Buenos Aires Tango Guide – Part 3: Tango-Unterricht

Manche Tango-Reisende machen aus ihrem Buenos Aires Besuch ein echtes Tango-Trainingslager mit unendlich vielen Unterrichtsstunden. Andere stellen das Tanzen auf Milongas stärker in den Vordergrund. Für manche lautet das Buenos Aires-Fazit am Ende sogar: „Für die Milongas muss ich hier nicht unbedingt wieder hin, für den Unterricht schon.“

Wie auch immer: Ein paar Klassen nehmen vermutlich die meisten – und das ist gut so: Denn zum einen helfen die Gruppenunterrichtsstunden ungemein dabei, Leute kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und dadurch mehr Freude auf den Milongas und in Buenos Aires insgesamt zu haben. Zum anderen kann man wahrscheinlich nirgends sonst so gute und bekannte Lehrer*innen für so wenig Geld erleben wie hier. Ganz nebenbei ermöglicht das intensive Lernen und Tanzen in kurzer Zeit eine enorme Lernkurve.

Vorab: Eine*n Partner*in zur Klasse mitzubringen, ist immer besser, aber auch nicht immer zwingend notwendig.

Doch wie kommt man an eine*n Partner*in?

Da viele Tango-Tourist*innen nach Übungs- und Unterrichtspartnern*innen suchen, ist es meist nicht so schwer jemanden zu finden, selbst wenn man noch niemanden kennt. Einfach fragen, wenn man z.B. auf einer Milonga mit jemand getanzt hat, mit dem*r man sich das vorstellen kann. Auch die Unterrichtsstunden direkt vor den Milongas sind anfangs gut, um Leute kennenzulernen, denn da sind oft andere „Single-Tänzer*innen“, mit denen man sich für’s nächste Mal direkt verabreden kann.

Zunächst ein Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten, Unterricht zu nehmen: 

Seminarios / Klassen vor den Milongas

Die Klassen/Seminarios vor den Milongas kosten in der Regel nur einen geringen Aufpreis auf den Milongaeintritt. So habe ich zum Beispiel eine 2-stündige Klasse bei Moira Castellano und Javier Rodriguez vor der Milonga Viva la Pepa für umgerechnet rund 5 Euro besucht (Stand: Dezember 2018), Milongaeintritt inklusive. Viva la Pepa hat generell oft sehr gute Maestro*as für die Pre-Milonga-Klassen, es lohnt sich zu schauen, wer aktuell dort unterrichtet.

Zu diesen Klassen kann man alleine gehen, entweder wird viel durchgetauscht oder man verpartnert sich gleich am Anfang mit anderen „Singles“ (Eigeninitiative hilft!).

Vorteil: Super zum Leute kennenlernen, toll um für wenig Geld Unterricht bei „großen Namen“ zu nehmen. Und: Man lernt immer was.

Nachteil: Gerade bei bekannten Lehrer*innen sind die Gruppen oft sehr groß. Persönliche Aufmerksamkeit muss man sich erkämpfen und auch dann bleibt sie auf ein Minimum beschränkt. Wer wirklich die Arbeitsweise eines Lehrers*einer Lehrerin verstehen will, muss mehrfach kommen oder noch anderweitig Unterricht bei ihnen nehmen.

Gruppenunterricht / Workshops

Wer Lehrer*innen kennt oder kennengelernt hat, bei denen er*sie mehr machen möchte, findet in der Regel auf deren Facebookseiten Informationen zu regelmäßigen Gruppenstunden, die sie anbieten. Sofern es sich nicht um Technikstunden handelt, ist es empfehlenswert eine*n Partner*in mitzubringen.
Workshops sind meist länger als die normalen Klassen, haben ein klar umrissenes Thema und manchmal kleinere Gruppen. Wer keine*n Partner*in hat, kann ruhig mal bei den Lehrer*innen anfragen, manchmal organisieren sie jemanden.

Vorteil: Diese Stunden sind ebenfalls unglaublich günstig (meist um die 5 Euro für 1,5 Stunden).  Wenn man häufiger kommt, versteht man die Systematik und die dahinterliegenden Konzepte der einzelnen Lehrer*ìnnen besser. Workshops kosten etwas mehr, sind aber auch noch absolut im Rahmen.

Nachteil: Die Gruppen sind in der Regel zwar etwas überschaubarer als bei den Klassen vor den Milongas, trotzdem ist die persönliche Betreuung recht bescheiden. Man muss regelmäßig kommen, um eine Lehrer-Schüler-Beziehung aufzubauen und individuelleres Feedback zu erhalten.

