Was mich bewegt

Gastbeitrag von einer besorgten Beobachterin –

Sonntag vor Weihnachten. Milonga. Die Tanzfläche: Voll. Die Stimmung: Lebendig, harmonisch, feierlich. Irgendwo dazwischen: Dieses Pärchen. Zuletzt habe ich sie zusammen vor einem halben Jahr auf einem Festival gesehen. Händchenhaltend. Wie schön.

Sechs Monate später ist mein Gefühl ein anderes, und das so kurz vor dem Fest der Liebe. Heute habe ich Bauchschmerzen. Und es liegt nicht an zu viel Plätzchen. Und vielleicht liegt das einfach nur an zu viel Fantasie:

Schon am Rande der Tanzfläche teilt er ihr mit, was als nächstes auf dem Plan steht. Während des Tanzes spricht er permanent, vielleicht erklärt er oder wahrscheinlicher korrigiert er. Er schüttelt die gemeinsame Faust, als ob er zum hundertsten Mal um noch festeren Griff bittet. Von außen sieht das schon ziemlich aggressiv aus.

Sie sagt die ganze Zeit nichts, schaut ernst. Vielleicht ist sie einfach nur konzentriert, vielleicht ist sie sogar ehrgeizig und hat selbst eingefordert, den Tag zum Lernen zu nutzen. Vielleicht will sie auch einfach ihrem Partner gefallen und tut einfach, was er sagt. Er tanzt besser, er ist älter, vielleicht beeindruckt sie das. Zurück am Rand atmet sie auf und trägt ihm die Getränke hinterher.

Ich kann das nicht gut ansehen. Für mich sind beide nicht auf Augenhöhe. Ich spüre Aggression ihm gegenüber und Mitleid ihr gegenüber. Vielleicht zu Unrecht. Ich kenne die beiden und ihren Deal nicht. Wieso denke ich, dass sie schwächer ist? Was sagt das über mich aus?

Ich hole mir Feedback von Frauen. Eine teilt meine Gefühle. Sie wisse aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt und wie schwierig es ist, nein zu sagen. Beide glauben wir, dass wir wenig machen können. Privatsache, hm.

Was wünschte ich mir in einer solchen Situation? Dass jemand mich anspricht und fragt, wie es mir geht? Würde ich dann offen antworten oder mich noch mehr bedrängt fühlen? Ich habe noch keine Antwort.

4 Kommentare zu „Was mich bewegt

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  1. Ich denke, man man sollte sich erstmal meditativ in ein Ecke setzen. Wenn man die Gedanken an die Situation nicht los wird, meint dass unbedingt sofort etwas passieren muss, bei all dem Leid auf der Welt, dann sind eigene Emotionen angetriggert worden. Und solange man selbst nicht klar sehen und fühlen kann, wird man eher nicht hilfreich sein.
    Na und dann wäre es doch eine gute Idee, mal mit einem oder beiden eine Tanda zu tanzen – das ist doch der entscheidende Vorteil auf einer Milonga!

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  2. Mein Vorschlag wäre, dass du deinen Tanzpartner bittest, doch mal mit ihr zu tanzen. Ihr zu zeigen, was möglich ist.

    Da dürfte schlicht der altbekannte Irrtum, dass Tango zur Paarbindung taugt, mal wieder zugeschlagen haben. Viele Frauen glauben aufgrund der innigen Intimität eines zweieinhalbminütigen Tanzes, dass dies eine tragfähige Basis für eine Beziehung sei. Viele Tanzlehrer berichten stolz von den Ehen, die in ihrem Kurs ihren Anfang genommen haben. Es gibt aber auch andere, die betonen, dass Tango nur die zweieinhalb Minuten wirkt. Nicht länger.

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  3. Ich glaube, ein aufmerksamer Beobachter wird diese Situation öfter beobachten können. Als Paar Tango zu lernen ist eine große Herausforderung. Die Unterschiede in den Lernkurven, der motorischen Fähigkeiten, der Musikalität, des Ehrgeizes verbunden mit der Schwierigkeit die Quelle eines Problems im Paar zu lokalisieren („das ist dein Fehler!“), führt zwangsläufig zu Krisen. Das geht mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wohl dem Paar, das diese Krisen überwindet, es geht gestärkt daraus hervor. Nicht wenige scheitern.

    Als Beobachter muss man das ertragen – leider. Dann mit einem Partner zu tanzen ist gefährlich, es kann den Konflikt noch verstärken („mit Der/Dem klappt das aber wunderbar . siehst Du, ist DOCH deine Schuld“). Nur ein guter Tangolehrer (so es ihn für das Paar gibt) kann hier im Sinne einer Mediation eingreifen und emphatisch ausgleichend beide loben und zugleich korrigieren.

    Ich spreche übrigens aus eigener Erfahrung – und gehöre zu den Glücklichen. Der ein oder andere Abend war aber schon heftig. Und ich habe so einige Paare beim Tango kommen und gehen gesehen.

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  4. Ach, jeder ist für sein Glück/Leid doch ein großes Stück selbst verantwortlich.

    Vielleicht ist es ja der Anfang vom Ende, meist mittel- und langfristig wäre es doch eventuell für Beide das Wünschenswerteste! Sollte man da als Außenstehender nach- oder mithelfen? Wohl eher nicht.

    Mal schauen, ob sie in ein paar Monaten nicht doch wieder beglückt und mit neuen Partnern Händchen haltend am Tresen stehen. Tango nicht nur als Binde- sondern auch als reinigendes Mittel.

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