Mein 1. Mal auf einer Milonga

Es ist schon ein paar Jahre her und ich hätte es fast komplett verdrängt, wenn ich nicht vor kurzem eine Freundin auf ihre erste Milonga begleitet hätte und dabei meine eigenen Erinnerungen wieder wach geworden wären.

Gemeinsam mit ein paar Tangokursfreunden ging ich damals – es scheint mir ewig her – zu meiner ersten Milonga. Sie war Open Air und wir entschieden, uns zunächst vor dem Eingang herumzudrücken und das Treiben aus sicherer Entfernung zu beobachten. Je länger wir guckten, umso größer wurde unsere Ehrfurcht. Wir waren uns einig, dass wir hier und heute mit unseren rudimentären Tangokenntnissen nicht tanzen wollten. Doch dann kam ein Bekannter von mir um die Ecke, er war schon etwas tangoversierter und wollte mich nicht so einfach entkommen lassen. „Keine Widerrede“, sagte er, bugsierte mich durch den Eingang und auf die Tanzfläche. Wäre er nicht so nett gewesen, wäre dieser Tanz vermutlich als ein traumatisches Erlebnis in meine Tango-Psyche eingegangen. Ich fühlte mich ein bisschen wie auf der Autobahn, um mich herum rauschten die Paare vorbei, flogen die Beine – und wir mitten drin. Etwas unbeweglich, etwas fehl am Platz, etwas hilflos. Nach der ersten Tanda wollte er mich nicht gehen lassen, zu unserem Unglück kam Vals. Davon hatte ich schon gehört, ihn aber nie getanzt. Ihm war das egal. Die Geschwindigkeit um uns herum nahm zu, nur wir blieben langsam, der Fels in der Brandung – zum besonderen Vergnügen der anderen Führenden, da bin ich mir heute sicher. Als diese Tanda vorüber war, war ich schweißgebadet, ich wollte nur weg hier, mein Puls war an der Obergrenze und vermutlich fehlte – zumindest gefühlt – nicht viel zum Herzinfarkt. Ich brauchte einen Drink und (laien-)psychologische Betreuung. Sofort. Beides war zum Glück leicht zu kriegen. Nachdem ich mich etwas berappelt hatte, wollte ich es nochmal wissen. Diesmal tanze ich mit einem mir unbekannten Herren. Oh weh, es funktionierte noch weniger und ich fühlte mich noch schlechter. „Ich bin Anfängerin“, sagte ich. „Macht doch nichts, wir haben alle mal angefangen“, sagte er freundlich, vielleicht mit einem etwas gequälten Lächeln, dass er aber galant versteckte. Ein geringer Trost. Und doch weiß ich heute, ich hätte es auch schlimmer treffen können. Hätte von dem Führenden einfach stehengelassen oder mit Gewalt durch den Tanz gezerrt werden können. Ich bin dankbar, dass mir das erspart blieb. Dennoch: Ich war ratlos angesichts seiner Führung, er war noch ratloser angesichts dessen, was ich aus seiner Führung machte. Manchmal schmunzelte er leise, wenn ich etwas tat, was er so gar nicht erwartet hatte. Ich fühlte mich schrecklich, aber ich wahrte die Contenance – er auch. Immerhin das mit den Tandas hatte ich mir gemerkt. Ich zählte die Lieder in Gedanken. „Noch vier, noch drei, nur noch zwei….“. Die Tanda wollte einfach nicht vergehen. Nach dem dritten Lied erschien es mir unmöglich, noch eines zu überstehen. Doch Aufgeben gilt nicht. Augen zu und durch. Ich lernte eine wichtige Tangoweisheit: Auch die längste Tanda geht einmal vorbei. Ich wankte von der Tanzfläche und fragte mich, ob ich das mit dem Tango jemals auch noch ansatzweise können werde. Ich tanzte nicht mehr an jenem Nachmittag. Ich schaute zu und badete in Demut.

Nach dieser Milonga machte ich einige Wochen Milonga-Pause, um das Erlebte zu verdauen und weiter Tango zu lernen. Dann probierte ich es wieder, mit zitternden Knien und feuchten Händen natürlich. Es war beim zweiten Mal schon weniger schrecklich und ein bisschen mehr schön. Und es brauchte gar nicht so viele Milongas, bis ich mich auf der Tanzfläche zumindest etwas sicherer und wohler fühlte.

Wie war’s bei Dir? Wir freuen uns über Berichte über Euer „erstes Mal“ in den Kommentaren!

