Feministischer Tango – Impressionen aus Buenos Aires

Buenos Aires, Dezember 2019.

Das Selbstverständnis von Frauen in Argentinien verändert sich. Mit #Niunamenos (deutsch: Nicht eine (Frau) weniger) kämpfen sie gegen Frauenmorde und Gewalt gegen Frauen und LGBT’s. Sie fordern (bisher ohne Erfolg) den legalen Schwangerschaftsabbruch und die klare Trennung von Staat und Kirche. Über 200.000 Teilnehmer*innen kamen zum argentinischen Frauenkongress im Oktober 2019 in La Plata – das sind 150.000 Personen mehr als im Jahr zuvor. Dazu kommen zahllose Demonstrationen und Aktionen, auch virtuell. Wer argentinische (Tango-)Freunde auf Facebook oder Instagram hat, wird entsprechende Posts, #Niunamenos-Profilbild-Rahmen und ähnliches wahrgenommen haben. Dem Zeitgeist entsprechend wurden im Jahr 2018 alle feministischen Mafalda-Comics gesammelt in einem Band veröffentlicht (Mafalda – femenino singular).

Der Feminismus und die LGBT-Bewegung sind omnipresent in Teilen von Buenos Aires. Bars und Restaurants der „hippen“ Viertel wie Palermo oder Almagro sind mit Regenbogenfahnen und „Love is Love“-Schriftzügen geschmückt. Ein Taxifahrer zeigt während einer nächtlichen Taxifahrt auf eine Häuserecke und erklärt mir, dass dort bis vor kurzem noch ein „Club de Señoritas“ gewesen sei, der nun schließen musste. Illegal sind Bordelle in Buenos Aires zwar bereits seit 1943, doch – so zumindest die Aussage des Taxifahrers – bis vor kurzem hätte sich nicht wirklich jemand darum gekümmert. Nun aber werde eines nach dem anderen tatsächlich kontrolliert und geschlossen – wegen des Feminismus, erklärt er mir.

Als ich an einem anderen Abend gemeinsam mit einem Freund per Uber nachhause fahre, er bei sich und wenig später ich bei mir aussteige, wo ich für uns beide bezahle, kommentiert der Fahrer das mit: „Die Frau fährt den Mann nachhause und zahlt, das ist gelebter Feminismus.“

Der Tango verändert sich

Dieser Feminismus setzt sich auch im Tango fort. Seit 2018 gibt es beispielsweise das Movimiento Feminista de Tango sowie das Kollektiv Tango Hembra, verschiedene von Frauen organisierte Tangofestivals sind sogar noch älter (u.a. Lady’s Tango Festival). Dazu kommt, dass Buenos Aires schon lange eine aktive Queer Tango Szene hat, ein Fakt, der hierzulande oft nicht hinreichend bekannt ist.

„Lächle, die bist zu hübsch, um so ernst zu sein.“

„Der Tango wird sich durch den Feminismus verändern und das ist nicht schlimm, der Tango hat sich immer verändert“, sagt Alejandra Gutty, eine meiner Lehrerinnen in Buenos Aires. Sie betont, wie wichtig sie es finde, dass über die neuen gesellschaftlichen Impulse im Tango gesprochen wird, dass sie bewusst diskutiert und aufgegriffen (oder vielleicht auch abgelehnt) werden. Es sei essentiell, dass der Tango sich nicht isoliert oder gar einfriert. Gerade war sie von einer Reise aus Rußland und der Türkei zurückgekehrt und zeigt sich verwundert darüber, dass die aktuellen Gender-Diskussionen, die es in der argentinischen Gesellschaft und im argentinischen Tango gibt, in diesen Ländern nach ihrer Wahrnehmung kaum geführt werden. Wird es tatsächlich so kommen, dass Rußland und die Türkei bald Rückzugsorte für Traditionalisten des Tangos sein werden, frage ich mich in Gedanken. So war es bezeichnenderweise auf einem Festival in Sankt Petersburg, wo Anfang 2019 von Veranstaltern verhindert wurde, dass zwei Frauen miteinander tanzen, was zu einem Aufschrei (#tango4all) in der Tangowelt geführt hat. Diese sehr traditionellen Milongas gibt es in Buenos Aires natürlich auch, allen voran die alteingesessene Milonga Cachirulo, die aus ebendiesem Grund von einigen Tänzer*innen gemieden wird. „Wer so eine antiquierte Einstellung hat wie diese Organisatoren, bekommt von mir keinen Peso“, sagen sie. Bei Touristen und anderen Einheimischen ist die Milonga hingegen beliebt, lässt sie uns doch – vielleicht nur gefühlt – den alten, traditionellen Tango atmen, von dem unsere argentinischen Tanzlehrer*innen ab und an berichten. Sie fühlen sich daher an, wie eine Reise in längst vergangene Zeiten. Ich gebe zu, ich mag diese Milonga auch.

