Buenos Aires Tango Guide – Part 2: Milonga-Knigge

Andere Länder, andere Sitten – auch die Milongas funktionieren ein bisschen anders in Buenos Aires.

Der Einstieg

Gib Dir Zeit anzukommen. Ich weiß, jetzt bist Du endlich da, also willst Du sofort die besten Milonganächte Deines Lebens haben. Doch es dauert ein bisschen, bis man „drin“ ist. Du kennst niemand, Du verhälst Dich vielleicht noch etwas ungelenk, weil Du noch nicht weißt, wie es läuft, evtl. bist Du noch müde von der Reise, der Zeit- und der Klimaumstellung und verwirrt, weil die Welt sich – gefühlt – andersrum dreht – Deine Ausstrahlung und Wachheit sind wahrscheinlich noch nicht auf dem besten Stand. Deshalb: Zum Einstieg hat es sich für mich bewährt, Practicas zu besuchen, die sehr entspannt sind (z.B. Cheek to Cheek, La Maria oder DNI) und auf denen man leicht Leute kennenlernt. Auch die La Rosa-Milonga am Sonntag bietet einen guten Start. Oder du gehst ohne große Erwartungen auf traditionellere Milongas. Reserviere vielleicht vorab einen Tisch. Wenn du allein bist, reicht es oft auch, nicht zu spät da zu sein, dann findet sich ein Plätzchen. Dort kannst Du sitzen, gucken, etwas trinken, Atmosphäre aufsaugen, Dich akklimatisieren und vielleicht schon erste (Blick-)Kontakte knüpfen. Wenn Du ein oder zwei Tandas tanzt, ist das schön, aber es sollte nicht im Mittelpunkt stehen.

Die Sache mit den Tischen

Grundsätzlich reserviert man auf den Milongas in Buenos Aires einen Tisch. Die Reservierung kann man meist bis ein paar Stunden vor Beginn der Milonga per Message (Facebook, Whatsapp oder SMS) machen, aber bitte nicht zwei Wochen im Voraus (wir sind schließlich in Südamerika!). Die Tische sind nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit reserviert, danach werden sie freigegeben. Es lohnt also nur, wenn man relativ früh auf die Milonga kommt (ca. bis 23/23:30h). Wer allein unterwegs ist, muss nicht unbedingt reservieren, meist findet sich ein Platz.

Tipp: Es lohnt es sich, auch wenn man nur zu zweit ist, z.B. für vier Personen zu reservieren und später Leute ohne Reservierung an den eigenen Tisch einzuladen.

Da die Tische per se reserviert sind, darf man sich nicht einfach irgendwohin setzen. Wer einen Platz sucht, muss die Bedienungen oder die Organisator*innen ansprechen und sich einen Platz zuweisen lassen oder zumindest fragen, ob ein bestimmter Tisch tatsächlich frei ist. In der Regel ist man an einem Tisch auch zur Bestellung von Getränken verpflichtet, bedient wird am Tisch. Bestellt man nichts, gibt es auf manchen Milongas sogar eine „Tischgebühr“. Wenn die Milongas sehr leer sind oder man erst mitten in der Nacht kommt, sind diese Regeln teilweise etwas lockerer auszulegen, aber man sollte sich nicht wundern, wenn Bedienung oder Organistator*innen trotzdem darauf bestehen, dass sie eingehalten werden.

Glück hat, wer schon ein paar Leute kennt und von diesen an einen Tisch eingeladen wird.

Die Sache mit den Schuhen

Wer was auf sich hält, fährt mit dem Taxi vor und betritt die Milonga, ohne die Schuhe zu wechseln.
Insbesondere das Wechseln der Schuhe am Tisch wird auf den schickeren Milongas nicht gern gesehen (was nicht heißt, dass es ein absolutes Tabu ist). Dezenter ist es, die Schuhe auf der Toilette oder – sofern vorhanden – im Eingangsbereich der Milonga möglichst unauffällig zu tauschen.

Tipp: Auf Milongas, auf denen es essentiell ist, wo man sitzt, sollte man die Schuhe gewechselt haben, bevor man seinen Platz zugewiesen bekommt, damit auch für den*die „Platzanweiser*in“ offensichtlich ist, dass man zum Tanzen da ist und nicht nur zum Gucken.

Die Sache mit den Wertsachen

Da ist es hier genauso wie überall anders beim Tango auch. Wer seine*ihre Sachen am Tisch bei Bekannten lassen kann, hat zumindest die theoretische Chance, dass diese ein Auge darauf werfen. Für alle anderen, insbesondere wenn man alleine ist, hilft nur Vertrauen. Mir persönlich ist in Buenos Aires nichts weggekommen. Trotzdem nehme ich niemals mehr mit, als ich unbedingt brauche und lasse die Sachen nicht direkt am Eingang und nicht offen liegen. Gut finde ich eine Stickjacke oder ähnliches dabei zu haben, die ich über meine Tasche auf den Stuhl hängen kann, sodass die Tasche nicht direkt sichtbar ist. Vorsicht ja, Panik nein. Und ja, man kann auch flache Bauchtäschchen nutzen, aber….

