„Der Tango gab meinem Leben sehr viel Tiefe.“

Chiche Núñez, Urquiza Berlin

1. Erzähle uns kurz etwas von dir. Was machst du (normalerweise) für und mit Tango?

Ich bin Tango-Tänzer und Vertreter des Urquiza-Stils. Ich gebe mein Wissen über mehrere Wege weiter, zum Beispiel mit meiner Schule. Im Kunstbereich arbeite ich auch an Inklusionsprojekten, Auftritten und Shows. Im Moment baue ich eine Vernetzung aller Urquiza-Vertreter und -Tänzer weltweit auf. Für den Tango erhalte ich in unserem Stil die Erinnerung an die ursprünglichen Motive und Traditionen und versuche, Unterricht und Ausführung weiter zu entwickeln und gleichzeitig die Bausteine des Stils zu bewahren. 

2. Was bedeutet Tango für dich im Allgemeinen und was in dieser speziellen Zeit?

Tango ist für mich ein stabiler und integrierter Teil meines Lebens. In sehr vielen Momenten ist der Tango der wichtigste Bestandteil meines Lebens; manchmal ist er einfach anwesend, auch wenn andere Aspekte im Vordergrund stehen. Es ist wie Essen, Luft, Wasser und Tango. In der aktuellen Zeit ist es nicht anders als sonst, immer noch wie Essen, Luft und Wasser. Nur sind jetzt andere Aspekte präsenter. Meine Gedanken und mein Körpereinsatz haben zum größten Teil und täglich mit Tango zu tun. Wenn ich normalerweise denke: „Wie kann ich meine Schüler am besten unterrichten?“, denke ich jetzt: „Wie kann ich sie überhaupt unterrichten ohne ihnen körperlich begegnen zu dürfen?“

3. Wie ist Tango dir begegnet?

Es gab zwei Situationen: Die erste war auf den Partys in der Uni (UBA – Universität Buenos Aires), wo ich mich mit Freunden aus anderen Fächern getroffen habe. Neben dem Rock National fing ein Freund an, so schön Tango zu singen, und ich bekam einen Flashback aus meiner Kindheit: Die Erinnerung an eine Hochzeit, wo meine Mutter mit ihrem Vater und anderen Großonkeln Tango tanzte. Auf einmal war mir bewusst, wie sehr dieser Teil meiner Kultur mir nah stand. Ich sah ihn lebendig, durch junge Menschen wie mich.

Die zweite Begegnung hat mit dem Tanzen zu tun. Mit Freunden gingen wir mit Besuch aus Deutschland zu einer Milonga, um etwas Typisches für Buenos Aires vorzuführen. Wir tanzten damals nicht, trotzdem war es uns bewusst, dass das Tangotanzen ein Alleinstellungsmerkmal für die Stadt war. Wir waren in La Trastienda im Jahr 1995.

4. Was war dein schönster Tangomoment? Und dein traurigster?

Der traurigste Moment im Tango war, als ich aufgrund einer übermäßigen Dosis an Tanztraining (und sehr schwierigen Lebensverhältnissen) Blutmangel bekam. Der Arzt verschrieb mir Tanzverbot für einen Monat.

Während dieser Pause war jedoch der Tango in mir stärker anwesend als jeher, durch die Sehnsucht und die Musik.

Der schönste Moment war als ich einen Anruf von Josés (Brahemcha, Lehrer von Chiche) Tochter bekam. Er wollte mich sofort sprechen, er hatte gerade ein Video von mir gesehen. „Jetzt bist Du ein Tänzer geworden“, sagte er mir. Seine Anerkennung war mir die einzig wichtige Sache, die ich mir gewünscht hatte, wie ein Sohn vom Vater. Das war 2008.

5. Was möchtest du anderen durch Tango geben?

Der Tango gab meinem Leben sehr viel Tiefe. Durch den Tango und meinen Lehrer bin ich als Mensch gewachsen, ich habe gelernt glücklicher zu sein und mich besser zu kennen. Wenn Menschen mehr als Unterhaltung im Tango suchen, würde ich mich freuen sie zu unterstützen, mit dem Tango mehr Tiefe, Selbsterkenntnis und Glück zu erfahren.

6. Was ist das Schönste, was andere dir durch Tango geben? Oder auch was Tango selbst dir gibt?

Liebe. 


7. Was machst du zur Zeit ohne Tango für Tango? Wie hälst Du den Kontakt zu Deinen Schülern?

Diese Zeit ist für mich nicht „ohne Tango“. Auch wenn der Sozialtanz nicht da ist, ist der Tango sehr präsent, in manchen sonst vernachlässigten Aspekten sogar noch mehr.

Musik, Erinnerungen, Sehnsucht, Anekdoten, neue Ideen. Zum Beispiel hat Urquiza einen Video on Demand-Dienst gestartet. Schüler und Interessierte können online Zugang zum Material erhalten. Für die nächste Schulsaison haben wir Kurse vorbereitet, welche sowohl online als auch in der Schule stattfinden können, mit begleitenden Videos. Das hilft in der Vorbereitung, Nacharbeitung und Vertiefung. Das Angebot ist breiter aufgestellt, für Paare und Einzeltänzer. Mit oder ohne Quarantäne ist die Schule da. Ich rede regelmäßig telefonisch mit meinen Schülern. Ich trainiere meinen Körper zuhause durch Yoga und Krafttraining, und auch tänzerisch halte ich eine Tanzroutine.

8. Worauf freust Du Dich am meisten in der Zeit nach der Corona-Pause?

Auf die Normalität. Auf die Wahl, tanzen oder nicht tanzen gehen zu können. Auf einen Wein unter Freunden, erwünschte Umarmungen und Tänze. Den Kontakt wieder aufzunehmen zu den Kollegen, die mir am nächsten stehen wie Amanda und Adrian Costa in Frankreich, Paolo Vitalucci in Italien, Linus Jensen in Dänemark usw. – unsere Urquiza- und Berliner Freunde.

9. Benötigst du bzw. Urquiza in der aktuellen Situation Unterstützung? Wenn ja, wie kann man Urquiza unterstützen?

In meinem Leben habe ich sehr viele Situationen erlebt, in welchen ich „bedürftig“ war. Daraus habe ich gelernt, nur wenn ich diese Krisen als Möglichkeit wahrnehme, können sich diese Situationen in etwas wahrhaft Positives verwandeln. Was ich brauche und bereits tue, ist weiter mit dem Tango zu arbeiten, nur mit anderen Mitteln. Wir geben den Interessierten etwas, was sie brauchen, damit Schüler, Tänzer und letztendlich der Tango selbst weiterkommen. Für mehr Info siehe Urquiza.com und vimeo.com/ondemand/urquizatangoproductions

10. Gibt es sonst noch etwas, was du an dieser Stelle gerne sagen würdest?

Ich bin sehr dankbar, dass ich echte Freunde im Tango habe. Dass Menschen mich mit so viel Respekt und Aufmerksamkeit begleiten, schon lange vor dieser aktuellen Krise. Zum Beispiel wurde die Fertigstellung des Dokumentarfilms „Con El Tango“, der mehrere Jahre meiner Karriere dokumentiert, durch wirtschaftliche Unterstützung möglich, welche von Freunden und Schülern organisiert wurde. Das war eine große Überraschung, eine freiwillige Initiative, die mich sehr bewegte. Alles bleibt in Bewegung. Diese Momente sind die Gelegenheit zu erfahren, wie viel Schönes wir in unserem Leben hatten und haben.

Vielen Dank, Chiche.

Das Interview führte Laura Knight.

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