Danke und Tschüss

Hand auf‘s Herz: Wer hat schon mal eine Tanda abgebrochen?

Eine Tanda abzubrechen, gilt im Tango als Tabu. Etwas, das nur eine Notlösung ist, wenn gar nichts anderes mehr geht. Manchmal heißt es, wer eine Tanda abbricht, sei für diese Milonga verbrannt, keiner würde mehr mit einem tanzen wollen. Insbesondere wird das über Frauen gesagt, die Männer stehen lassen. Warum auch immer.

Ich kenne einige Milongueras, die von sich sagen, sie schaffen es einfach nicht, eine Tanda abzubrechen. Lieber „ertragen“ sie die Tanda zu Ende. Andere sind dafür bekannt, es regelmäßig zu tun und gelten deshalb als arrogant, schließlich sei es ja wohl nicht zu viel verlangt, „sich einfach mal zwölf Minuten zusammenzureißen“.

Kleiner Tipp: Das Abbrechen ist gar nicht so schwer. Einfach am Ende des Tangos „Danke“ sagen und gehen. Falls das erst nach dem dritten Tango erfolgt, könnte der*die andere sogar denken, Ihr hättet Euch einfach verzählt und gedacht, die Tanda sei zu Ende. Wenn’s gar nicht anders geht, macht Ihr genau das gleiche einfach mitten im Lied. Und sollte Euch kein „Danke“ über die Lippen kommen wollen, dann lasst es weg.

Es soll auch Tänzer*innen geben, die Schmerzen o.ä. vortäuschen und sich so aus der Affaire ziehen. Lügen, die aus meiner Sicht überflüssig sind. Zumal es komisch kommt, wenn man bei der nächsten Tanda wieder wild über die Tanzfläche fliegt und dem Cabeceo des*r vorherigen Tanzpartners*in konsequent ausweicht.

Ich selbst breche nur selten Tandas ab. Stehengelassen wurde ich zum Glück bisher nur ein einziges Mal. Da war ich noch blutige Anfängerin. Der Mann sagte zu mir: „Sorry, ich will die Musik tanzen, das geht mit dir nicht.“ Wumms… Ich habe nie wieder mit ihm getanzt, auch als er es einige Monate später von sich aus wieder versucht hat.

Warum brichst Du eine Tanda ab?

Wenn ich Tandas abbreche, dann in der Regel aus einem der folgenden Gründe:

  1. Belästigung (oder Beleidigung): Dazu kommt mir insbesondere eine Geschichte in den Sinn, die „Zunge im Ohr“ – da gibt’s einfach kein Pardon. Belästigung kann körperlich und/oder verbal sein und muss nicht in jedem Fall in eine sexuelle Richtung gehen. Beleidigungen und/oder fehlender Respekt gehen ebenfalls gar nicht.
  2. Navigation: Wenn mein Partner nicht in der Lage ist zu navigieren und damit mich oder andere Tanzpaare gefährdet, versuche ich den Schaden zu begrenzen und nach dem nächsten Tango kurz darüber zu sprechen, um ihn zu bitten umsichtiger zu sein. Falls das nichts bringt, gehe ich. Basta. Ich erinnere mich insbesondere an eine Tanda in La Viruta in Buenos Aires, in der mein Tanzpartner immer wieder Kollisionen mit El Chino Perico, einer Tangolegende, verursachte. Mir war das so unglaublich peinlich, dass ich die Tanda mit ihm nicht zu Ende tanzen konnte.
  3. Schweiß, Geruch und Hygiene: Ich persönlich gehöre diesbezüglich zum Glück nicht zu den ganz empfindlichen Näschen. Trotzdem: Wenn jemand unangenehm riecht, das Hemd pitschnass ist und der Schweiß ununterbrochen in mein Dekolleté tropft, ist der Tanzgenuss hinüber. Da müsste die Sympathie für diverse Körpersäfte des anderen doch sehr sehr groß sein, was in der Regel einfach nicht der Fall ist. Insbesondere das Schweißthema ist oft schon vor dem Cabeceo ersichtlich. Also: Wähle weise, mit wem du tanzt.
  4. Drogen: Wenn mein Tanzpartner nicht mehr Herr seiner Sinne ist, möchte ich mich seiner Führung nicht anvertrauen. Punkt. Gründe dafür können Alkohol oder andere Substanzen sein, manchmal merkt man das leider erst auf der Tanzfläche. Da hilft nur: Nichts wie weg.
  5. Ruppigkeit, Aggressivität und „Diktatorenführung“: Es gibt Führende, die führen mit viel Kraft und wenig Feingefühl. Da existiert kein Eingehen auf die Folgende, sondern nur ein fast schon aggressives Abfeuern von Führungsbefehlen, die dann mit aller Gewalt durchgesetzt werden. Nicht nur, dass das körperlich mitunter wirklich wehtut, es macht auch keine Freude und hat nichts mit dem zu tun, wie ich die Führung und die Rollen im Tango verstehe. Deshalb: Tschüss und weg.