Semi-Privadas / Kleingruppenstunden

Die meisten Lehrer bieten von Schüler*innen selbstorganisierte Kleingruppenstunden an oder haben bestehende Kleingruppen, denen man sich anschließen kann, wenn Platz ist und es vom Level her passt. Räume können die Lehrer organisieren, oft bei sich zuhause. Die Gruppengröße der Kleingruppenstunden ist begrenzt (ca. 6 Personen). Der Preis natürlich entsprechend höher als bei Gruppenstunden, aber gleichzeitig viel billiger als eine Privatstunde.

Vorteil: Man kann den Inhalt des Unterrichts selbst festlegen, bekommt viel Feedback, baut eine echte Lehrer-Schüler-Beziehung auf und spart gegenüber einer Privatstunde trotzdem Geld.

Nachteil: Man muss die Kleingruppe selbst organisieren, Leute zusammentrommeln, Termine koordinieren. Das ist ein bisschen Aufwand und manchmal anstrengend.

Privatstunden

Privatstunden bei bekannten Lehrer*innen sind in Buenos Aires nicht oder kaum günstiger als in Europa. Trotzdem sind Privatstunden natürlich ein toller und schneller Weg, um voranzukommen und sehr individuelles Feedback zu erhalten. Super ist auch, dass das Gelernte auf den Milongas vor Ort sofort integriert und gefestigt werden kann.

Wer mit unbekannteren Lehrer*innen „zufrieden“ ist, kann günstigere Privatstunden finden (z.B. im DNI, im Estudio Dinzel, aber auch bei vielen anderen Lehrern).

Vorteil: Individuell, persönlich, effektiv.

Nachteil: Teuer.

Praticas / Üben

Unterricht ist das eine, Üben das andere. Wir alle haben gelernt, dass man auf Milongas nicht übt, klaro. Doch: Es gibt viele Practicas, auf denen man üben kann, dafür am besten früh da sein, wenn noch wenig los ist und Übungs-Partner*in mitbringen, mit Fremden sollte man auch dort einfach nur tanzen. In vielen der Tango-Häuser/-Hostels/-Hotels gibt es Übungsräume, die man nutzen kann, wenn zumindest eine*r aus dem Paar dort wohnt. In einigen Tangoschulen kann man die Räume zu bestimmten Zeiten zum Üben zu nutzen, z.B. im Estudio Dinzel. Sicher gibt es auch noch andere Möglichkeiten, an einen Übungsraum zu kommen. Einfach vor Ort umhören.

Maestros*as

Unterricht: Ja. Aber bei wem?

Ich will keine Lehrer*innen pauschal empfehlen, jeder muss selbst seine*ihre Lehrer*innen finden, abhängig vom eigenen Stil, den eigenen Vorlieben und den Themen, an denen er*sie arbeiten möchte. Die meisten Maestros*as reisen viel, sodass man sehen muss, wer gerade in Buenos Aires unterrichtet, wenn man dort ist. Nach meinen Beobachtungen arbeiten viele Tangoreisende, schlussendlich mit anderen Lehrer*innen als sie es vor ihrer Reise geplant hatten.

Hier ein paar Lehrer*innen, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe, als ich im Februar/März 2018 und im November/Dezember 2018 in Buenos Aires war:

Alejandra Gutty – Ihre Technikklasse (für alle!) am Mittwoch macht nicht unbedingt Spaß (It’s hard work, baby!). Man ist dort zudem umgeben von lauter Semi-Profis, was es zusätzlich herausfordernd macht. Aber die Klasse ist wahnsinnig gut. Ich erinnere mich an eine Klasse, in der wir zwei Stunden lang ausschließlich am Gewichtswechsel gearbeitet haben. Alejandra erklärt grundsätzliche Prinzipien – leider in schwer verständlichem Spanisch, aber es gibt meist eine Flüsterübersetzung. Eine*n Partner*in braucht man nicht.

Graciela Gonzalez – Ihre Klasse am Mittwoch abend heißt „Cocktail“ und genau das ist sie auch. Jedes Mal präsentiert Graciela etwas anderes aus ihrem reichen Erfahrungsschatz. Es wird nie langweilig. Graciela geht es insbesondere um das Körpergefühl beim Tanzen, Verbindung, Kontakt, Umarmung, Bewegungsqualität. Für diese Klasse braucht man nicht unbedingt einen Partner, es wird ständig gewechselt. Wenn man Glück hat, schauen „Tangopromis“ vorbei oder machen sogar mit. Einzelstunden bei Graciela fand ich ebenfalls lohnenswert.

Paola Tacchetti – Meine Lehrerentdeckung im Dezember 2018. Faszinierende Persönlichkeit mit teilweise eigenwilligen Ansätzen – eine echte Diva mit Herz. In ihren Technikstunden bringt sie viele Elemente aus anderen Disziplinen ein, was den Unterricht von den meisten anderen Technikstunden abhebt. Ich war beispielsweise sehr fasziniert von den „Rückwärtsochos“ aus der Bauchlage. Zudem erzählt sie viele Geschichten aus der Tangowelt, sodass ich von ihr einiges über Technik, noch mehr über „Attitude“ und noch viel mehr über den Tango an sich gelernt habe.

