Gegensätze

Buenos Aires Vibes

Mein Blick schweift über die Tanzfläche und ich bin entzückt. Nicht nur, dass das Tanzniveau hier gut ist, alle Paare auf ihre Art die Musik interpretieren, dass keine*r für die Zuschauenden, sondern alle für sich selbst und ihre*n Partner*in tanzen. Nein, etwas anderes begeistert mich noch viel mehr. Es ist die Vielfalt, es sind die Gegensätze, die sich auf der Tanzfläche vereinen und dadurch plötzlich unwesentlich werden. Inklusion pur.

Direkt vor mir tanzt ein 22-jähriger Mann mit einer fast 90-jährigen Frau. Er trägt einen schicken Anzug und führt sie stolz über das Parkett. Sie strahlt und lächelt milde auch über die ein oder andere spürbare Unerfahrenheit in seinem Tanz hinweg.

Weiter hinten sehe ich ein anderes Paar. Die Dame ist sehr klein, auch für argentinische Maßstäbe, deutlich kleiner als 1,50m auf jeden Fall. Der Herr ist verhältnismäßig groß. Ein ungleiches Paar und doch haben sie sich vereint, zumindest für eine Tanda. Sie stellen sich der Herausforderung, forschen nach der besten Verbindung, dann haben sie sie gefunden, der Tanz fließt. Doch plötzlich ist sie wieder verloren, sie suchen neu. Wie alle anderen Paare auch.

Zu meiner Linken schiebt sich ein neues Paar in mein Blickfeld. Er ist ein stattlicher Mann, sie eine schöne Frau. Und sie ist blind. Ich habe sie schon auf einigen Milongas und auch in einigen Unterrichtsstunden gesehen. Man kennt sie hier. Jeder weiß, dass der traditionelle Cabeceo bei ihr nicht wirkt. Die Herren gehen auf sie zu, berühren sanft ihre Hand, sprechen sie an und bitten um einen Tanz. Viele Herren tun das und oft sagt sie „ja“.

Mein Herz hüpft vor Freude. Wie schön, wenn Tango Menschen verbindet. Und nicht nur Menschen, die sich ohnehin schon sehr ähnlich sind, sondern auch Menschen, die sich anders vielleicht nie begegnen würden – die unterschiedlich, gar gegensätzlich sind.

Doch da fällt es mir wieder ein: Es ist eben genau hier auf dieser Milonga, wo es nicht erwünscht ist, dass Frauen führen und Herren folgen und wo es noch weniger erwünscht ist, dass Frauen mit Frauen und Männer mit Männern tanzen.

Ganz ehrlich: Kann mir das jemand erklären?

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