Karrierekiller Tango

Tango und Karriere, das passt einfach nicht zusammen. Wie auch? Nach einer durchtanzten Nacht am Schreibtisch zur Höchstform auflaufen? Undenkbar. Mit Elan und Ehrgeiz berufliche Ziele verfolgen, obwohl der Zeitplan nach Feierabend noch enger gestrickt ist als während des Arbeitstags? Ich sage nur duschen, anziehen, schminken, Milonga. Keine Chance. Motivation aus beruflichem Vorankommen ziehen, wenn das Highlight des Tages nicht etwa das positive Feedbackgespräch mit dem*r Chef*in, sondern die gelungene Tanda mit dem Gast aus Argentinien ist? Ich bleib‘ dabei: Tango und Karriere, das geht nicht. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Dabei schult der Tango durchaus Eigenschaften, die auch im Berufsleben relevant sind: Kommunikations- und Teamfähigkeit, Führungsqualitäten, Aufmerksamkeit, Präsenz und Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig brauchen Tangotänzer*innen eine gewisse Frustrationstoleranz, gepaart mit Durchhaltevermögen und einer gehörigen Portion Ehrgeiz und Motivation. Damit sind die Anforderungsprofile der meisten Stellenanzeigen bereits abgedeckt, zumindest was die Soft Skills betrifft. Trotzdem, ich bleibe dabei: Tango und Karriere, das klappt einfach nicht.

Also bliebe Karriere im Tango. Das wäre es doch! Viele versuchen es, manche schaffen es. Doch sind wir realistisch: Als Deutsche haben wir nicht die besten Voraussetzungen, um international mit Tango erfolgreich zu sein. Auf die großen Tango Argentino-Tänzer*innen aus Berlin hat die Welt nun mal nicht gewartet. Und selbst wenn wir nicht die Showkarriere anstreben, sondern uns ans Unterrichten halten würden: In Berlin kann man fast schon die Straßen mit Tangolehrer*innen pflastern. Karriere im Tango? Das wird also auch nix.

Es ist mit dem Tango wohl wie mit den Kindern. Kind und Karriere geht ja auch nicht, sagt man. Aber vielleicht Tango und Kind? Immerhin erzählte mir vor kurzem jemand: Tango sei eine Supervorbereitung fürs Kinderkriegen. Denn wer den Milongaalltag mit wenig Schlaf für eine Weile überstanden habe, für den sei das mit dem schreienden Baby in der Nacht nun wahrlich ein Klacks.

11 Kommentare zu „Karrierekiller Tango

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  1. Mir hat Tango gezeigt mit welchen einfachen Mitteln es möglich ist, eine nachhaltig schöne Zeit zu haben. Dadurch hat sich für mich auch mein Wertesystem teilweise geändert, weil das Tanzen für mich und meine Frau einen sehr hohen Gewinn an Lebensqualität darstellt. Es geht uns finanziell gut, meine Frau ist selbstständig und ich hüte Haus und Hof. Wir haben uns schon vor einigen Jahren einen Kopf darüber gemacht, was uns wirklich wichtig ist. Wir haben gemerkt, als wir beide selbstständig waren, dass es so nicht weiter geht. Über unsere Tangoszene haben wir einige sehr sympathische Menschen kennen gelernt und geniessen es sehr, Zeit mit Ihnen auf Milongas oder im Unterricht, zu verbringen.

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  2. 😉 – ein
    Ich habe erhebliche Zweifel, ob die Kombination Tango und Kind ein erfolgversprechendes Modell ist. Dazu möchte ich zunächst die Variante mit fester Partnerschaft betrachten. Erst einmal muss diese Partnerschaft die Hürden „Tangounterricht“ und „Tango-Welt“ überleben. Ich habe da schon so einiges gehört. Zum zweiten ist ein Lebensrhythmus in der Art Arbeit-Tangovorbereitung-Tango-müde ins Bett … als suboptimal im Hinblick auf die Erzeugung eines Kindes zu bezeichnen. Ist das Kind dann da, ist die wechselweise Aufteilung „Tango/der Partner passt aufs Kind auf“ als potentiell partnerschaftsgefährdend einzustufen. Ein gefährlicher Weg…
    Betrachten wir die alleinerziehende Variante: sicherlich ist es für eine gut aussehende und gut tanzende Frau* kein Problem mit dem gut aussehenden argentinischen Gast ein Kind zu zeugen. Schwieriger wird der Versuch dies in eine dauerhafte Beziehung zu konvertieren. Ist dann das Kind da, muss jemand nachts darauf aufpassen – nix mit Tango.
    Viel eher sehe ich eine klare Verbindung von Karriere und Tango. Jedenfalls wenn man die echte Karriere meint und nicht jenen absurden Weg durch Arbeit und Leistung zu etwas kommen zu wollen. Warum sonst sind im Tango die wichtigsten karriererelevanten Persönlichkeitsmerkmale „Narzissmus“, „Ellenbogen-Mentalität“ (sogar im wörtlichen Sinne) und „arrogante Besserwisserei von oben herab“ überdurchschnittlich häufig vertreten?
    (* – mir ist nicht bekannt, dass das Herumsitzen in einer Milonga eine Schwangerschaft fördert)
    😉 – aus

