Unter Frauen – Eindrücke vom 1. Tango Queens Congress

Ende Januar trafen sich rund 100 Frauen (und nein, kein einziger Mann) zum ersten Tango Queens Congress in Saarbrücken – ein in der Tangowelt bisher einmaliges Event. Das ganze Wochenende sollte es um Tango gehen, besonders um Themen, die Frauen rund um den Tango beschäftigen. Das Tanzen selbst stand dabei nicht im Mittelpunkt. Zwar gab es zwei Milongas, die aber mit jeweils drei Stunden Dauer nur einen kleinen Teil des Wochenendes ausmachten und dennoch zu einer ganz besonderen Erfahrung wurden, denn eine Milonga nur unter Frauen hat frau eben nicht alle Tage.

Wer ihren Tanz verbessern wollte, hatte tagsüber die Möglichkeit Unterricht im Führen oder im Folgen zu nehmen. „Empowered Follower“ oder „Leading for Women“ hieß das dann. Die ebenfalls ausschließlich weiblichen Lehrerinnen standen dabei vor der Herausforderung eine für alle passende All Levels-Klasse zu unterrichten, was aus meiner Sicht ausgezeichnet gelang. Übrigens gab es unter den Teilnehmerinnen nicht nur Anfängerinnen im Führen, sondern auch gestandene Führende, die noch nie in ihrem Leben die Rolle der Folgenden getanzt hatten. Entgegen mancher Vermutungen im Vorfeld handelt es sich bei dem Tango Queens Congress jedoch nicht um einen Queer-Tango-Event. Aus der Queer-Szene gab es sogar Kritik an dem fixen Teilnahmekriterium „Frau“. Dies soll hier nur am Rande erwähnt werden.

Doch wenn nicht das Tanzen, was machte dann den Hauptteil des Wochenendes aus? „Sprecht ihr da nur über Männer“, fragte mich vorher ein Bekannter fast schon etwas ängstlich. Nein, liebe Männer, ich kann euch beruhigen, es ging zwar ab und an um euch, aber vermutlich weniger als ihr denkt. Ein anderer männlicher Tangofreund, schaute sich das Programm an und sagte fast erleichtert: „Tango-Meta-Themen, also.“
Die Tage waren voll, von morgens neun bis abends elf. Den Hauptteil machten parallel stattfindende Diskussionsrunden zu verschiedenen Themen aus. Die heikelste war sicherlich „Sex, Dating and Abuse“ – im Tango wohlgemerkt. Außerdem ging es um Wettbewerb unter Frauen, Gender- und Rollen-Stereotypen und wie diese durch Tangokleidung noch verstärkt werden, Tango und das Älterwerden, Diskriminierung und Unterschiede beim Tanzen in verschiedenen Ländern. Die Sessions waren allesamt sehr offen gestaltet, wenig Input, viel Raum für die Teilnehmerinnen. Fast alle hatten so im Verlauf des Wochenendes gleich mehrere #metoo-Momente, in denen klar wurde, dass Probleme, die sie zuvor als ihre eigenen, individuellen angesehen haben, in Wahrheit struktureller Natur sind.

Ein Thema in vielen Talks war, wie Frauen sich mehr unterstützen können und wie insbesondere Anfängerinnen besser integriert werden können. Fast alle Frauen konnten Geschichten aus ihrer Tango-Anfangszeit berichten, die sie heute so nicht mehr mitmachen und die sie anderen Frauen gerne ersparen würden. Ob es sich dabei nun um übergriffiges Verhalten von Männern handelte oder Momente, in denen sie sich wertlos und einsam fühlten und unter Tränen Milongas oder Unterrichtsstunden verließen. Sicherlich kann Schwesternschaft den Tango nicht zur heilen Welt machen, aber sie kann doch einiges abmildern. Was sie allerdings nicht lösen kann, ist das große Thema „Männermangel“ im Tango – oder vielleicht doch? Denn ist der „Männermangel“ nicht eigentlich ein „Führendenmangel“ und da kann frau natürlich etwas machen. Nämlich führen lernen. Ganz einfach. Ob ihr das auch hilft, bei Genderbalanced-Tango-Events Zugang zu finden ist noch einmal eine andere Frage. Über Lösungen für dieses Problem tauschten sich Organisatorinnen von Tango-Events angeregt aus.

Neben den kleineren Diskussionsrunden fanden auch einige Vorträge und Panels in großer Runde statt. Unter anderem ein Gespräch über Tango-Bilderwelten, die kreiert und insbesondere für Werbezwecke verwendet werden. Dass dort zuweilen noch immer der Macho-Latinlover und die übersexualisierte Frau zu finden sind, ist laut einer auf dem Kongress vorgestellten Umfrage für die meisten Tangotänzer*innen nicht zu verstehen. Hat doch dieses Bild mit dem Tango, den sie erfahren und tanzen, so gut wie gar nichts zu tun. Gerade in der heutigen Tango-Ära, in der die Begriffe Umarmung und „Connection“ großgeschrieben werden, scheinen andere Bilder viel stimmiger. Teilnehmerinnen berichteten davon, dass manch professionelles Tangopaar nach entsprechenden Hinweisen seine klischeehaften Werbebilder geändert hat. Doch natürlich klappt das nicht immer so.

Mein persönliches Highlight des Wochenendes war der Vortrag „Lady in Red – Being a woman in Argentine Tango“ von Veronica Toumanova, bei dem sie in der ihr eigenen humorvollen und gleichzeitig sehr fundierten Art nicht nur darüber sprach, wie sich die Folgendenrolle im Tango über die Zeit verändert hat und was das für Frauen konkret bedeutet, sondern auch, wie Frauen ihre persönliche Tangowelt besser gestalten und damit ihr Tango-Wohlbefinden steigern können. Für alle, die es interessiert: Führenlernen war ebenso dabei, wie die Suche nach Gleichgesinnten und natürlich das Verbessern der eigenen „Tanzskills“. Spannender als die Tipps fand ich die Reise durch die Historie des Tangos (aus Frauenperspektive, versteht sich), vom verruchten Tanz der Bordelle und der Unterschicht, aus dem sich sich noch immer die erotisierende Bilderwelt speist, über die Pariser Eleganz, den Tango im Herzen in schwierigen Zeiten bis zum heutigen Tango der Verbindung. Eine Verbindung, die sich in unserer globalisierten Welt, nicht nur auf die Verbindung im Tanzpaar selbst, sondern in der weltweiten Community erstreckt und dennoch manchmal mehr Schein als Sein ist.

Ziel des Tango Queens Congress war es, Tangueras wirklich miteinander zu verbinden, live und in Farbe. Der Kongress entstand aus einer Facebookgruppe, die sich vor etwa eineinhalb Jahren in England gegründet hat, und als virtuelle Austauschplattform für Tango-Tänzerinnen dient. Die Gruppe wuchs rasend schnell und hat inzwischen über 2.500 Mitglieder. Dort verabreden sich Frauen miteinander, wenn sie fremde Städte oder Events besuchen. Sie besprechen Erfahrungen, spenden Trost und finden Lösungsmöglichkeiten für Dinge, die sie im Tango verändern wollen. Sie berichten über Erfolge, sodass diese im Sinne von „Good Practice“ weitergetragen werden. In der Gruppe sind Professionals genauso vertreten wie relativ neue Tangueras aus aller Welt. Einen ähnlich bunten Mix gab es auch bei den Teilnehmerinnen des Tango Queens Congress: Frauen mit einem Jahr Tangoerfahrung und über 20 Jahren, Frauen in ihren 20ern genauso wie ältere Tangueras. Verschiedenste Professionalisierungsstufen: Lehrerinnen, Organisatorinnen, semi-professionelle und reine Hobby-Milongueras. Die meisten kamen aus Europa, aber auch aus der Türkei, Asien und den USA waren Frauen angereist. Erklärtes Ziel des Tango Queens Congress war Empowerment, ganz ohne „Tschakka“, sondern durch gegenseitiges Verständnis und Wertschätzung, durch Erfahrungsaustausch, durch geteilten Ärger über Gegebenheiten und konstruktive Suche nach Lösungen. Die Atmosphäre, die sich unter den Teilnehmerinnen entwickelte, war wunderschön und machte den Event zu etwas ganz besonders Wertvollem.

Für alle Ladies, die die erste Edition verpasst haben und jetzt neugierig geworden sind: Nächstes Jahr soll wieder ein Tango Queens Congress stattfinden.

7 Kommentare zu „Unter Frauen – Eindrücke vom 1. Tango Queens Congress

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  1. Die Reaktionen von Männern bewegten sich zwischen „fast schon etwas ängstlich“ und „fast erleichtert“? Und das bereits im Vorgeld und wo es sie ja gar nicht betrifft?
    So so – „die Tangueros“ sind aber auch nicht mehr das, was sie mal waren. 😉

    P.S.: Feste Tangopaare betreffen die Themen nur abgeschwächt … wir waren an dem Termin z.B. gerade auf einer Tangoreise.

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  2. Als Feministin denke ich bei Männern, die eine Tagung unter dem Titel „Tango Kings Congress“ veranstalten würden, dass die Herren Organisatoren aufgrund von Selbstüberschätzung übergeschnappt sind.

    Ulrike

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    1. Kurz, prägnant und nachhaltig. Darf ich Ihnen, werte Tanguera Ulrike, zu diesem über Bande gespielten treffsicheren und eleganten Tiefschlag gratulieren?

      Mit begeisterten Grüssen und vorzüglichster, bewundernder Hochachtung

      Wiener Milonguero

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    2. Ich denke auch, dass die Marke „Queens“ eine andere Wahrnehmung erzeugt als „Kings“. Wobei sowieso nicht gerade viele Männer an Stuhlkeis-Gesprächen Interesse zeigen dürften. Wenn im nächsten Jahr die Themen ausgelutscht sind, muss man das Format noch ändern – etwa in ein „Tango Kings Festival“. Und das klingt nicht nur blöd, sondern wäre für die gut tanzenden Tangueros auch kein Lockstoff … sie wollen ja die „Queens“.

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