»Ein Leben ohne Tango kann ich mir nicht vorstellen«

Fridolin El tigre viejo, DJ und Tangotänzer, Berlin

Foto: Fridolin (Selfie)

Die Entwicklung des Tangos in Berlin betrachtest du kritisch. Warum?

Mit seiner Beweglichkeit und seinem Leistungskult wird Tango zunehmend zu einem Phänomen des Jugendkults. Was die Differenzierungen in den Stilen angeht, sind wir in Berlin verwöhnt, weil irgendwie alles zu finden ist. Die Tango-Gemeinde hat es vor lauter Individualisierung nicht geschafft, sich organisatorisch zu verbinden, durch eine Art von Berliner Tangoverbund. Das zeigt sich jetzt in der Krise besonders dramatisch. Es ist erschütternd zu sehen, wie viele Milongas und Tango-Kleinunternehmer von der Hand in den Mund leben, weil viele Tangokonsumenten nicht bereit sind, für das Erlebnis einer Milonga einen angemessenen Preis zu bezahlen. Wenn es eine Tangoorganisation als Interessensvertretung der Tango-Kleinunternehmen gäbe, ließen sich kostendeckende Preise erzielen, die gleichzeitig ein gewissen Einkommen sichern und Rücklagen ermöglichen würden.

Wie geht es dir aktuell, mit Corona, ohne Tango?

Es ist verstörend, nicht regelmäßig zum Tango gehen zu können. Der Tango fehlt als Gefühl, als sozialer Kontakt, als Erlebnis und vor allem auch als intensive Bewegung. Ich glaube, wir alle werden ein bis zwei Kilo zunehmen, weil wir uns nicht mehr so oft bewegen und heimlich zu Hause zum Frustessen tendieren.

Gibt es Situationen beim Tango, die du als unangenehm erlebst?

Unangenehm ist für mich, wenn meine Partnerin steif und distanziert ist. Früher war ich dann verkrampft und befangen. Heute lasse ich so eine Frau schon mal nach zwei Tangos stehen. Richtig schlimm ist zu erleben, wenn ich nach der Trennung von einer Tangoaffäre, die einige Monate dauerte, »meine« Partnerin versunken mit anderen Männern tanzen sehe. Das ist die Hölle, und ich weiß, dass viele Menschen diese Erfahrungen im Tango machen. Ein Thema, über das wenig gesprochen wird, ist die Situation, wenn man bei einem gelungenen Tango-Moment peinlicherweise eine Erektion bekommt. Einmal ist mir das passiert und ich habe erlebt, dass eine Frau das registrierte, obwohl ich mein Becken so weit wie möglich zurück nahm. Sie hat daraufhin deutlich ihr Becken gegen meines gedrückt. Das war spannend. Das Buch des Finnen Mauri A. Numminen Tango ist meine Leidenschaft beschäftigt sich damit, wie der geplagte Mann seine Erektion beherrscht. Dies alles ist im Tango ein großes Tabu, weil es offiziell im domestizierten und formalisierten Tango nicht um Erotik, sondern nur um sportliche Bewegungen gehen darf.

Was ist für dich das Wichtigste, was dir der Tango gegeben hat?

Ich durfte lernen, dass es »die« Frau genau so wenig gibt wie »den« Mann, und sehe deutlich meine Beschränkungen in der Wahrnehmung. Der Tango und meine Tanzpartnerinnen haben meinen Blick auf die Männer-Frauen-Welt äußerst bereichert und transparenter gemacht. Ich wurde im Tango mit einigen mehr oder weniger glücklichen Tangobeziehungen beschenkt, von denen ich keine vermissen möchte. In Summe kann mich mir mein Leben ohne den Tango schlichtweg nicht vorstellen. Darum finde ich den Tangoentzug heftig und freue mich schon auf die wilden Tangopartys, die wir nach Corona haben werden.

Was hilft dir in dieser Zeit ohne Tango?

Helfen tut mir, wenn ich gelegentlich Zuspruch von anderen Tangueras und Tangueros bekomme und wir den Kontakt so aktiv gestalten. Es tut gut, wenn jemand sagt: »Deine Milonga fehlt mir« oder »Mir gefällt die Art, wie du Musik spielst«, »Du fehlst mir als Tanzpartner«. Ich freue mich darauf, wenn ich wieder zum Tango gehen und meine kleine Milonga durchführen kann.

Das Interview wurde von Lea Martin geführt.

Die Milonga von DJ Fridolin El tigre viejo findet in unregelmäßigen Abständen statt in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1, 10555 Berlin, immer ab 20 Uhr. Die Küche ist bis 21 Uhr geöffnet. Kein Eintritt, Spenden für den DJ erwünscht. Informationen unter: http://www.buchkantine.de/veranstaltungen/

»Viele Tangokonsumenten sind nicht bereit, für das Erlebnis einer Milonga einen angemessenen Preis zu bezahlen.«

DJ Fridolin El Tigre Viejo, Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: