Meine Nacht als Cash Cow

Heute bin ich die Cash Cow. An mir kommt keiner vorbei, ohne zu bezahlen. Erst das Geld, dann der Tanz. Ganz einfach.

Und wo sich dieses Geld überall versteckt. Ich bin fasziniert! Da gibt es Mini-Geldbörschen, die mit sorgfältig gefalteten Scheinchen gefüllt sind, und es gibt Portmonnaies, die aus allen Nähten platzen vor lauter Karten und Kassenzetteln. Es gibt Geldbeutel, die ihrem Namen alle Ehre machen – vor allem Beutel -, und andere, die sorgfältigst sortiert und aufgeräumt sind. Auch äußerlich machen viele was her: Bestickt mit Zeichentrickfiguren oder glitzernd in dekadentem Gold. Manchmal geht es auch ganz ohne, da ist das Geld in der Handyhülle oder im Schlüsseletui. Manch eine Dame greift zum Bezahlen nur cool in ihre Handtasche, wo sich die Taler ohne gesondertes Portmonee befinden und manch ein Herr hat das Geld lose in der Hosentasche und möchte auf keinen Fall Münzen als Wechselgeld haben, denn die klimpern ja.
Apropos Wechselgeld, ich kämpfe um jede Münze wie eine Löwin und die meisten Besucher*innen kramen und kruschteln bereitwillig alles hervor, was sie haben. Vielen Dank dafür, you made my day. Nur zwei Mal habe ich kein Wechselgeld, aber auch diese Durststrecken lassen sich zum Glück schnell beheben.

„Warum kostet das denn heute mehr als eine normale Milonga, gibt’s was Besonderes?“, fragt ein Gast. „Äh, nein, ist halt so.“ Den Preis habe ich nicht gemacht. Aber mein Job ist es, ihn zu verteidigen. „Wird das denn noch voller heute?“, möchte eine Dame wissen, bevor sie den Obolus entrichtet. Ja, was weiß ich, ich denke schon, wäre zumindest wünschenswert – doch das sage ich natürlich so nicht. „Und wie lange geht das heute?“ – „Na, bis um vier.“ – „Achso, ok, dann lohnt sich das ja noch.“ – Schön. „Und achso, ähm… wo ist denn die Toilette?“

Gegen später wird es ruhig bei mir an der Kasse. Keine wartende Schlange mehr. Keine Fließbandarbeit. Es zieht ein wenig, hier direkt an der Tür. Mal sitze ich, mal stehe ich und ich werde müde. Ich bräuchte ein oder zwei Tandas, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Oder zumindest einen starken Kaffee. Ist aber nicht drin, muss auf meinem Posten bleiben. Schaue dem Tanztreiben zu… Irgendwann besorgt mir jemand ein Getränk – was für ein Engel!

Immer wieder kommen Bekannte und Unbekannte vorbei und leisten mir Gesellschaft. Auf einen Plausch, eine Tanzpause. Sie berichten mir von ihrem Abend. Manchmal sind sie dann – schwupps – auch schon wieder weg, mitten im Gespräch, wenn die*der Herzensdame*herr gerade in der Nähe war und sie sich eine Tanda sichern konnten. Es sei ihnen gegönnt.

„Die Musik heute Abend gefällt mir nicht, ich will mein Geld zurück“, ein mir unbekannter Mann steht plötzlich vor mir. Ich bin irritiert. Er macht einen Scherz, fragt, wann endlich Salsa und Bachata kommt, dafür wäre er doch hier und dieser Tango mache ihn so depressiv.

„Darfst Du heute gar nicht tanzen?“, fragt mich ein anderer. „Doch ab 2 Uhr, dann ist die Kasse zu.“ – „Oh, ein guter Grund so lange durchzuhalten.“ Ich fühle mich geschmeichelt.

Ein älterer Herr leistet mir Gesellschaft. Er tut so, als würde er versuchen, die Kasse zu stehlen. Wir lachen. Er empfiehlt sich und verschwindet wieder im Getümmel. Die Kasse bleibt bei mir.

Es ist schon spät, als ein junges Paar durch die Tür kommt: „Wie lange kostet es noch Eintritt?“ – „Na, so bis 2 Uhr.“ – „Okay, dann gehen wir noch was trinken und kommen vielleicht später wieder.“ – Schwupps sind sie wieder weg.

Inzwischen gehen mehr Leute nach Hause als neue dazukommen. Manche waren den ganzen Abend da, andere nur kurz. Als ich ihnen eine gute Nacht wünsche, wirken sie müde oder aufgedreht, zufrieden oder unzufrieden, in Eile oder entspannt, genervt oder glücklich. Manche bitten mich, noch ein Erinnerungsfoto von ihnen zu machen. Ja, gerne doch! Wie ihr Abend im Einzelnen verlaufen ist, weiß ich nicht. Ich hätte Vorher-Nachher-Bilder machen sollen, denke ich still bei mir.

Übrigens: Du findest Berlin Tango Vibes seit kurzem auch auf Facebook.

3 Kommentare zu „Meine Nacht als Cash Cow

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  1. So klappt es ja vielleicht doch noch mit einer Karriere im Tango. 😉
    Hier gibt es so eine Kassenposition selten – ich zahle zumeist den Endbetrag am Tresen.

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