Ein Kommentar zu „Mein 1. Mal auf einer Milonga

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  1. Dann schildere ich mal meinen ersten Milonga Besuch.
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    Ich besuchte seit knapp drei Jahren zur Stärkung des Ehelebens regelmäßig mit meiner Ehefrau einen Tanzkurs für Gesellschaftstanz bei einer örtlichen Tanzschule. Neben Cha-Cha-Cha, Rumba, Walzer und europäischen Tango fand dort im letzten halben Jahr – dem Zeitgeist geschuldet – verstärkt Tango Argentino Eingang in den Unterricht.
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    Ich mochte den Tango Argentino Anteil des Tanzkurses. Bei meiner Ehefrau hat er fast immer so eine Wirkung, vergleichbar einer Flasche Champagner, die darauf wartet entkorkt zu werden.
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    Ich hatte bereits ein knappes halbes Jahr Tango Argentino Unterricht, als ich einen Flyer zu einer frivolen Milonga fand. In einem Swinger Club fand eine Milonga statt. Die Herren im Anzug, die Frauen in Dessous. So stand es auf der Einladung. Für meine Frau zu heavy. Sie ist eher ein keuscher Typ. Sie war an dem Tag auf einem Seminar und so erzählte ich ihr, dass ich einen Tango Workshop besuche. Zog meinen dunklen Anzug an und nach etlichen YouTube Tutorials gelang es mir, meine Fliege zu binden. Bei uns in der Ehe ist es ein Ritual, wenn wir zusammen fortgehen, bindet mir meine Ehefrau die Fliege. Ich bin da inzwischen aus der Übung.
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    Ich war zum ersten mal in so einer Örtlichkeit. Der Club war gut besucht. Komischerweise hatte ich keine Berührungsängste, holte mir an der Bar ein Glas Sekt und schaute mich um. Es herrschte leichter Frauenüberschuß. Alle circa mittelalt bis eher alt und sehr alt. Alle zeigten viel nackte Haut. Ungeachtet, dass sie angewelkt bis verwelkt waren, was sich bei dem Licht aber erst dem genauer hinschauenden Betrachter erschloss. Sie trugen Dessous oder waren in Korsetts geschnürt, ein bisschen Lack und Leder war auch zu sehen. Die Männer hatten den Hinweis auf der Einladung, einen Anzug zu tragen, überwiegend nicht ernst genommen. Es waren nicht viele Anzugsträger da. Eher schmuddelige Jeans. Ich war ersichtlich overdressed.
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    Gefühlt eine Stunde später und nach dem zweiten Glas Sekt, erinnerte ich mich daran, dass ich zum Tanzen da bin und fordere die erste Frau auf. Es war ungewohnt, eine fast nackte Frau im Arm zu haben.
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    Allerdings scheiterte ich ziemlich schnell mit meinen Tanzkünsten. Sie war irritiert, als ich den Tanz damit begann, mit dem rechten Fuß zurückzugehen. Ich wollte, wie ich es gelernt hatte, dann an der Seite an ihr vorbei gehen und sie in ein Vorkreuz führen. Die Ochos klappten dann. Nach dem zweiten Tanz beendeten wir es.
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    Ich bemerkte, dass die Leute nicht so begannen, wie ich es in der Tanzschule gelernt hatte. Sondern sie standen einfach da, wackelten ein bisschen hin und her und dann ging der Mann auf einmal voran, führte die Frau rückwärts vor sich her. So kannte ich das nicht. Ich hatte gelernt, dass der Mann mit einem Rückwärtsschritt des rechten Fußes startet.
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    Ich tanzte dann mit einer weiteren Dame. Aber es wurde nicht besser. Eher schlechter.
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    Dann erkannte ich Walzerklänge. Ich forderte eine Frau auf. Aber es klappt nicht. Ob ich den Walzer links oder rechts herum führte. Es war egal. Ich versuchte, mich an einige Walzerfiguren aus dem Tanzschulunterricht zu erinnern. Aber mein Kopf war leer. Und meine Tanzpartnerin sichtlich irritiert.
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    Dann schaute ich mir noch eine Performance an und ging. In die Séparées hatte ich gar keinen Blick geworfen.
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    Das Ergebnis war, dass ich mir am nächsten Tag im Internet einen richtigen Tango Lehrer suchte. Ich hatte verstanden, dass das, was unsere Tanzlehrer mit ihrem ADTV-Siegel uns beibrachten, mit dem argentinischen Tango Argentino, wie er auf Milongas getanzt wird, wenig zu tun hatte.

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