Berliner Gemecker

Die Berliner Tanguera Berta hat über’s Wochenende Besuch von ihrer Freundin Petra aus der deutschen „Tangoprovinz“. Sie sitzen bei zwei Soja-Latte in einem Hipster-Café in Mitte und schmieden Milonga-Pläne.

Petra: Wow, ihr habt sogar eine App nur für eure Milongas.

Berta: Ja. Nun lass mal schauen, was morgen so stattfindet.

 Sie klickt auf das Display.

Petra (begeistert): Wahnsinn, zehn Milongas an einem einzigen Samstag. So viele gibt’s bei uns noch nicht einmal in der ganzen Woche.

Berta (genervt): Na toll, hätten sich die Veranstalter nicht besser absprechen können. Dann ist wieder nirgends richtig was los, und man muss genau gucken, wo man hingeht und rumfragen, wer wo ist. Das ist echt anstrengend.

Sie schaut auf das Tablet und fährt dann fort:

Berta: Du musst das aber differenziert betrachtet, am besten nach dem Ausschlussprinzip: Also diese Milonga hier (sie zeigt auf das Display) kannst du vergessen, das Tanzniveau ist echt schlecht, der Boden untanzbar und die Ronda nahezu gefährlich. Und zu dieser Milonga müssen wir auch nicht gehen, da tanzen nur die üblichen Cliquen unter sich, ein herzliches Willkommen für Neue erwartet man vergebens. Naja und dort sollten wir auch nicht hin, denn das Publikum ist einfach nicht unsere Altersklasse.

Petra: Was heißt das denn konkret?

Berta: Die sind alle mindestens 10 Jahre älter, wenn nicht noch mehr.

Petra: Ah, na das ist bei uns der Normalzustand, daran bin ich also gewöhnt.

Berta: Lass mal weiterschauen…diese Milonga fällt raus, die spielen komische Musik und für meinen Geschmack zu wenig traditionell. Ach und schade, diese Milonga mag ich eigentlich gern, aber der DJ geht gar nicht, bei seiner Musik kriege ich die Krise.

Petra (seufzt): Hach, ich möchte mir auch mal die Milonga nach dem DJ aussuchen können, was ein Luxus. (Sie beugt sich über das Tablet auf dem Tisch.) Und was ist mit dieser Milonga hier? Der Name klingt schön.

Berta: Da war ich noch nie und das obwohl ich nun auch schon eine Weile Tango tanze. Ich glaube, man verpasst nichts, wenn man da nicht hingeht.

Petra: Hm, und diese hier?

Berta: Das ist eine Milonga der Queer-Szene. Sehr nette Atmosphäre, aber eben anders. Musst du wissen, ob du das für deinen Berlinbesuch möchtest.

Petra: Interessant wäre es schon, aber erstmal würde ich gern die typischen Berliner Milongas kennenlernen. Was ist mit dieser?

Berta (winkt ab): Boah, die ist so weit weg. Da sind wir ewig unterwegs, am anderen Ende der Stadt ist das.

Petra (ungläubig und etwas ärgerlich): Also jetzt sind wir fast durch. Willst du mir allen Ernstes erklären, ihr habt zehn Milongas zur Auswahl und eigentlich kommt keine in Frage? Das kann doch nicht dein Ernst sein… Schau mal, die hier habe ich ganz übersehen, da findet sogar ein Auftritt statt.

Betra (verzieht das Gesicht): Ja, die Milonga ist ganz ok. Aber ich bin kein Fan von Auftritten. Ich habe echt schon genug mittelmäßige Showpaare gesehen, die nur auftreten, um ihre schlecht besuchten und überteuerten Workshops zu bewerben und dafür soll ich dann auch noch mehr Eintritt zahlen und werde um eine halbe Stunde Tanzzeit beraubt? Nee, danke.

Petra: Och, ich finde Auftritte eigentlich immer schön. Da kriegt man neue Inspiration, es ist schön anzuschauen und gibt einer Milonga ein besonderes Highlight. Aus meiner Sicht müssen es auch nicht immer die weltbekannten Paare sein.

Berta: Na komm, wenn du dorthin magst, dann gehen wir zu dieser Milonga.

Petra: Fein. Und wo gehen wir heute hin? (Sie tippt auf das Display.) Schau mal, es gibt eine Milonga mit Live-Musik, wie schön. Oder magst Du Live-Musik auch nicht?

Berta: Naja…. Sagen wir mal so…. es kommt drauf an….

Petra: Boah. Ihr Berliner jammert echt auf hohem Niveau, wisst ihr das? Ich würde gern einfach mal ein paar Monate mit dir die Tangoszene tauschen und sehen, was du dann sagst.

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