Reden ist Silber – Schweigen ist Gold – Abbrechen ist Bronze?

Für mich eine der schwierigsten Fragen beim Tango: Wann breche ich eine Tanda ab ?

Laut Tango-Etiquette ist das Abbrechen den Extremfällen vorbehalten. Klar, wenn es richtig unangenehm oder gar gefährlich wird, sagt man „Stopp“ und geht, das steht außer Frage. Knifflig wird’s bei weniger eindeutigen Fällen.

Variante 1: Schweigen ist Gold?

Ein mir unbekannter Herr fordert mich höflich per Cabeceo auf. Er wartet am Rand meiner Stuhlreihe, bis ich mich erhoben habe und auf ihn zugehe. Doch statt mit mir gemeinsam Richtung Tanzfläche zu laufen, geht er nun eilig voraus, sichert sich einen Platz zwischen den anderen Paaren, die bereits auf der Piste Position beziehen, und winkt mir zu, ich solle zu ihm kommen. Meine innere Warnlampe geht an: Ein schlechtes Zeichen für die kommende Tanda. Leider bewahrheitet sich das. Zwischen uns harmoniert es gar nicht. Für mich fühlt es sich an, als sei er noch sehr unerfahren im Führen oder zumindest im Führen auf voller Tanzfläche. Die Verbindung zwischen uns nimmt von Tango zu Tango ab. Meine Lust mit ihm weiterzutanzen auch. Vermutlich kann ich das nicht vollständig verbergen. Im dritten Lied beginnt er immer wieder, mich mit seinem rechten Arm unangenehm nach oben zu ziehen. „Gleich baumeln meine Füße in der Luft“, denke ich mir und verstehe nicht, was er mit dieser Aktion erreichen möchte. Ich bin ziemlich genervt und versuche mich zu beruhigen: „Ach, er ist Anfänger, den einen Tango schaffe ich nun auch noch und dann ist gut.“ Im letzten Tango der Tanda unterbricht er den Tanz und zieht mich noch einmal mit seinem Arm unsanft nach oben. Dann schaut er mich tadelnd an und erklärt mir, ich müsse ihm mehr entgegenkomme, ich sei zu sehr im Boden, so könne er mit mir nicht tanzen. Ich bin fassungslos, drehe mich um und gehe. Die nächste halbe Stunde verbinge ich damit, mich zu ärgern. Zunächst über ihn und dann über mich selbst. Warum habe ich nicht selbst die Initiative ergriffen, etwas gesagt oder aktiv die Tanda abgebrochen? Aus Höflichkeit, Nettigkeit, Tango-Etiquette? Ich sollte wahrscheinlich einfach milde lächelnd drüberstehen, aber ich ärgere mich kolossal.

Ja, Schweigen ist Gold. Es ist nobel, elegant und edel. Schweigen vermeidet Diskussionen, Missverständnisse und Konflikte, man hakt die Tanda danach ab und gut ist. Keiner erleidet einen Gesichtsverlust. Wenn das edle Schweigen aber nicht mehr mit innerem Großmut, sondern mit der Peitsche des „Durchhaltens“ erreicht wird, wenn man das Gefühl hat, es viel mehr für den anderen zu tun als für sich selbst, also quasi ein „Opfer“ zu erbringen, wird es zu „Falschgold“ und sollte wohl eher nicht mehr Mittel der Wahl sein. Wenn der andere sich dann auch noch entscheidet, sich nicht an das goldene Schweigen zu halten, wird man von der schweigenden Goldmarie schnell zum begossenen Pudel. Zum Glück ist Schweigen nicht alternativlos:

Variante 2: Reden ist Silber?

Ich tanze mit einem Herrn, der an sich kein schlechter Tänzer ist, aber sein Arm auf meinem Rücken ist so fest, als ob er mir gleich das Rückgrat brechen wolle. Ich versuche, den Tanz so zu gestalten, dass die Umarmung offener und lockerer wird. Es wirkt nur bedingt. Kurz darauf beobachte ich, wie er mit einer anderen Dame tanzt. Nach dem ersten Lied sprechen sie miteinander, danach sehe ich, dass sein Arm nun nicht mehr ihren ganzen Rücken umfasst, sondern seine Hand zwischen ihren Schulterblättern liegt. Nach einem weiteren Lied löst er die Hand immer wieder von ihr, das letzte Lied tanzen sie schließlich gänzlich ohne Kontakt zwischen seinem Arm und ihrem Rücken. Als sie von der Tanzfläche kommt und sich zufällig neben mich setzt, frage ich sie, was es damit auf sich hatte. Sie sagte: „Ich konnte nicht mit ihm weitertanzen, der Arm war so fest, ich habe gar keine Luft bekommen. Ich wollte aber auch nicht abbrechen, das habe ich ihm so gesagt. Also haben wir versucht, eine andere Lösung zu finden. Ihn hat das sehr verunsichert, schön war der Tanz daher nicht.“

