„Nichts kommt mehr aus meinem Herzen als mein Gesang“

Camila Arriva, Sängerin, Grupo Camila Arriva und OVNI-Tango

Camila kommt aus Argentinien. Sie ist Sängerin und begann im Alter von zwölf Jahren Tangos und andere populäre argentinische Musik zu singen. Nach ihrem Gesangsstudium widmete sie sich 13 Jahre lang ausschließlich der klassischen Musik. Seit drei Jahren lebt sie in Berlin und singt Tango.

Wie kamst Du zum Tango?

Natürlich kannte ich Tango-Musik aus Argentinien, aber ich habe dort nicht Tango getanzt. Als ich vor 3 Jahren nach Berlin kam, besuchte ich im TTMS die erste Milonga meines Lebens und ich war fasziniert: All diese Leute tanzen zu einer Musik von uns, aus Argentinien, vielleicht ohne zu wissen, was der Text bedeutet – wie konnte ich das all die Jahre verpassen? Ich tanzte drei Schritte mit demjenigen, der jetzt mein Partner ist, und ich verliebte mich völlig – in den Tango und in ihn.

Seit diesem Moment lerne ich Tangotanzen und widme mich ausschließlich dem Tangosingen… es ist die Welt, die ich gesucht habe, ohne sie zu kennen.

Was machst Du (normalerweise) mit Tango? Was ist Tango für Dich?

Ich singe in einem Sextett, das meinen Namen trägt. Wir spielen klassische und neue Tangos, die zum Tanzen gedacht sind. Wir freuen uns sehr darauf, auf Milongas und Veranstaltungen für Tänzer*innen aufzutreten. In einem intimeren Format bin ich Teil des OVNI-Tango, mit dem wir auf den großen Bühnen Berlins und in deren Umfeld auftreten. Wir haben unser eigenes monatliches Treffen in Kreuzberg, zu dem wir andere Tangogruppen einladen, und wir geben auch Workshops über Musikalität und Gesang im Tango.

Tango ist meine Identität, er ist Teil meines Wesens, er ist in allem, was ich tue und absorbiere. Er verbindet mich mit mir selbst, umgibt mich mit wunderbaren Menschen, führt mich dazu, mich als Sängerin ständig herauszufordern und lässt mich lebendig fühlen.

In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, was mit mir passiert, wenn ich nicht singe (zumindest nicht in der Öffentlichkeit). Und die Wahrheit ist, dass es sich anfühlt, wie ein wenig zu sterben… Es ist meine Dosis Leben, die ich singen muss, und meine Dosis „argentinidad“, der Tango…

Wenn ich singe, gebe ich, was ich bin. Ich habe das Gefühl, dass ich alles gebe, sogar dann, wenn das nicht meine Absicht ist. Nichts kommt mehr aus meinem Herzen als mein Gesang, beim Singen werde ich durchsichtig, transparent, und offenbare mich selbst.

Was ist das Schönste, was andere Dir durch Tango geben? Oder auch was Tango selbst Dir gibt?

Ich bin immer wieder überrascht von all dem, was der Tango mir gegeben hat und weiterhin gibt. Er hat mich gerettet. Er gab mir meinen Partner, oder umgekehrt, mein Partner gab mir den Tango, er brachte mir neue Freund*innen, er lässt mich reisen, er ernährt mich und lässt mich wachsen.

Die Tangowelt ist erstaunlich, sie kann sehr unterstützend sein, sehr offen, sehr inklusiv… obwohl ich auch die Gegenseite kennengelernt habe, die glücklicherweise viel kleiner ist.

Was macht Du zur Zeit ohne Tango für den Tango bzw. für Deine Musik?

Es ist eine schwierige Zeit. Unser Sextett wartet darauf aufzutreten und zu spielen, alle Konzerte wurden abgesagt und ich gehe nicht einmal zum Tanzen raus…

Im Moment studiere ich viel, mit OVNi nehmen wir unser erstes Album zuhause auf, ich erstelle und teile ständig neues Material und vor allem knüpfe ich Netzwerke mit anderen Künstler*innen, um uns gegenseitig zu unterstützen.

Ich habe seit fast einem Monat nicht mehr öffentlich gesungen, und es fühlt sich an, als ob ein wichtiger Teil von mir selbst stirbt…

Worauf freut Du Dich am meisten in der Zeit nach der Corona-Pause?

Zunächst hoffe ich, dass alle Räume, an denen der Tango lebendig ist, offen bleiben: in Berlin, in Buenos Aires und in der ganzen Welt. Ohne Milongas, Festivals und Marathons, ohne die Tänzer*innen, die Musiker*innen und all die Tangofans können wir nicht leben.

Ich persönlich freue ich mich darauf, viel zu singen, meine Gruppe bekannt zu machen und mit OVNI noch mehr zu wachsen.

Ich teile den Wunsch aller Tanguer*s, einander bald wieder zu umarmen.

Benötigst Du in der aktuellen Situation Unterstützung? Wenn ja, wie kann man Dich unterstützen?

Vor einigen Wochen habe ich meine GoFundMe-Aktion eröffnet, und freue mich über jede Unterstützung, die ich dort erhalte.

Als Gegenleistung liefere ich ein virtuelles Tangoalbum, das ich speziell für die Spenderinnen und Spender gemacht habe.

Vielen Dank, Camila.

Mehr über Camila auf ihrer Website.

Das Interview wurde geführt von Laura Knight.

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