Keine Gründe zum Abbrechen sind dagegen aus meiner Sicht:

  1. Unterschiedliche Tanzstile oder Musikalität: Es gibt sie, diese Tänze, bei denen einfach nichts zusammengeht. Warum auch immer. Es scheint, wir tanzen einen anderen Tanz und hören unterschiedliche Musik und das, obwohl wir beide objektiv betrachtet keine schlechten Tänzer*innen sind. Doch zusammen klappt es nicht. Aus meiner Sicht kein Grund abzubrechen, aber vielleicht einer, erst mal nicht wieder miteinander zu tanzen. Andererseits: Manchmal kann es auch interessant werden, wenn sich beide neugierig und offen auf das Spiel der Gegensätze einlassen.
  2. Er tanzt (gefühlt) nur für sich: Einige Male hatte ich es schon, dass ich mich im Tanz nur als Beiwerk fühlte. Mein Partner schien ausschließlich für sich selbst und imaginäre Zuschauende zu tanzen. Er machte sein „Zeug“, Verbindung und Führung waren Nebensache. Das sind Tänze, die mir einfach keinen Spaß machen. Besonders albern wird es, wenn er auch noch unentwegt seine eigenen Füße anschaut. Ich kann das für zwölf Minuten mitmachen, brauche es aber definitiv nicht wieder.
  3. Er ist Anfänger: Wir waren alle mal Anfänger*innen und wenn damals niemand mit uns getanzt hätte, hätten wir wieder aufgehört. So einfach ist das. Daher: Wenn er bei dem bleibt, was er kann und halbwegs mit der Navigation klarkommt, ist es für mich kein Abbruch-Grund, dass ich mit einem Anfänger tanze. Im Gegenteil: Anfänger-Führende geben oft viel Raum, sind dankbar, wenn die Folgenden implizit einen Teil der Führung übernehmen und lassen sich gerne darauf ein. Das kann richtig Spaß machen.

Und zum Schluss noch meine absurdeste Tanda-Abbruch-Geschichte:

Es war in Buenos Aires in der Milonga La Careta, brechend voll, ungleichmäßig geformte Tanzfläche, sicherlich schwierige Navigation. Mein Tanzpartner war offensichtlich Anfänger. Nach zwei Liedern und einigen bösen Zusammenstößen entschied ich, dass es genug sei. Ich sagte „Gracias“, murmelte noch etwas in Richtung „es ist zu voll“ und ging. Ich setze mich auf einen Platz am anderen Ende des Raumes. Er kam mit etwas Abstand hinter mir her, stellte sich vor mich und fragte mich, als sei nichts gewesen: „Bailas?“ Ich verneinte und er ging wieder.

2 Kommentare zu „Danke und Tschüss

Gib deinen ab

  1. Ich selbst habe es noch nie über´s Herz gebracht eine Tanda vorzeitig abzubrechen. Eimal hat mich eine Frau nach etwa einer Minute des ersten Stückes stehen gelassen, als ich noch blutiger Anfänger war. Inzwischen sind 10 Jahre ins Land gegangen und sie miradiert sich die Augen aus dem Kopf um mit mir zu tanzen. Eher würde ich den ganzen Abend auf meinem Stuhl der Musik lauschen als mit ihr zu tanzen. Wer eine Tanda abbricht, sollte sich im klaren sein, daß es wahrscheinlich eine endgültige Entscheidung ist. Das ist ja bei einigen der oben beschriebenen Kandidaten sicher gewünscht, aber speziell bei Anfängern weißt du nie was draus wird und auch für den Stehengelassenen ist meist der Abend gelaufen, sowas kriegen schließlich alle mit.

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    1. Absolut, ich habe demjenigen, der mich als Anfängerin stehengelassen hat, auch keine zweite Chance mehr gegeben. Nie mehr. Dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man abbricht. Gerade bei Anfängern sollte man daher nicht leichtfertig abbrechen, sondern wirklich gut überlegen, ob es notwendig ist.

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