Mika Böttinger & Cristian Miño – Mika kommt aus Deutschland, lebt aber schon lange in Buenos Aires. Sie unterrichtet auch auf Deutsch, was manchmal praktisch ist. Mika und Cris geben die Privatstunden in der Regel gemeinsam. Ihr Unterricht ist systematisch aufgebaut, fundiert, umfassend, intensiv und sehr individuell. Sie engagieren und interessieren sich wirklich für den Fortschritt ihrer Schüler*innen. Und man sollte sich nicht von ihren Escenario-Auftritten „abschrecken“ lassen, sie unterrichten „ganz normalen“ auf Milongas tanzbaren Tango.

Estudio Dinzel – Das Estudio Dinzel ist ein großartiger Ort, wenn man mal genug vom ganzen Tango Chi-Chi und Leistungsdenken hat. Man könnte sagen „Das Dinzel ist wie eine Tango-Therapie“. Das Studio hat quasi den ganzen Tag auf (Öffnungszeiten siehe Facebook-Seite). Man kann kommen, wann man will und bleiben so lange man will. Im Laufe des Tages finden verschiedene Unterrichtsstunden statt, in der übrigen Zeit kann man frei Üben oder aber einfach nett im Hinterhof zusammensitzen, Mate trinken und nebenbei sein Spanisch verbessern. Die Preise sind günstig, das Level der meisten Schüler*innen nicht zu fortgeschritten, die Lehrer*innen gut und die Atmosphäre einfach zum Wohlfühlen.

Einige andere Lehrer*innen, die aus meiner Sicht einen Besuch wert sind: Alejandra Matiñan, Raul Bravo (El Tacuari, San Telmo – sein Unterricht lohnt eher für Führende, aber den Maestro mal zu erleben, ist auch für Folgende toll), Natalia Games & Gabriel Angio (montags im Canning, alte Schule und ziemlich anspruchsvoll), Julio Balmaceda (dienstags im Canning), Horacio Godoy (donnerstags in der Viruta), Mario Morales, Jonathan Spitel, Mariana Dragone (Technikklasse, donnerstags im Las Malevas), Moira Castellano & Javier Rodriguez, Andres Laza Moreno, Nito y Elba, Sabrina y Ruben Veliz…

Nach meiner Erfahrung ist es gut, sich für intensivere Arbeit einige wenige Lehrer*innen auszusuchen, mit denen man regelmäßig Stunden nimmt. Am besten in der Kombination aus Gruppenstunden und individuelleren Einzel- und/oder Kleingruppenstunden. Wer eher die Vielfalt kennenlernen will, kann exzessives Lehrer-Hopping betreiben.

Übrigens: Viele Lehrer*innen laden Schüler*innen, die intensiv mit ihnen arbeiten, gern mal an ihren Tisch auf einer Milonga ein. Eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte, auch wenn man an so einem Abend meist etwas weniger tanzt als sonst. Dafür erfährt man Interessantes über die Tango-Welt.

Wichtig: Die Lehrer*innen unterrichten üblicherweise auf Spanisch. Manchmal gibt es Flüsterübersetzungen für die, die gar nichts verstehen. Ansonsten bleibt nur, sich auf das Visuelle zu verlassen oder Spanisch zu lernen.

Bei Semi-Privadas oder Privatstunden kann man die Unterrichtssprache mit den Lehrer*innen individuell absprechen.

BATangoLearnings.jpg

Mehr findest Du hier:

Part 1: Milongas

Part 2: Milonga-Knigge

Part 4: Praktische Tipps

7 Kommentare zu „Buenos Aires Tango Guide – Part 3: Tango-Unterricht

Gib deinen ab

      1. Mir gefällt die Zusammenstellung sehr gut. Alles ist mir so oder so ähnlich schon im Unterricht und Practicas schon mal begegnet. Einzig der Fallschirm ist mir neu, den kenne ich nicht, hörte noch nie davon.

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      2. Besser könnte das sicher Paola Tacchetti erklären, von der ich das Bild habe. Grundsätzlich aber, um die Körperrückseite mehr zu füllen und somit zu stärken, insbesondere das „Brechen“ auf Höhe der unteren Rippenbögen zu vermeiden und beim Vorwärtsgehen das Fallen in die Schritte zu verhindern.

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  1. Moin,
    besten Dank für den Bericht und das hübsche Sketchnote als Zusammenfassung der Unterrichtsergebnisse.
    Sehr gelungen!
    Gruß Tom

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