»Beim Tanzen werde ich schön, ich werde Musik«

Gaia Pisauro, Tangotänzerin und Tangolehrerin, Berlin

Ihr Tango kommt aus dem Herzen. Sie tanzt wie eine Feder, hingebungsvoll, weich. Wenn sie nicht tanzt, wirkt sie oft melancholisch. Im Sommer fällt das besonders auf. Unter Lichterketten wird Tango getanzt, an der Spree, und DJ Gaia sieht traurig aus, als habe sie Heimweh. Sie kommt aus dem Land, das nicht nur für Goethe das schönste war. Auch aktuell ist Italien faszinierend. So viel Leid, so viele Tote. Und so große Herzen. Auf Balkonen singend, zeigt Italien der Welt, wie man das Leben liebt. Wir haben Gaia Pisauro gefragt, wie es ihr geht, mit Corona, ohne Tango.

Foto: Ishka Mishocka

Wenn ich Videos aus Italien sehe, wo alle auf dem Balkon stehen und singen, muss ich weinen. Mir selbst geht es gut. Ich halte mein Moral hoch und versuche, die positiven Aspekte zu sehen, um anderen helfen zu können, die Hilfe brauchen. Mein Leben ist jetzt ein ganz anderes. Ich war eine Arbeitsalkoholikerin und ein Kontroll-Freak, und jetzt habe ich Zeit, um zu lesen, Klavier zu lernen, mit Freunden zu chatten, zu schlafen, loszulassen. Meine Familie ist in Rom, und sie halten sehr gut durch, obwohl die Situation in Italien so schwierig ist. Ich bin sehr stolz auf sie.

Wie geht es dir ohne Tango?

Tango vermisse ich, besonders meinen Tanzpartner Leandro und meine Studenten. Zu meinem großen Glück kann ich zu Hause mit meinem Freund Gustavo jeden Tag tanzen, das hilft mir sehr. Andere Menschen sind allein und fühlen sich einsam. Ab Samstag versuche ich deshalb online ein Tango-Angebot anzubieten, um ein bisschen für gute Laune zu sorgen.

Erzähl uns etwas von dir. Wie ist Tango dir begegnet?

Ich tanze seit 22 Jahren. Ich habe zufällig mit Tango angefangen und weiter getanzt, weil ich Heimweh hatte. Mein erster Tanzpartner war gleichzeitig mein Freund. Es war sehr lustig, mit ihm zu tanzen, weil er 36 Zentimter größer war als ich, und ich ohne Arme tanzen musste. Wir haben viel gelacht, ich hatte allerdings auch ein wenig Rückenschmerzen. Meine Lehrer kamen aus Persien und Italien. Sie haben immer gesagt: Wenn ein Paar den Tango überlebt, wird es klappen.

Was sind besondere Tango-Momente für dich?

Schön ist, wenn ich sehe, dass mein Unterricht den Menschen Freude macht, dass sie sich frei in ihren Bewegungen fühlen und ich dazu beigetragen habe.
Schön ist auch, aufzutreten und das Gefühl zu haben zu fliegen. Schön ist, wenn das Publikum den Auftritt genießt. Beim Tanzen verliere ich mich, ich fliege, ich werde schön, ich werde Musik. Ein besonderer Moment war für mich, als eine Frau eine Privatstunde bei uns genommen hat, die eine Behinderung hatte. Sie konnte kaum stehen, aber sie wollte unbedingt Tango tanzen. Wir haben sie gehalten und ihr geholfen zu gehen. Sie hatte einen enorm starken Willen und hat tatsächlich ihr Gehen verbessert. Das hat mich sehr tief beeindruckt. Diese Schülerin, die unbedingt Tango tanzen wollte, obwohl ihr Körper es ihr so schwer gemacht hat, war eine meiner besten Lehrerinnen für’s Leben.

Brauchst Du in der aktuellen Situation Unterstützung?

Ich überlege vor allem, wie Freunde Hilfe bekommen können. In solchen Situationen wie jetzt soll man das Beste aus sich herausholen, um Schwächeren zu helfen.


Wer Gaia und Leandro unterstützen möchte, kann das durch ein Spende tun: https://www.gofundme.com/f/corona-amp-tango-leandro-y-gaia

Informationen über das Tangopaar gibt es hier: http://leandroygaia.com/de/

Das Interview führte Lea Martin.

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