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    1. AB aus HH… Deinen Kommentar zeugt von wesentlich mehr Vernunft bzw. Lebenserfahrung als der Blog-Post. Dort wo ich tanze, sind mir nur extrem wenige Tango-tanzende Paare mit Säuglingen, Kleinkindern oder Kindern bis ins pubertäre Alter bekannt.
      Und falls doch – so passen sie nicht so recht zur narzisstischen, chauvinistischen, kinderlosen, zweit-Hobby-losen Ellenbogen-Elite, die im Tango den Ton angibt.
      Und mit kleinen Kindern, können die Wenigsten am Wetthüpfen zwischen BsAs, Encuentro A in Italien, Yogastunden und Marathon B in der Türkei teilnehmen. Die Kinder, die ihre Tango-lehrenden Elternpaare im Flugzeug aus BsAs – von Festivalnacht zu Festivalnacht begleiten „dürfen“, sind nach meiner Beobachtung (ab 16:00 Uhr) auch die einzigen „gern“ gesehenen Kinder auf Milongas.

      😉

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  3. Einspruch! Mein Mann und ich verfolgen das Modell Tango und KindER schon seit 4 Jahren und es funktioniert gut. Einer geht tanzen und einer hütet zuhause den Nachwuchs. Das kommt uns sogar entgegen, denn der Lieblingsmensch im Alltagsleben ist ja nicht unbedingt der Lieblingspartner auf dem Tanzparkett. 😉
    Übrigens, in unserer Tango-Community sind wir wahrhaftig nicht die einzigen, die dieses Modell verfolgen. Außerdem halte ich die Narzissmus- Ellenbogen- Geschichte für ein Klischee. In Köln tanzen Menschen aller Art und Gesinnung.

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    1. tangomuddi… andere Städte, andere Perspektiven.
      Wer Elternteile oder Babysitter vor Ort hat, der kann sogar GEMEINSAM als Paar tanzen gehen (und dennoch nach belieben mit anderen Partnern tanzen). Wer „wenigstens“ einen Partner oder hat, der kann sich immerhin mit diesem bei der Kinderbetreuung abwechseln – falls der nicht im Knast sitzt. Aber leider hat nicht jede(r) die gleichen Voraussetzungen am Start.
      Auch hat nicht jeder Mensch die gleiche Konstitution – und bringt es beispielsweise fertig, bis 3 Uhr nachts unterwegs zu sein, um anschließend (um sechs oder sieben Uhr) von den Kindern am Schlaf gehindert zu werden.
      Auch wenn Du mich für beschränkt halten magst, ich glaube an manche Klischees – weil ich mir einbilde, sie in meiner Beobachtung bestätigt zu bekommen.
      SOLLTE Dein Mann ein „begehrter“ Tänzer sein, dann geh‘ doch ausnahmsweise mal GEMEINSAM mit ihm auf eine Milonga. Beobachte, ob sich oder ob sich nicht das Interesse deiner Tango-Freundinnen an diesem Abend gegenüber Dir ein KLEIN wenig verändert… 😉
      Aber es freut mich für Dich, dass auch Du zufrieden mit Eurer individuellen Situation bist. Meine Frau und ich haben uns ebenfalls ganz gut mit dem Tango in unserem Leben arrangiert – allerdings normalerweise unter Verzicht auf Tango-Reisen, Marathons, Encuentros oder Besuche weiter entfernt liegender Städte.

