»Wenn ich ins Bett gehe, träume ich von Tango«

Rahhman S., Tangotänzer und Marathon-Liebhaber, Berlin

Krank zu sein, kennt Rahhman nicht. Als er noch in die Schule ging, wäre er gern mal krank zu Hause geblieben. Alle waren krank, außer ihm. Jemand riet, er solle rohe Kartoffeln essen, davon bekomme man Fieber. Doch er bekam kein Fieber, und sein Vater schickte ihn in die Schule. Der einzige Virus, der Rahhman angesteckt hat, ist der Tango. Vor fünfzehn Jahren hat er damit angefangen. Aktuell ist er zwei- bis viermal in der Woche beim Tango. Normalerweise. Rahhman erzählt, was Tango für ihn bedeutet.

Foto: privat

Von Anfang an hat mir Tango gefallen, auch wenn die Schritte noch ungelenk waren. Zuerst habe ich bei Rafael und Susanne gelernt, danach bei Sebastian und Chantal. Aktuell bin ich zwei bis viermal in der Woche auf Milongas. Unterricht nehme ich seit fünf Jahren nicht mehr, wobei ich jetzt wieder beginnen wollte. Corona hat meine Pläne geändert.

Gibt es so etwas wie einen schönsten Tango-Moment, den du erlebt hast?

Mit einer Frau aus Oslo im Tangoloft. Sie konnte nicht Deutsch, ich nicht Englisch. Die ersten beiden Tänze liefen total schief. Ich habe jemanden geholt, der Englisch sprache, um der Frau zu sagen, sie darf mir nicht die Führung klauen. Danach hat es geklappt. Wir haben nur diesen einen Abend getanzt, aber das war für mich, was ich immer im Tango gesucht habe. Wir haben E-Mail-Adressen getauscht, ich sollte irgendwann nach Oslo fahren, aber ich bin nicht gegangen und habe nie wieder etwas von ihr gehört. Ich will andere Begegnungen nicht in den Schatten stellen, aber wenn ich mir eine Tänzerin machen könnte, würde ich sie mir so machen.

Gibt es auch einen besonders traurigen Tango-Moment?

Wenn ein Tango-Marathon, der sehr schön war, vorbei ist, das ist traurig. Wenn ich in München oder Bremen oder Rom mit vielen Frauen sehr schön getanzt habe, ist es traurig, wenn der Marathon zu Ende geht, und man trifft diese Leute vielleicht nie wieder. Wenn ich traurig bin, denke ich an die schönen Momente, die ich hatte, um sie zu vertiefen und nicht zu vergessen.

Wie geht es dir im Moment, ohne Tango?

Ich habe das Glück, dass meine Schwester aus Bosnien zu Besuch bei mir ist. Sie ist 65, und wir verbringen viel Zeit zusammen. Wenn ich nicht arbeite, bin ich zuhause. Wir kochen, trinken Kaffee, backen Kuchen und reden über unsere Vergangenheit. Wegen Corona ist ihr Flug abgesagt. Die Grenzen sind zu. Man weiß noch nicht, wann es wieder Flüge gibt.

Fehlt dir der Tango?

Aber wie. Wenn ich ins Bett gehe, träume ich manchmal davon, dass ich Tango tanze. Zwei Marathons, auf die ich gehen wollte, sind abgesagt, beide in Polen. Die Tangoszene in Polen kommt mir freundlicher vor als in anderen Ländern. Dort bekommst du keinen Korb, auch wenn du nicht mehr der Jüngste bist. Ich tanze mit allen, Anfängerinnen und Profis, was viele Männer nicht machen. Das Schönste am Tango ist dieses Gefühl, dass man nicht allein ist, sondern sich wohl fühlt in dieser Gesellschaft. Die Tangoszene ist wie eine Familie, und sie benimmt sich auch wie eine Familie. Manchmal ist alles superschön, ohne Probleme, manchmal gibt es kleine Streitigkeiten, aber am Ende wird alles wieder gut.

Unterstützt du Tangoschulen in der aktuellen Situation?

Ich spende einen kleinen Beitrag, weil ich nicht so viel verdiene, aber etwas Kleines spende ich auch, anonym. Sie müssen irgendwie überleben. Jemand muss die Miete bezahlen. Ich denke, wenn jeder ein bisschen gibt, das hilft.

Das Interview wurde von Lea Martin geführt.

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