Gute Haltung – Teil 1: Theorie

Achtung: Nur für Bewegungs- und Körperarbeits-Nerds wie mich. Wem der Artikel zu „nerdig“ ist, der muss ihn ja nicht lesen.

Good Posture. Die nie endende Suche nach der perfekten Tangohaltung – wer kennt sie nicht? Verschiedene Lehrer*innen haben unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema und natürlich auch unterschiedliche Auslegungen, wie genau denn nun die „richtige“ Haltung zu sein hat.

Was die Herangehensweisen betrifft, seien hier als Beispiel zwei Extreme herausgegriffen:

  1. Form vor Funktion
    Die einen biegen ihre Schüler*innen zurecht, bis diese die „richtige“ Haltung haben und sagen ihnen, sie sollen diese nun beibehalten, wenn sie tanzen. Üblicherweise wird der Tanz dadurch blockiert und stockend. Roboter-Tango lässt grüßen. Die Hoffnung dieser Lehrer*innen ist sicherlich, dass sich die Haltung mit der Zeit natürlicher anfühlt und statt der stocksteifen Bewegungen irgendwann ein Gefühl von Tanz entsteht.
  2. Funktion vor Form
    Andere gehen das Thema genau von der anderen Seite an. Sie kümmern sich zunächst kaum um die Haltung ihrer Schüler. Stattdessen legen sie Wert darauf, dass diese Tanzen, Freude an der Bewegung haben, sich beim Tango wohl fühlen und in ihren Körper und einen Fluß kommen – hier besteht wohl die Hoffnung, dass mit der Zeit das Körperbewusstsein steigt, und spätestens wenn die Bewegungen komplexer werden, quasi von selbst die individuelle Tangohaltung entsteht, weil die Bewegungen sonst gar nicht ausgeführt werden können.

Was die Haltung und die Schwerpunkte bei deren Vermittlung betrifft, gibt es wiederum fast so viele Ansichten wie Lehrer*innen. Manche fokussieren die Hüfte, andere die Schultern oder die Beine und Füße, bei wieder anderen startet alles mit der Position des Kopfes. Manche denken mehr nach vorne, andere mehr aus dem Rücken, bei wieder anderen liegt der Fokus auf der Ausdehnung nach oben oder in die Diagonalen. Für Schüler*innen manchmal verwirrend. Aber bekanntlich führen ja viele Wege nach Rom. Jeder Lehrer und jede Lehrerin teilt, was für ihn oder sie funktioniert oder was er oder sie bei den Schüler*innen als funktionierend erlebt hat.

Dennoch bleibt keinem Tänzer und keiner Tänzerin die eigene Arbeit erspart, seine oder ihre Haltung zu finden und die ist immer individuell – sogar dann, wenn sie nach Schema F aussieht. Zwar gibt es einen „Blueprint“, der je nach Stil etwas variieren kann, doch der Teufel liegt im Detail und hängt von den individuellen Eigenschaften und Möglichkeiten des eigenen Körpers ab.

Wie kommen wir raus aus dem Haltungs-Schlamassel?

Ich habe mich zum Thema Haltung – ganz allgemein, losgelöst vom Tango – in den Bewegungswissenschaften und bei einigen Bewegungsexpert*innen umgesehen und einen Ansatz gefunden, der mir einfach, griffig und stimmig zugleich erscheint, sich aus meiner Sicht wunderbar auf Tango anwenden (und ein bisschen anpassen) lässt – und es jeder und jedem ermöglicht, sich mit wenigen einfachen Visualisierungen und Übungen dem Thema Haltung ganz eigenständig zu nähern.

Im Folgenden beziehe ich mich auf den Artikel „Good Posture“ von Todd Hargrove. Todd Hargrove schreibt, forscht und arbeitet rund um Körper und Bewegung. Sein Buch „Better Movement“ greift das Thema Bewegung in seiner Vielfalt auf und ist unglaublich erhellend für alle, die sich dafür interessieren.

Zum Thema „Good Posture“ macht er zunächst die Grundaussage, dass gute Haltung niemals statisch, sondern immer dynamisch sei (das steht nicht in dem genannten Artikel, sondern im Buch).

