Es braucht ein ganzes Dorf, um…

Es braucht ein ganzes Dorf, um Tango zu lernen, ist ein beliebter Spruch unter Tango Aficionados. Ich habe mal ein bisschen zurückgeschaut, wer in meinem Tangodorf eine wichtige Rolle gespielt hat.

Zuallererst sicher meine Eltern, die haben mir schließlich das Gehen beigebracht. Naja, besser gesagt das Laufen, mit Tango-Gehen hatte das noch wenig zu tun, aber irgendwo fängt schließlich jede*r mal an.

Dann meine Ballettlehrerinnen. Ach, wenn ich damals nur schon geahnt hätte, welch‘ sinnvolle Grundlage Ballett für Tango ist, dann hätte ich mich im Unterricht sicher noch mehr reingehängt. Immerhin hatte ich im Ballett meine ersten großen Auftritte: In der Stadthalle einer südwestdeutschen Kleinstadt. Besonders lebhaft ist mir noch die Krebs-und-Seepferdchen-Aufführung in Erinnerung. Ich war ein Krebs.

Natürlich gabs da noch so einiges, was ich als Kind gemacht habe, wie das so üblich ist im modernen „Bildungsbürgertum“: Vom Musikunterricht, der ganz bestimmt die Grundlagen meiner Musikalität legte und später zu Flöten-, dann zu Klavierunterricht wurde, über Turnen und Rhythmische Sportgymnastik (von der Flexibilität zehre ich bis heute).

Schließlich kam die Pubertät, da war Schluss mit dem Erlernen von Tangobasics: Ballett gecancelt, Klavier gecancelt und alles andere auch. Dafür bin ich tief eingetaucht in das soziale Miteinander im öffentlichen Raum und zwischen Jungs und Mädels. Damals waren es Parties, Bars und Clubs, heute sind es Milongas. Getanzt wurde Freestyle, heute improvisiert. So groß sind die Unterschiede gar nicht.

Absoluter Tiefpunkt meiner lebenslangen Tango-Ausbildung war sicher mein Standardtanzkurs: 9. Klasse inklusive Abschlussball. Wie sich das gehört. Es war schrecklich. Ich war mir sicher: Paartanz is not for me. Never. Ich hab’s dann auch für eine lange Zeit ganz gelassen mit dem Tanzen und wäre vielleicht niemals wieder zurückgekehrt, wenn nicht…..

…..ja wenn ich nicht ein Auslandssemester im schönen Mexiko gemacht hätte, wo man an Salsa natürlich nicht vorbeikommt – egal, ob man es kann oder nicht (und ich konnte es nicht). Getanzt wurde überall. Open Air in der Stadt, in Restaurants nach dem Essen, in ganz normalen Clubs (oft auf Live-Musik) und natürlich auf Salsa-Parties. Die Mexikaner attestierten mir ein gewisses Talent und ich wurde im Laufe der Zeit auch tatsächlich etwas besser – aber das Wichtigste: Ich hatte richtig Spaß dabei. Interessanterweise hat mich nach diesem Mexiko-Aufenthalt die deutsche Club-Szene nie mehr wirklich begeistern können. Ich brauchte etwas anderes….

Doch das Leben besteht ja nicht nur aus Spaß und Tanz: Studium abgeschlossen, Koffer gepackt, nach Berlin gezogen und ab in den ersten Job. Acht Stunden plus X arbeiten pro Tag, Stress inklusive. Schnell brauchte ich einen Ausgleich und Entspannung. Ich begann mit Yoga, viel, sehr viel, noch mehr und noch mehr Yoga. Und ich wollte wieder tanzen. Endlich richtig Salsa lernen. Bis ich das umsetzte, dauerte es eine Weile, doch besser spät als nie. Parallel dazu ging ich ab und an zu Contemporary Dance Klassen, probierte Contact Improvisation aus und besuchte sogar wieder die eine oder andere Ballettstunde. Zurück zum Körper lautete die Devise.

Ich muss es leider sagen: Die Salsa-Szene hier begeisterte mich nicht nachhaltig. Ich fand dort nicht das, was ich in Mexiko kennengelernt hatte. Aus heutiger Sicht finde ich das nicht soooo überraschend, aber damals war ich enttäuscht. Ich weiß gar nicht mehr, wem ich für diesen Hinweis danken muss, aber ich weiß, dass irgendjemand, als ich ihm mein Salsa-Leid klagte, zu mir sagte: „Probiere doch mal Tango. Tango ist in Berlin ganz groß und vielleicht findest du dich dort eher wieder.“

Tango? Dieser Machotanz? So streng und ernst? Und ehrlich gesagt, wenn man das so sieht, das hat doch gar nicht viel mit Tanzen zu tun“, schoss es mir durch den Kopf. Immerhin die Musik fand ich ganz nett, aber so dramatisch, so traurig…. ich war voller Zweifel. Egal, give it a try! Ich probierte es aus. Da ich keinen Tanzpartner hatte, bekam ich einen etwas erfahreneren Tänzer als „Springer“. Und hui – ich war sofort begeistert.

Seitdem besteht mein Tango-Lern-Dorf aus verschiedenen Tangolehrer*innen, meinen unterschiedlichen Tanzpartnern sowie Tangueras, die ich auf Milongas oder auf Video beoabachte, um mir etwas abzuschauen. Zudem: Noch immer ab und an ein*e Ballettlehrer*in sowie Lehrer*innen unterschiedlicher „Movement Practices“ (meine neueste Entdeckung ist die Klein-Technique, nur mal so am Rande erwähnt). Alles in allem tatsächlich ein ganz schön großes Dorf.


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