Ein Glas Wein mit Hindernissen

„Es viernes y el cuerpo lo sabe“, sagen die Argentinier. „Thank god it’s friday“, sagen die Amerikaner. „Endlich Wochenende“, denke ich mir.

Die Woche war lang und anstrengend. Ich freue mich auf das Wochenende und auf die Milonga heute. Da ich etwas müde bin und wirklich Erholung von der Arbeitswoche brauche, ist mein größter Wunsch für heute Abend, in Ruhe ein Glas Wein zu trinken und die Atmosphäre wirken zu lassen. Ich habe weder einen sehr großen Bewegungsdrang, noch bin ich in übermäßiger Plauder-Laune. Da sich sowohl das Tanzen als auch das Reden auf Milongas ganz gut regulieren lassen, bin ich optimistisch den Abend so gestalten zu können, dass er mir gut tut.

Als ich mein Fahrrad vor der Milonga-Location anschließe, sehe ich schon ein großes Glas dunkelroten Wein vor meinem inneren Auge – hier auf dieser Milonga haben sie herrlich schöne große Rotweingläser. Interessanterweise trinke ich Rotwein tatsächlich eher, wenn ich nicht so viel tanzen mag. Wenn ich in Tanzlaune bin, sind Weißwein, Weißweinschorle oder nicht-alkoholische Getränke meine bevorzugte Wahl. Aber das nur am Rande.

Als ich auf der Milonga ankomme, begrüße ich einige Bekannte, tanze zwei oder drei Tandas und hole ich mir schließlich mein Getränk der Wahl. Mit dem Weinglas in der Hand suche ich mir einen schönen Sitzplatz mit guter Sicht auf die Tanzfläche und etwas abseits der Cabeceo-Ecke. Genüßlich nehme ich den ersten Schluck. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Plötzlich steht ein guter Bekannter neben mir, den ich lange nicht gesehen habe. Gleichzeitig beginnt eine sehr schöne melodische Tanda. Okay, wir tanzen. Ich stelle mein quasi noch volles Glas auf den Tisch und gehe auf die Tanzfläche. Als ich danach zurück zu meinem Platz komme, kann ich es nicht glauben. Ich bin geradezu fassungslos: Mein Glas Wein ist WEG! Einfach weg. Das kann doch nicht wahr sein! Verärgert schaue ich mich um, begutachte argwöhnisch alle Menschen, die Rotwein in der Hand halten. Wer hat mein Glas geklaut? War es Versehen oder eiskalte Absicht? Ich bin ehrlich deprimiert. Ich setze mich zurück auf meinen Platz und bade in meinem Ärger. Nach einigen Tangos wird aus dem Ärger Traurigkeit. Ja, das nimmt mich jetzt echt mit. Warum gerade heute?
Nachdem ich mich etwas beruhigt habe, frage ich mich: „Was tun?“ Ein neues Glas Wein kaufen? Nachhause gehen? Es als Zeichen nehmen, dass ich heute besser keinen Wein trinken soll? Nach zwei Tandas tiefsten Grübelns, entscheide ich mich für ein neues Glas Wein. Kaum habe ich mich mit diesem Glas wieder zu meinem Platz durchgeschlagen, steht erneut ein Bekannter neben mir und fragt nach wenigen Sätzen Small-Talk, ob wir tanzen wollen. „Äh? Hallo? Ist das eine Masche?“, frage ich mich. Ich lehne freundlich ab, setze mich hin, trinke in aller Seelenruhe meinen Wein und gehe dann zufrieden nachhause.

— Es handelt sich um eine wahre Geschichte —

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