Gastbeitrag: Guck mal, wo du mich hältst…

Neulich irgendwo auf einer Milonga – erst bin ich eine Weile am Erzählen mit Menschen, die ich kenne. Dann positioniere ich mich, ich will tanzen. Ich werfe ein Auge, dann höre ich Milonga. Etwas zweifelnd schau ich meinen potenziellen Tanzpartner an und forme mit den Lippen fragend Milonga“? Er zuckt gelassen mit den Schultern und ich denke: Okay, jedem ist klar was es bedeutet, Milonga mit einer Person zu tanzen, mit der man noch nie vorher getanzt hat: Missverständnisse vorprogrammiert, milde sein – mit sich und dem Gegenüber. Und obwohl ich noch nicht eingetanzt bin, lasse ich mich drauf ein – entgegen meiner Gewohnheit. Ich halte ihn nämlich für den guten Tänzer, den ich beobachtet hatte, es kann also nichts passieren.

Wir gehen in den Kontakt. Zuerst geschlossene Umarmung. Schnell wechselt er in die offene Umarmung. Sein Kontakt nimmt subtil immer mehr ab. Und ich bin etwas irritiert. Naja vielleicht ist Milonga ja nicht seine Stärke?! Irgendwann wird sein linker Arm immer kontaktunfreudiger. Ich muss mich schon sehr anstrengen, um überhaupt Informationen von ihm zu bekommen. Ich denke, okay wird wohl nicht der schönste Tanz meines Lebens, tanzen wir halt kontaktlos. Immer öfter lässt er dann auch seinen rechten Arm sinken und ich frage mich, wie ich dem jetzt überhaupt noch folgen soll?! Nach den ersten drei Takten des zweiten Liedes bleibt er stehen. In der Art, wie er steht, weiß ich sofort, womit ich gleich konfrontiert werde. Okay, schieß los. ICH bin gewappnet. Er so: „Guck mal, wie wir zueinander stehen! Guck mal, wie du mich hältst!“ Ich so: „Na dann müssen wir jetzt wohl die Tanzfläche verlassen.“ Er so: „Ja“. Ich so: Gehe.

Abgesehen davon, dass dieses Desaster an dem Abend meine einzige Tanzbegegnung bleiben wird, spüre ich großen Groll auf diesen Typen, der diese Energie nicht mal wert ist. Aber gegen Gefühle ist kein Kraut gewachsen, außer sich Diva-like in ihnen zu suhlen und etliche noch viel bessere Reaktionen durchzuspielen.

1. Kopf hoch, Nase höher, Brust raus, Bauch rein, entschieden Diva-like wortlos von der Bühne abgehen und ihn stehe lassen.

2. Kopf hoch, Nase höher, Brust raus, Bauch rein und ihm den Stempel „Tangoetikettenschwein“ auf die Stirn drücken.

3. „Warte, ich hol mal kurz mein Handy und mache ein Foto von dir. Das kommt in die Galerie „Erinnere dich an dieses Gesicht! Nie wieder tanzen!!!“

4. „Warte, ich hole kurz mein Handy und mache ein Foto von dir. Das stelle ich in die sozialen Medien mit dem Hinweis an alle Folgende, einen großen Bogen um dich zu machen.“

5. „Hier sind die Kontaktdaten von Tanzlehrer*in xyz. Geh bei denen erstmal in die Tango-Benimm-Schule, bevor du eine Milonga besuchst!“ Und dann stehen lassen.

6. „It takes two to Tango – Und wo warst du die letzten 3 Minuten?“

7. „Ich kenne den DJ. Ab nächste Woche hast du Hausverbot auf Lebenszeit.“

8. „Ich mache mal kurz ein Foto von dir. Das sende ich allen Tangoveranstalter*innen Berlins. Du wirst ab morgen nicht mehr in eine Milonga reingelassen.“

9.  Frei nach den Ärzten: „Immer, ja wirklich immer, haben Typen wie du was auf die Fresse verdient!“

Am nächsten Morgen ist meine Wut verraucht. Heute steht da eine wirkliche Diva, die nur ein mitleidvolles mildes Lächeln für diesen Führenden übrig hat. Ich finde, dass ich in der Realität selbstbewusst, würdevoll und lässig auf ihn reagiert habe: Gut gemacht!

Vielen Dank an eine Diva für diesen Gastbeitrag!

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