Eingang zu einer
alternativen Milonga

Milonguerxs der neuen Generation veranstalten neue Milongas und Practicas in Buenos Aires. Sie sind alternativer, offener, hipper. Manchmal findet man Hinweise auf den Tischen, die alle Gäste, unabhängig von Geschlecht und Rolle, dazu ermutigen, aktiv aufzufordern (u.a. bei Muy Lunes). Andere haben den Bruch mit den Traditionen direkt im Namen, wie „La Maria Rolera“ (rol era kann u.a. übersetzt werden mit, „Es war einmal die Rolle“). Weitere Milongas arbeiten mit feministischen Symbolen, wie z.B. La Furiosa Milonga. Andere rücken näher an die Queer-Szene und verwenden in der Kommunikation Symbole der Lesben- und Schwulenbewegung wie die Regenbogenfahne oder das Einhorn (u.a. La Milonga El Batacazo). Auf nicht wenigen dieser Milongas ist konsequenterweise die Geschlechtertrennung der Toiletten aufgehoben. Eingeladen wird (natürlich) in gegenderter Sprache. Auch bei den Auftritten wird mehr als sonst mit Geschlechts- und Rollenstereotypen gespielt. Zudem habe ich auffallend viele Frauen gesehen, die in Hosen auftreten. Etwas, was hier in Europa zur Zeit kaum vorkommt.

Und auf den Milongas? Um das gleich vorweg zu nehmen, die meisten Paare tanzen klassisch: Mann führt, Frau folgt. Manche wechseln ab und an die Rollen. Vielleicht geht es unterm Strich doch mehr um die Möglichkeit, als um das tatsächliche Tun? Natürlich sieht man Frauenpaare und, was mich überrascht hat, deutlich mehr Männerpaare als zum Beispiel in Berlin. Auch bei den Outfits gibt es Ungewohntes zu entdecken: Frauen in Hosen und flachen Schuhen rufen zwar weder hier noch dort große Irritationen hervor, in Buenos Aires kann man sich aber durchaus auch an Männer in Röcken und manchmal sogar Highheels gewöhnen. Nicht, dass es die Regel wäre, aber es kommt vor.

Der Tanz selbst? Er ist experimenteller. Folgende nehmen sich mehr Raum, Führende gewähren mehr Raum, dennoch bleibt der Tanz eng und innig. Es ist keine Rückkehr zum Tango Nuevo, es ist etwas anderes, etwas das (noch) keine festen Regeln hat und daher die besondere Magie des Spielerischen verströmt. Klar ist: Der Tango existiert nicht losgelöst von der Gesellschaft, wie auch, ist er doch ein Gesellschaftstanz (oftmals falsch übersetzt als „Sozialtanz“ oder noch falscher als „sozialer Tanz“). Gesellschaftliche Entwicklungen haben den Tango seit jeher geformt und beeinflussen ihn auch heute. Wie Alejandra Gutty sagt, der Tango verändert sich, das hat er immer getan und wird es weiter tun. Es wird spannend sein, zu beobachten und mitzugestalten, wohin die Reise geht.

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