Tango-Kleidung 2.0

Gestern habe ich auf der Milonga einen Tänzer beobachtet, der neben dem häufiger zu sehenden kleinen, in die Hose gesteckten Handtuch, auch Stirnband und Schweißband sowie ein quietschbuntes atmungsaktives Shirt trug, dazu eine sehr sportlich angehauchte Hose. Das Outfit fiel auf und irritierte. Aber es passte zum Tanzstil des Herren: Schnell, sportlich, viel Bewegung – schweißtreibend eben. Klar, für ein Milongasetting ging das – zumindest in meinen Augen – gar nicht. Trotzdem empfand ich eine gewisse Bewunderung darüber, wie akribisch dieser Herr sich seine eigene Tango-Funktionskleidung zusammengestellt hat. Vielleicht sogar aus Rücksicht auf seine Tanzpartnerinnen, denen er tropfenden Schweiß und ein durchnässtes Hemd ersparen wollte. Nur hatte er eins vergessen, Tangokleidung hat auch eine weitere, besonders bedeutende Funktion und die ist es schön auszusehen.

Doch das brachte mich auf eine Idee: Liebe Nord-Gesichter und Wolfshäuter, lässt sich da nicht was machen? Eine eigene Tangokollektion? Denn auch auf Milongas herrschen zuweilen extreme Verhältnisse – von diversen anderen Tango-Extremsituationen ganz zu schweigen – fast wie bei Outdoor-Expeditionen.

Hier also meine Vorschläge für das funktionale Herrenoutfit:
Fangen wir mal unten an: Ich wünsche mir schmutzabweisende Hosenbeine. Damit die „Knutschflecken des Tango“, verursacht durch liebevolle Beinstreicheleien der Dame am Hosenbein des Herren bald Geschichte sind. Das müsste sich doch machen lassen, oder? Und obenrum? Da ist Schweiß das Hauptthema. Also bitte ein unsichtbares Schweißabsorptionsunterhemd mit einer Tanzpartnerinnenschutzmembran, die für einen trocknen Rücken sorgt. Denn welche Dame legt ihre Hand schon gern auf ein klitschnasses Hemd. Unter den Achseln darf im Hemd und im Jackett eine besondere Belüftung eingebaut sein, natürlich so, dass sie nicht auffällt. Nano-Belüftungslöcher mit einem aktiven Luftzirkulationssystem, das durch die Dissoziation im Oberkörper angetrieben wird, wären eine Möglichkeit. Denn Schweißflecken unter den Achseln sind einfach nicht schön, wenn auch zumindest für die Dame weniger unangenehm als der nass-kalte Herren-Rücken. Als High-Tech-Variante könnte über Thermoregulation ein Kühlsystem eingebaut werden, welches auch beim heißesten Tango die Temperatur senkt und Schweißbildung vermeidet. Auf dem rechten Oberarm des Herren-Hemds oder Jacketts benötigen wir eine unsichtbare Teflon-Beschichtung, damit der Schweiß oder das Deo der Dame dort keine unschönen Spuren hinterlässt. Statt des traditionell üblichen Brusttüchleins im Jackett wäre zudem ein Mikrofaserschweißtuch denkbar, klein zusammengefaltet, platzsparend, besonders saugstark, schnelltrockend und geruchsneutralisierend. Eine besondere Herausforderung sehe ich grundsätzlich darin, wie der Schweiß von der Stirn und am Kopf abgeleitet werden könnte. Vielleicht kann ein spezieller Feuchtigkeitsmagnet im Hemdkragen eingebaut werden, der Flüssigkeit anzieht, in einer besonderen Vorrichtung sammelt und unbemerkt zu Wasserdampf umwandelt.

Denkt man das alles noch einen Schritt weiter, in Richtung Smart Textiles, wären unendlich viele andere sinnvolle Funktionalitäten möglich: Ein eingebautes Navigationssystem, so wie beim Auto, nur für die Ronda zum Beispiel: Wird der Sicherheitsabstand nicht eingehalten, erhält der Führende ein für die Tanzpartnerin unauffälliges Signal. Gibt es besonders viel Platz nach vorne, wird ihm dies ebenfalls dezent signalisiert.
Wer ehrgeizig an seinem Tango arbeitet, ist sicher auch daran interessiert, sämtliche Bewegungen, die er im Tanz macht, aufzuzeichnen und nachträglich zuhause am Computer auszuwerten, um den eigenen Tanz zu verbessern. Am besten sogar gepaart mit dem Atemrhythmus und Puls der jeweiligen Tanzpartnerin, die über die Kontaktpunkte in der Umarmung getrackt werden können. So kann im Nachgang zu jeder Tanzpartnerin ein Profil erstellt werden, das sich der Führende einprägen und für die nächste Tanda mit ihr berücksichtigen kann: „Sie mag besonders gern Ochos, Drehungen lieber nicht, bei Schritt xy schlägt ihr Herz besonders schnell und mit Bewegung abc mache ich sie atemlos.“

Nur eine abschließende Bitte: Verzichtet auf die sonst bei Funktionskleidung üblichen grellen Farben. Lasst es nach Tango aussehen. Wir mögen‘s ein bisschen dezenter, besonders für die Herren.

