Hauptgewinn

Buenos Aires Vibes

„65!“, ruft der Milonga-Veranstalter laut durch den Raum und schaut sich um. „Die 65 hat gewonnen! Wer hat die Nummer 65?“ Niemand reagiert. Er wartet kurz, dreht sich mit suchendem Blick noch einmal auf der Tanzfläche um sich selbst. Dann steckt er schulterzuckend das Los in die Jacketttasche, läuft zu einem Tisch und bittet eine elegant gekleidete Dame, eine neue Nummer zu ziehen, was diese auch sofort tut. „101!“, ruft er nun enthusiastisch ins Mikrofon. Nichts regt sich. Er hält einige lange Momente inne, dann zieht er selbst eine neue Nummer. „157?“ – Schweigen. „157 zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten? Okay, Pech gehabt.“ Eine neue Glücksfee darf ziehen und dieses Mal auch selbst vorlesen. „93“, sagt sie und wiederholt die Zahl extra auf Englisch, damit wirklich jeder die Möglichkeit hat zu verstehen. Doch es hilft nichts. „Schon gegangen? Selbst schuld. Neue Chance, neues Glück.“ Mit schnellem Schritt läuft er zu einem Tisch, ein junger Mann zieht ein Los. „30?“, fragt er in die Runde. „Ah“, sagt ein Mann zu meiner Linken, „knapp daneben.“ Ich schaue auf den Zettel in seiner Hand, auf dem in dicker, schwarzer Schrift die 31 steht. „Was ist eigentlich der Gewinn?“, frage ich ihn. „Oh, eine Flasche Sekt“, antwortet er, „das wäre doch ganz nett, oder? Ich hätte auch geteilt.“ „Letzte Woche habe ich gewonnen“, mischt sich eine Frau zu meiner Rechten ein, „einen 20% Gutschein in einem Tangoshop. Ich bin hingegangen. Es war so teuer, dass ich auch mit 20% Rabatt nicht auf einen angemessenen Preis gekommen bin. Ich habe nichts gekauft.“ „Hm…“, erwidere ich und drehe meinen Kopf zurück in Richtung Tanzfläche. Die Flasche Sekt hat noch immer nicht den Besitzer gewechselt. Die Milongagäste werden langsam ungeduldig, scharren mit den Füßen. Sie wollen tanzen, die Flasche Sekt ist ihnen herzlich egal. Die Raucher und Raucherinnen, die sich zu Beginn der Tanzpause ins Freie geschlichen haben, um ihrem Laster zu fröhnen, kommen langsam zurück – leicht verwundert, dass noch nicht wieder getanzt wird.

„123“, schallt es durch den Raum. „Jaja, hier“, ein älterer Mann erhebt sich von seinem Platz. Erleichtert steuert der Veranstalter auf ihn zu, lässt sich sein Los zeigen. Doch es ist ein Missverständnis, er hat die 122. Ein Seufzen geht durch die Reihen. Der Mann setzt sich wieder. Nichts war’s mit der Flasche Sekt. In einem sind sich alle Besucher*innen einig: Diese Verlosung dauert viel zu lange. Der Mann am Mikrofon versucht mit einem Witz die Stimmung zu heben, einige Gäste lächeln müde.
Eilig, fast verzweifelt steuert er nun einen großen Tisch an und fragt eine Frau mittleren Alters, ob sie eine Nummer ziehen möchte. „Natürlich“, antwortet sie höflich. „Welche Nummer hast Du denn?“, fragt er sie schnell. „Ich habe die 77“, sagt sie ruhig. Dann hält er ihr die Box mit den Losen hin. Sie zieht. Bevor sie den Zettel sehen kann, nimmt er ihn ihr aus der Hand und liest laut vor: „77 – herzlichen Glückwunsch!“. Niemand glaubt, dass sie sich wirklich selbst gezogen hat, doch ihr ganzer Tisch jubelt laut und alle anderen Gäste atmen erleichtert auf. Die Flasche Sekt wird aufgestellt, die Kellner eilen mit Sektgläsern heran und die Milonga geht endlich, endlich weiter.

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