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      1. Oh, das bringt mich auf eine Idee – eine Umfrage zum Thema Tango und Kinder, das wär’s, so kämen wir der Wahrheit vielleicht auf die Schliche?!
        Das mit dem Interesse an meinem Mann bzw. an mir verstehe ich ehrlich gesagt nicht ganz. Die Tango-Freundinnen tanzen doch alle, genauso wie ich. Ein Mann mehr ist doch immer ein willkommener Mann mehr, oder?
        Übrigens, just heute Abend fahren wir ein Sonder-Modell! Papa nimmt zuerst am Kurs teil und besucht anschließend noch ein Stündchen die Milonga, kommt dann heim und löst Mama ab, die sich nach einem kurzen Nickerchen mit den Kiddies frisch und erholt ins Tangogetümmel wirft. Wer morgen früh um sechs Uhr aufsteht? Immer der, der fragt…

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  4. hallo tangomuddi,
    wenn Du eine gute Idee hast, wie man das Thema „Tango & Kinder“ auf breitere Beine stellen kann, dann immerzu. Du hast meine (ehrlich gemeinte) volle Unterstützung! Ich hätte nix dagegen, wenn dieses Thema ggf. auch in kinderlose Tangokreise getragen wird.
    Am Ende würden sicherlich beide „Seiten“ davon profitieren. Sowohl die Eltern junger Kinder als auch die nachwuchsunabhängig Tanzenden.
    Vielleicht führt so eine Sensibilisierung aller Beteiligten auf lange Sicht ja sogar dazu, dass Schrittchen für Schrittchen mehr kinderfreundliche oder kinderkompatible Tangoveranstaltungen eingerichtet würden.
    Solche integrativen, familienfreundlichen Veranstaltungen (sehr wenige habe ich schon selbst erlebt) könnten auf lange Sicht vielleicht zu einem zusätzlichen Quell von Nachwuchstanzenden führen. Es wäre sicherlich auch kein Schaden für die Gesellschaft, wenn der eine oder andere heranwachsende Junge in Versuchung kommen könnte, männliche Tänzer (ganz gelassen) als „normale“ Vorbilder zu akzeptieren. Sicherlich wäre auch die verbreitete männliche Furcht beim Tanzen zu „versagen“, bereits nach wenigen Milongas sehr schnell verflogen 😉
    Im schlimmsten Falle würden andere Tänze (Salsa, Lindy Hop, …) davon profitieren, wenn der Männernachwuchs den Tresen in der Disco verlassen – und stattdessen in einen Paartanz einsteigen würde. Hauptsache, es wird nicht mehr subkutan vermittelt, dass tanzen ausschließlich etwas für Mädchen sei.
    Meine Anmerkung mit dem „Interesse an Deinem Mann“ brauchen wir nicht unnötig aufwärmen. Es war ein etwas gehässiger Versuch von mir, darauf anzuspielen, dass „gute“ Freundinnen sehr schnell zu erbitterten „Konkurrentinnen“ werden können. Ich wollte damit meinen Punkt bezüglich meiner Narzissmus- Ellenbogen-Vorstellung untermauern.
    Bevor ich im Folgenden einen Weblink zum Thema Narzissmus setze, muss ich darauf hinweisen, dass ich KEIN profundes Wissen über Psychologie, Psychiatrie o. Ä. habe. Ich bin in dieser Hinsicht kompletter Laie. Aber bei der Beschreibung eines narzisstischen Menschen durch diesen Fachmann (etwa bei min. 42 & min. 44) kann ich Parallelen zu vielen Tangotanzenden erkennen:
    • das eigene Bild: Viele Tanzenden sind regelmäßig damit betraut, möglichst „schöne“ Aufnahmen von sich (in Umarmung mit anerkannten Tango-Größen) bei Facebook zu posten. Und dort auch in diversen Foren ohne Unterlass zu posten. Oder Einträge in Blogs abzusetzen (mist, hab‘ mich selbst erwischt – ich sollte mich stärker zurückhalten!).
    • Andere als Person anzuerkennen: Vielen Tanzenden nehmen ihre Gegenüber nicht als Individuum wahr, sondern lediglich als ein Vehikel für das eigene Wohlbefinden oder die eigene Selbstdarstellung. Oft sind Tanzende noch nicht mal nach Jahren dazu in der Lage, wenigstens die NAMEN anderer Tanzpartner zu erinnern (mist, hab‘ mich schon wieder selbst erwischt – ich sollte dringend mehr Interesse an anderen Tänzerinnern und Tänzern entwickeln).
    [link: https://youtu.be/8XXD7UE1faU?t=2541 ]
    Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass es mich wirklich sehr freut von Dir zu hören, dass es auch bei euch in der Familie (mit mehreren Kindern!) so gut klappt, den Tango ins Leben zu integrieren. Und wenn dies in Köln für viele Familien zutrifft – umso besser.
    Dort wo ich tanze, beobachte ich diesen erfolgreichen Spagat eher selten (das kann vielleicht aber auch an meiner falschen Wahrnehmung liegen).