Reden ist definitiv Silber. Es hat seinen Wert, muss aber nicht zwingend helfen. Es macht eine schlechte Tanda selten zu einer guten, aber es kann einen durch die Tanda bringen. Wenn Reden: Dann möglichst klar und auf eine Sache fokussiert. Auf keinen Fall ständig den*die Partner*in korrigieren, sonst fühlt er*sie sich wie im Tangounterricht. Reden funktioniert meist besser, wenn man sich kennt. Bei Unbekannten ist es nach meiner Erfahrung mitunter schwierig, den richtigen Ton zu treffen.

Variante 3: Abbrechen ist Bronze?

Ich beginne eine sehr flotte Tanda mit einem mir unbekannten Herren. Wir kommen nicht wirklich klar. Schon in der Mitte des ersten Tangos unterbricht er den Tanz und sagt:“Sorry, ich möchte diese Musik tanzen, das geht mit Dir einfach nicht.“ Dann dreht er sich um und geht. Puh.

Abbrechen ist die schlechteste Wahl und sollte Ausnahmefällen vorbehalten bleiben. Nach einer guten Minute stehengelassen zu werden, fühlt sich nach „Wegwerfgesellschaft“ an: Wenn ein Partner oder eine Partnerin nicht genau das bringt – und zwar sofort -, was ich mir vorgestellt habe, dann „Tschüss“. Das ist kein Tango, zumindest nicht für mich. Sich aber den ganzen Abend nobel durch schlechte Tandas zu schweigen, ist auch kein Vergnügen und kostet definitiv zu viel Energie.

Die Lösung?

Ich glaube, eine Patentlösung gibt es nicht. Ich selbst handle aktuell nach folgenden Regeln und das funktioniert recht gut:

  • Ich versuche, mir die unbekannten Tänzer, mit denen ich tanze, vorher auf der Tanzfläche anzuschauen, um einen Eindruck zu bekommen, ob das tänzerischer passen könnte.
  • Ich versuche, nicht mehrere schwierige Tandas in Folge zu haben. Schön ist zum Beispiel der Wechsel aus Tandas mit Bekannten oder Freunden, mit denen ich gerne tanze, und unbekannten Tänzern, bei denen ich mich nicht sicher bin. Das hält meine eigene Tanzlaune auf einem guten Level und senkt meine Empfindlichkeit, wenn es in einem Tanz nicht so gut läuft.
  • Ich gebe meinem Tanzpartner mindestens zwei Tangos. Der erste ist ein gegenseitiges vorsichtiges Abtasten. Ein kleiner Smalltalk nach dem ersten Lied kann die Atmosphäre lockern, oft flutscht es dann beim zweiten Tango schon deutlich besser.
  • Wenn es im zweiten Tango immer noch so ist, dass ich dem Tanz gar nichts Positives abgewinnen kann, gibt es die drei Optionen: Schweigen – Reden – Abbrechen. Das entscheide ich situativ, je nachdem wie groß mein eigenes Unwohlsein ist und wie ich den Tanzpartner einschätze.
  • Ist er sehr unsicher, z.B. ein Anfänger, der sich selbst nicht überschätzt, versuche ich ihn (meist non-verbal) zu unterstützen und zu bestärken und tanze die Tanda mit ihm zu Ende.
  • Habe ich das Gefühl, dass ich einen erfahreneren Tänzer vor mir habe, der mit einem konkreten Anliegen umgehen kann und zu dem ich auch irgendwie einen Draht habe, bitte ich ihn höflich, seinen Arm zu lockern, weniger wild zu tanzen oder was immer mir helfen kann, um mich im Tanz wohler zu fühlen. Wichtig: Ich-Botschaften statt Du-Anschuldigungen.
  • Habe ich hingegen das Gefühl, dass mein Gegenüber von mir genervt ist (ergo, mir – zumindest gefühlt – die Schuld gibt, dass es nicht läuft) und immer rücksichtsloser und rabiater führt, tendiere ich dazu etwas zu sagen, wie „Ich glaube unser Tanzstil passt nicht zueinander.“ und die Tanda zu beenden. So eine Tanda durchzuhalten, dafür ist mir meine Milongazeit und dafür bin ich mir selbst zu schade. Etiquette hin oder her…

Abschließend sei gesagt, dass sich in mindestens 95% der Tandas diese Fragen zum Glück gar nicht stellen, weil sie schön oder zumindest angenehm sind.

Ich bin gespannt, auf Eure Tipps und Erfahrungen zu ähnlichen Situationen in den Kommentaren.

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