Gehüllt in einen Tarnmantel und umgeben von schwarzem Rauch

Heute ist etwas schiefgegangen. Es muss beim Anziehen passiert sein, anders kann ich es mir nicht erklären. Ohne es zu merken, habe ich wohl über mein liebstes Kleid auch noch einen Tarnmantel gezogen, der mich als potenzielle Tanzpartnerin unsichtbar macht. Seit Stunden sitze ich auf der Milonga und bekomme keinen einzigen Tanz. Die Enttäuschung ist groß und kratzt an mir und meinem Selbstbewusstsein. Ich setze mich in verschiedene Ecken, recke meinen Kopf in alle Richtungen, werfe Miradas quer durch den Raum und fange verzweifelt Gespräche an der Bar an. Doch sobald eine Tanda beginnt, führen die Herren andere Damen auf’s Parkett, und ich gucke in die Röhre. Es ist wie verhext. Blöderweise ist so ein Tarnmantel hartnäckig, hat frau ihn einmal an, wird sie ihn nur ganz schwer wieder los. Und das schlimmste ist, je mehr der Tarnmantel seine Wirkung entfaltet, desto tiefer werde ich in einen negativen Gedankenstrudel hineingezogen, der mich in eine Wolke aus unsichtbarem und doch unübersehbaren schwarzen Rauch hüllt und meine Chancen auf eine Tanda zum Verschwinden gering macht. Ich weiß, diese finsteren Gedanken sind absoluter Humbug, doch ich werde sie heute nicht los: Ich schaue auf die Tanzfläche, beäuge die Damen, die tanzen und frage mich: „Was haben sie, was ich nicht habe?“ Sind sie hübscher, schlanker, technisch besser, interessanter oder einfach jünger? Dann schaue ich mir die Herren an: Mit ihm habe ich doch gestern getanzt, warum tanzt er heute nicht mit mir? Fand er es so schlecht? Und mit ihm habe ich mich doch so nett unterhalten oder fand er das Gespräch etwa doof? Habe ich etwas Grundsätzliches falsch gemacht, sodass ich in Ungnade gefallen bin? War ich unhöflich oder zu wählerisch?
Um auf andere Gedanken zu kommen, hole ich meine Jacke, gehe eine Runde um den Block, versuche den schwarzen Rauch zu vertreiben und den Tarnmantel auszuziehen. Doch es ändert sich nichts. Ich trinke noch ein oder auch zwei Gläser Wein, betrauere mich selbst und gehe schließlich geknickt nachhause.

Am nächsten Tag – selber Ort, selbe Veranstaltung, weitgehend dasselbe Publikum, anderes Kleid und offensichtlich kein Tarnmantel – setze ich mich ohne große Tanzambitionen und ganz und gar ohne Erwartungen in die hinterste Ecke des Raumes, bestelle mir ein Getränk und beschäftige mich zunächst ausgiebig mit meinem Handy. Doch die Herren wollen mich hier nicht sitzen lassen. Sie werfen mir Cabeceos zu, setzen sich an meinen Tisch, fangen Gespräche an, fordern mich zum Tanzen auf. Ich bin noch etwas beleidigt von gestern und gehe nicht auf die Angebote ein. Nach einer Weile gebe ich mir einen Ruck und tanze ein paar Tandas. Dann entscheide ich mich, den Flow zu nutzen. Ich tanze mit fast allen Herren, mit denen ich tanzen will. Ich kann mir nicht erklären, was gestern los war, aber der heutige Abend zeigt: Es gibt einfach solche und solche Tage, und es ist alles nicht so dramatisch und endgültig, wie es in der schwarzen Rauchwolke erscheint.

3 Kommentare zu „Gehüllt in einen Tarnmantel und umgeben von schwarzem Rauch

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  1. Hallo,
    meine Erklärung wäre: Gestern wolltest Du unbedingt tanzen, dass hat man gesehen und Du sahst „bedürftig“ aus: Es gibt aber beim Tango wenig Menschen mit Helfersyndrom. Heute sahst Du nicht bedürftig aus, da musste man dich „locken“, das war eine Herausforderung. Macht man es anderen Menschen zu leicht, „kostet es also „fast“ nichts, ist es auch nicht viel wert, ist die Einstellung m.M. nach der alllermeisten Menschen.
    Grüße
    Jürgen

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