Um eine gute Haltung zu finden, setzt er drei Orientierungspunkte:

1. Gute Haltung ist effizient: Effizient ist eine Position dann, wenn Kopf, Brust, Hüften, Knie und Füße in einer Linie sind und das mit minimalem muskulären Aufwand. Die effizienteste Haltung wäre somit, auf dem Rücken zu liegen.

2. Gute Haltung ermöglicht aktuell stattfindende Bewegungen: Welche sind das? In erster Linie mal das Atmen, also eine Bewegung der Rippen. Aber auch Bewegungen der Arme, des Kopfes und beim Tango sicher auch das freien Beines sollten durch die Haltung nicht beeinträchtigt werden.

3. Gute Haltung macht dich bereit für die nächste Bewegung (und du weißt nicht, welche das sein wird): Mit dieser dritten Leitlinie sind wir ganz nah beim Tango, zumindest für die Folgenden. Hargrove denkt dabei allerdings eher an Menschen, die – lange ist es her – bereit sein mussten, vor einem Tiger zu fliehen oder sich rasend schnell umzudrehen, weil sie ein bedrohliches Geräusch gehört haben.

Dass Leitlinie 1 und Leitlinie 3 miteinander konkurrieren, wird schnell ersichtlich. Während es zwar sehr effizient ist, auf dem Rücken zu liegen, macht einen genau diese Position schnell zu Löwenfutter, wenn es hart auf hart kommt. Während eine Pose mit gebeugten Knien und aktivem Körper (man denke an Abwehrspieler im Sport, wenn die gegnerischen Angreifer nahen) zwar ein Höchstmaß an Bewegungsbereitschaft ermöglicht, ist diese Position – wenn sie länger und auch außerhalb akuter „Gefahrensituationen“ gehalten wird – wahnsinnig ineffizient, man könnte auch einfach sagen antrengend. Die richtige Haltung liegt also irgendwo dazwischen und hat auch damit zu tun, wie viel Effizienz und wie viel Bewegungsbereitschaft gerade angebracht sind.

Weil es hier um Tango geht, habe ich zu den Leitlinien 1-3 noch zwei weitere hinzugefügt:

4. Gute Haltung muss in der Umarmung und in der Verbindung im Paar funktionieren.

5. Gute Haltung soll auch gut aussehen. Schließlich ist es Tango.

Soweit zur Theorie, im 2. Teil dieses Artikels geht es um die Praxis und die Frage: Wie kommen wir denn nun zur guten Haltung?

 

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Wer sich für die Bücher von Todd Hargrove interessiert, findet diese nachfolgend. Wenn Ihr sie direkt über den Link erwerbt, geht eine Provision an Berlin Tango Vibes – ihr unterstützt also den Blog, für Euch ändert sich am Betrag nichts.

4 Kommentare zu „Gute Haltung – Teil 1: Theorie

Gib deinen ab

    1. Ist das so? Vielleicht war genau diese Haltung für genau diese Körper in ihrem individuellen Erfahrungshorizont die effizienteste, natürlichste bzw. entspannteste und die, die ihnen die meisten Bewegungsmöglichkeiten gab.

      Aus meiner Sicht ist der in dem Artikel beschriebene Ansatz einer, der sich gegen Schablonen wendet.

      Liken

  1. Es kann wohl leicht das Missverstandnis aufkommen, das Übereinander von Kopf, Brust, Hüfte und Füßen sei die Haltung, für die man die wenigste Energie aufweden muss. Das ist nun nicht so. Man braucht schon etwas Muskelarbeit, um z.B. den Kopf über die Brust zu heben. Die Frage ist aber eben nicht, was effizient fürs Stehen, sondern was effizient fürs Bewegen (hier: Tanzen) ist. Und da ist diese In-Linie-Haltung die effizienteste, vor allem für zirkulare Bewegungen wie Drehungen. Diese Haltung kriegen nun einige der alten Herrschaften in den Videos leider nicht mehr so hin und machen darum auch kaum Drehungen. Hat weniger mit „milonguero“ als mit „viejo“ zu tun. Aber wenn ich mit 90 noch so tanzen könnte wie Toto Faraldo und Eduaro Pareja, wird mir das herzlich egal sein.

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