    Gefällt 2 Personen

  5. Juhuu!
    Habe gestern auf meiner Lieblings-Milonga erstmals versucht, meinen Narzissmus besser in den Griff zu bekommen… …und dabei einen ersten Achtungserfolg errungen!
    Kann mich noch heute an zwei (neue!) Vornamen von Tanzpartnerinnen erinnern. Ferner konnte ich sogar die Bekanntschaft eines 4-Jährigen Jungen machen. Es wird langsam.
    Viele liebe Grüße,
    mbausfr

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  6. Ich finde die Frage, inwieweit und inwiefern der Tango Auswirkungen auf die berufliche Karriere hat, hoch interessant.

    Erst letzten Donnerstag habe ich diese Frage mit mehreren Männern erörtert. Wir waren einhellig der Meinung, dass die Themen: Jemanden auf dem richtigen Fuß abzuholen, jemanden zu führen, einen Plan für eine Figur zu entwickeln etc…. eigentlich eindeutige Managementfähigkeiten sind. Allerdings scheitere es an einer entsprechenden Auswirkungen im beruflichen Sein, da wir diese Fähigkeit – aus welchen Gründen auch immer – nicht in das berufliche Leben übertragen, sondern im Tango belassen. Sprich im Tango können wir unsere Partnerinnen auf dem richtigen Fuß abholen, im Geschäftsleben gelingt uns das mit den Geschäftspartnern nicht (immer).

    Dessen ungeachtet dürfte an der aufgeworfenen Frage einiges dran sein. So bieten einige Tango Institute ja auch Business Veranstaltungen an, beispielsweise das Art 13 in Berlin
    https://www.art13tango.de/tango-leadership-seminare/
    oder die Frauen von nuevas milongueras in Hamburg.
    https://nuevasmilongueras.com/tango-und-leadership

    Schlafhorst betont, dass die Tools des Tangos für Assessment Trainings oder Recruitings ideal seien, um Erkenntnisse über seine Führungspersönlichkeit und seinen Führungsstil (kooperativ, autoritär) sowie seiner Teamfähigkeit zu erlangen. Sie gab an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entsprechende Führungskräfteseminare zum Thema „Führen oder die Macht der Intention“ in dem sie ausschließlich mit Tangoelementen arbeitete. Auch andere Universitäten folgen dem, hier beispielsweise eine Veranstaltung der Uni Hannover:
    https://www.uni-hannover.de/en/universitaet/aktuelles/veranstaltungen/detail/luhevents/5205/

    Nichtsdestotrotz muss man wahrscheinlich differenzieren. Die Auswirkungen dürften für Folgende und Führende unterschiedlich sein. Ihr seid Frauen. Tanzt wahrscheinlich alle in der klassischen Rolle der Folgenden. Wobei nicht verkannt werden soll, dass das Folgen seinen eigenen Verantwortungsbereich hat. Der Führende gibt den Rahmen, damit der Folgende eigenverantwortlich seine Talente, sein Können und sein Wissen in einem sicheren und Umfeld zur Entfaltung bringt.

    Gleichwohl ist der Vergleich, dass die beruflich erfolgreich weibliche Führungskraft sich am Wochenende beim Tango tanzen dem Folgen hingibt, ähnlich dem beruflich erfolgreichen Manager, der sich am Wochenende einen Besuch in einem Domina Studio gönnt, falsch. Hierbei handelt es sich um die häufige wiedergegebene Fehlinterpretation von Magnus Hirschfeld, der diesen empirischen Befunde dergestalt analytisch begründete. Heute weiß man, dass das häufige Antreffen von Managern in Domina Studios damit nichts zu tun hat. Es liegt schlicht und ergreifend nur daran, dass sie es sich halt leisten können beziehungsweise sie es gewohnt sind, ihre Impulse umzusetzen.

    Führung als eine planende, koordinierende und kontrollierende Tätigkeit, als die Fähigkeit andere zu Erreichung von irgendwelchen Unternehmensziele anzuleiten, erfordert das Setzen von Impulsen und die klare Kommunikation der Ziele. Das lernt mann im Tango. Andererseits ist aber auch nicht zu verkennen, dass zumindest ich bislang in meinem Tangoleben keine ausgesprochene Businessmanager oder erfolgreiche Businessleute getroffen habe. Ehemalige, die nun eher als Suchende auf dem Weg sind, schon; aber praktizierende Erfolgstypen. Nein.

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