann nach Hause zu gehen, als er plötzlich vor mir stand. Ich dachte: »Wow, wer hat denn diesen Mann hierher gestellt?« Die freundliche Aufforderung zum Tanzen habe ich natürlich sofort angenommen. Wenn du mich fragst, ob ich mich erinnere, worüber wir uns unterhalten haben oder welche Musik gerade lief, keine Ahnung, ich war vom ersten Moment an hoffnungslos verliebt. Dieser Moment ist schon wieder ein paar Jahre her, aber für mich ist und bleibt er ein großes Glück. Diesen magischen Moment werde ich niemals vergessen.

Was machst du während der Corona-Krise in Bezug auf Tango?

Ich unterstütze Tangoreisen und Festivals, die storniert worden sind, mit einer Spende damit die Veranstalter nicht auf ihren Rechnungen sitzen bleiben. Auch eine Tanzschule in Berlin unterstütze ich. Was ich wirklich vermisse, sind die Milongas. Aber das ist nur vorübergehend, bald werden wir uns wieder ins Nachtleben stürzen. Bis dahin läuft viel Tango-Musik bei uns zu Hause. Ich habe das große Glück, einen Liebsten zu haben, mit dem ich tanzen kann. Im Moment betreiben wir »Tango-Intervall-Fasten«, das heißt, wir tanzen ein paar Tage gar nicht, und wenn der Entzug zu groß ist, wird der Küchentisch beiseite geschoben, und die häusliche Tanzfläche glüht.

Das Interview führte Lea Martin.

Die Choreografie-Kurse, die im Interview erwähnt werden, werden von» Experience Tango mit Mika & Christian« angeboten, siehe folgenden Link: https://www.facebook.com/mikaycristiantango/
In Berlin finden die Kurse im Mala Junta statt. Du kannst das Mala Junta unter folgendem Link unterstützen. 50 % der Spenden gehen an die LehrerInnen und 50 % an den Ort: https://www.gofundme.com/f/mala-junta-amp-lehrer-brauchen-eure-hilfe?utm_source=customer&utm_medium=copy_link-tip&utm_campaign=p_cp+share-sheet

»Ich bin allen Milonga-VeranstalterInnen unendlich dankbar.«

Antje Jakob, Tangotänzerin, Berlin

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