„Ich habe mich nach Tango gesehnt, lange bevor ich mit Tango in Kontakt kam“

Foto: Rebekka Weckesser

Alicja Mikolajczyk ist Tangotänzerin, -lehrerin und DJane. Sie ist Teil der Lehrerteams in den Tangoschulen Mala Junta und Nou in Berlin. Einmal im Monat organisiert sie zudem eine der beliebtesten Berliner Milongas, die Milonga Cristal im TTMS. Und weil es damit noch nicht genug ist, beschäftigt sie sich hobbymäßig mit Fashiondesign in ihrer Lamalisa Tango Boutique. Urspünglich kommt Alicja aus Lodz in Polen, dort hat sie auch eine Tanzausbildung in den Bereichen zeitgenössischer Tanz und Jazztanz abgeschlossen und in verschiedenen Tanzkompanien getanzt. 2011 hat sie den Tango gefunden. Seit 2013 lebt Alicja in Berlin.

Was ist Tango für dich, gerade in diesen Zeiten?

Tango ist für mich in seiner Essenz eine enge Begegnung, ein sehr fein und aufmerksam geführter Dialog – und rein tänzerisch gesehen – ein spannendes Improvisationsspiel.

Allein schon das Folgen im Tango: sich auf die Führung einlassen, ganz Bewegung werden und schauen, was sich daraus ergibt, welche Formen entstehen und welchen Ausdruck man diesen Formen verleihen kann. Improvisieren mit dem Partner und der Musik. Das befriedigt ein tiefes künstlerisches Bedürfnis nach Kreativität.

Tango in Zeiten von Corona hat einen zusätzlich melancholischen Unterton bekommen

Foto: Rebekka Weckesser

Tango in Zeiten von Corona hat einen zusätzlich melancholischen Unterton bekommen, so wie jetzt auch jeder Kontakt, jede Geste jetzt an Bedeutung gewinnt. Im Tango geht es um das Erleben, die Freude am Miteinander sein. Das klappt schwer momentan. Dennoch bleibe ich bislang verschont von der Schwermut. Ich selbst nutze die milongafreie Zeit, um viel zu trainieren und Konzepte zu entwickeln, wie man Tango online weitermachen kann. So habe ich zum Beispiel mit meinem Partner eine E-Tango-Challenge entwickelt. Die Idee ist ähnlich wie beim Onlineunterricht, nur wollen wir durch „Challenges“, also kleine Tangoaufgaben, Teilnehmer dazu bringen eigene Videos mit uns und anderen zu teilen. So können sie auch gezieltes Feedback von uns bekommen und andere Mitglieder inspirieren.

Wie kamst du zum Tango?

Ich habe mich nach Tango gesehnt, lange bevor ich mit Tango in Kontakt kam, denke ich. Lustigerweise haben auch andere bereits ‚Tango‘ in mir gesehen, bevor ich selbst herausgefunden hatte, dass wir ‚zusammenpassen‘. „Jetzt sehe ich, dass du tanzt!“ – sagte einmal begeistert mein Choreograph während einer tangoinspirierten Jazzchoreographie. Das war sein größtes Kompliment, und ich spürte, dass er damit nicht so falsch lag.

Tango war für mich wie ein Ausatmen

Tango kam in mein Leben zu einer Zeit, als ich mich nach ein paar anstrengenden Jahren Arbeit im Jazz-Theater und in zeitgenössischen Tanzkompanien nach einem Retreat, einer Pause, sehnte. Tango war für mich wie ein Ausatmen. Zum ersten Mal habe ich keine Ansprüche an mich gestellt – zumindest am Anfang. Tango war keine Soloperformance mehr, sondern es ging um Präsenz, Verbindung, Fokus nach Innen. Ich fand es von Beginn an schön, wie subtil man im Tango miteinander kommuniziert, wie aufmerksam man dem Partner gegenüber ist. Und dann noch die kräftige Tangomusik, die mich gleich gepackt hat. Das habe ich wahrscheinlich meinem Opa zu verdanken, der Akkordeonist war. In der Musik werden die Erinnerungen an meinen Opa und meinen Vater, auch Musiker, sehr lebendig. 

Was möchtest du anderen Tangotänzerinnen und Tangotänzern durch deine Arbeit geben?

In meiner Tangoarbeit ist mir zum großen Teil die soziale, menschliche Seite des Tango wichtig, die für jeden ohne Ausnahmen zugänglich ist. Das ist auch eine Message der Milonga Cristal, auf der wir „Social Heroes“ zum Vortanzen einladen und Freundschaft und einen nicht gekünstelten Tango feiern wollen. 

Im Unterricht lege ich in erster Linie Wert auf die Vermittlung von Techniken, die den Schülern erlauben, eine gute Verbindung mit dem Partner herzustellen, um feinfühlig miteinander zu tanzen und einander zu genießen. In meiner künstlerischen Arbeit als Tänzerin und Djane mag ich es aber auch, meine Vorliebe für klassische Formen und Ästhetik zum Ausdruck zu bringen. 

Wie kann man dich in der aktuellen Situation unterstützen?

Coronazeiten haben leider auch mir die Möglichkeit, meine Tätigkeit als Tangolehrerin, Djane und Milongaorganisatorin weiter auszuführen, genommen. 

Alle, die meinen Beitrag zur lokalen Tangoszene wertschätzen, können mich über Paypal oder über Patreon (E-Tango Challenge) unterstützen. Vielen Dank.

Wir danken dir, liebe Alicja, dass du deine Gedanken und deine Geschichte mit uns geteilt hast.

Mehr über Alicja findet ihr auf ihrem Facebookprofil.

Das Interview wurde geführt von Laura Knight.

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