7 Kommentare zu „Tango-Kleidung 2.0

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  1. Hallo Laura, die eigentlich ganz klasse Idee mit der inoutdoor klimatisierenden Tangokleidungslinien geht mir fast unter in der dann folgenden und schnell leicht unappetitlichen Realsatire über die müffelnden Schweißbadabenteuer, obwohl ja auch die gute Hinweise bergen. Einfach nur so mein Gefühl, das ich dir sagen mag. Ich finde deine Beiträge zu unserer Tangowelt einfach wunderbar bereichernd und perpektivisch vielfältig. Danke! Gut, dass es dich gibt hier bei uns! Mit herzlichem Gruß tom

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  2. Ganz konkret: atmungsaktive, schmutzabweisende, schnell trocknende und knitterfreie Hosen und Hemden für die Männer wären schon cool. Unabhängig von der ekligen Schweißdiskussion. Problemlos für die Reise, den Tangorucksack und für das Wechseln während einer Milonga. Elegant und dezent aussehen sollten sie.
    Visionär: die Achsenstabilisierung und Haltung könnte man durch eine Kopfbedeckung mit integriertem Kreiselsystem realisieren. Ok – Volcadas werden dann schwer, aber die tanzt so ein echter EdO Tänzer ja eh nicht.
    Für die Schuhe könnte ich mir eine Drehplatte in der Sohle mit individuell einstellbarem Reibkoeffizienten vorstellen. Damit kann man unabhängig vom Boden immer mit der gleichen Kraft drehen. Verbunden mit dem Kreiselsystem kann dann der Kreisel durch Beschleunigung oder Abbremsen gleich einen passenden Drehimpuls liefern.
    Ach ja – nicht wirklich Kleidung, aber ganz wichtig: der Musikinterpretationsassistent! Er gibt taktile (oder elektrische?) Impulse für die Bewegungen. Er kann variieren mit einfachem, doppelten, halben Grundschlag, kennt Pausen und Synkopen und erkennt Phrasen und Melodiebögen. Verschiedene Tanzstile und Modi sind wählbar. Er erkennt die Musik über ein Mikrofon. In Anlehnung an Siri und Alexa wollen wir ihn Tita nennen (frei nach Tita Merello): „Tita, hilf mir bei Se Dice De Mi! Ich möchte relaxed tanzen“. Ich sehe einen hohen Bedarf in good old Germany. Wie sagt man doch so schön: Wer nicht hören will muss fühlen…….

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  3. Zwei Themen werden hier angesprochen.

    Der Tanguero in Funktionskleidung. Er gibt sich keine Mühe, zu gefallen, weil er zeigen will, dass er es nicht nötig habe. Das hält er dann für besonders authentisch. Er steht über den Äußerlichkeiten, weil seine Fähigkeiten und inneren Werte so interessant sind. Gegen die Angst, aufzufallen und nicht zu gefallen, demonstriert man, dass man gar nicht gefallen wolle.

    Ja und dann das Thema des schwitzenden Mannes. Es gibt Frauen, wie meine Ehefrau, die ist von schwitzenden Männern regelrecht angewidert. Es gibt andere, die finden es toll, wenn er für sie ins Schwitzen kommt. Die Lösung ist das Wechselhemd. Ich geh dann halt auf die Toilette, wasche mir schnell den Oberkörper und wechsle das Hemd. So einfach ist das.

    Barbara Vinken kommt mir gerade in den Sinn. Sie äußerte einmal zu der Ideologie des Authentischen, sie habe etwas Verrohtes und Unzivilisiertes. Auf sein Äußeres zu achten, dem anderen zu gefallen, sei Lebenskunst.

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  4. In letzter Konseuenz sehe ich da ein Funtions-Exo-Skelett, das mich per KI-Steuerung Tango tanzen lässt. Milonguero-Stufe kostet Aufpreis.

    Eine gute Erfahrung mit Funktionskleidung zum Ausprobieren:
    Ich trage unter meinem Hemd immer ein Funktions-Shirt mit kurzen Ärmeln (nicht Baumwolle!). Den Halsausschnitt habe ich mit der Schere mutig so vergrößert, dass das Shirt nicht zu sehen ist (passt also insoferrn nicht so richtig zu deinem Blog-Eintrag).
    Hört sich nach „noch wärmer“ an, ist aber im Gegenteil tatsächlich kühlend. Das Material des Shirts nimmt den Schweiß auf und gibt ihn gleichmäßig wieder ab. Das Baumwollhemd darüber bleibt fast trocken.
    Wie gesagt: Einfach mal ausprobieren …

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