Wie man an Tänze kommt

Das hier ist meine persönliche Sicht aus Frauenperspektive, die Männersicht mag eine komplett andere sein und auch andere Frauen mögen ganz andere Erfahrungen gemacht haben:

Grundsätzlich hilft, was immer hilft: Schönheit, Auffälligkeit, Jugend, Offenheit, Präsenz, gute Laune und noch besseres Tanzen.
Aber: Nach meiner Erfahrung geht es auf den Milongas in Buenos Aires stärker um das Soziale und um die Freude am Tanzen als um Leistung und Performance. Daher zwei Tipps, um an viele und gute Tänze zu kommen und die Milongas zu genießen:

  1. Be social
    Nutze jede Gelegenheit, andere Tänzer/innen kennenzulernen. Grüße die, die Du regelmäßig triffst, auch wenn Du sie eigentlich gar nicht kennst.
    Komme ins Gespräch mit dem Nachbartisch, an der Bar, auf der Toilette, an der Kasse, wo auch immer… Wenn Du mit einer Person aus einer Gruppe, die zusammensteht oder sitzt, redest, ist es üblich, auch die anderen aus der Gruppe (sofern sie nicht zu groß ist) einzeln zu begrüßen und Dich vorzustellen oder besser von Deinem*r Bekannten vorgestellt zu werden.
    Gleiches solltest Du umgekehrt natürlich auch tun. Eigentlich ist das hier in Deutschland auch üblich, aber in BA wird noch mehr Wert darauf gelegt. So erweitert sich der Bekanntenkreis schnell. Andere gute Möglichkeiten, um Leute kennenzulernen, sind Tangogruppenstunden oder Klassen vor den Milongas.
    Zum Thema des „Sozialen“ gehört auch, beim Tanzen nicht zu wählerisch zu sein: Du musst natürlich nicht mit jedem Tanzen und Du musst nicht wiederholt mit jemand tanzen, wenn es Dir nicht gefällt. Aber nur auf die „Weltmeister*innen“ zu warten – ohne selbst eine*r zu sein -, wird nicht gern gesehen. Man ist zum Tanzen da und nicht um seine eigene Arroganz zur Schau zu tragen.
  2. Have fun
    Das zweite Rezept, um an Tänze zu kommen und diese vor allem zu genießen, ist die Freude am Tanzen. Argentiniern ist es nach meiner Erfahrung primär wichtig, dass Du Lust hast zu tanzen. Das wollen sie im Tanz spüren. Ob die Technik perfekt, das Repertoire groß und die Achse bombensicher ist, ist für sie zweitrangig. Sie wollen fühlen, dass Du gerne tanzt, dass Du gerne mit ihnen tanzt und dass Du gerne auf die Musik tanzt (und diese auch spürst und interpretierst). Also lass Deinen deutschen/europäischen Perfektionismus zuhause und hab Spaß mit Dir, Deinem Tanz, Deinem*r Partner*in und der Musik auf der Tanzfläche.

Sich seine Tanzpartner*innen selbst mitzubringen, also mit Freund*innen oder einem*r Partner*in zu erscheinen und (fast) nur mit diesen zu tanzen, ist ebenfalls absolut in Ordnung. Die Einheimischen machen das auch – je nach Milonga mehr oder weniger.

Auffordern und Cabeceo

Argentinier sind grundsätzlich sehr geschickt mit dem Cabeceo: Er geht rasend schnell, ist unauffällig und zugleich sehr eindeutig. Ich persönlich hatte kein einziges Cabeceo-Mißverständnis in Buenos Aires. Argentinierinnen nutzen eine sehr klare Mirada (auch hier: subtil, aber eindeutig). Wer als Frau viel tanzen möchte, sollte sich das abschauen. Schüchternes und zielloses „Rumgucken“ wird dort noch weniger ans Ziel führen als hier.

Neben dem Cabeceo wird durchaus auch verbal mit „Bailas?“ aufgefordert. Insbesondere dann, wenn man ohnehin nebeneinander sitzt oder steht und der Cabeceo somit schwierig wäre, außerdem unter Bekannten oder auf informellen Milongas/Practicas. Ein No-Go ist es, zu einer unbekannten Person an den Tisch zu gehen und aus dem Blauen heraus „Bailas?“ zu fragen.

Achtung: Du bist als Frau mit einem männlichen Freund auf der Milonga, Ihr sitzt zusammen am Tisch, tanzt miteinander, unterhaltet Euch? Wundere Dich nicht, wenn Du von anderen nicht aufgefordert wirst, Du gilst erstmal als „besetzt“. Gut ist, wenn Dein Freund mit einer anderen Dame tanzt oder mal an die Bar, zur Toilette oder vor die Tür geht, sodass Du allein am Tisch sitzt. Dann solltest Du potenziellen Tanzpartnern sehr klar signalisieren, dass Du tanzen möchtest, damit der „Exklusivitätsvorbehalt“ aufgelöst wird.

Eine typische Milonga-Nacht

Eine typische Milonganacht in Buenos Aires beinhaltet mehr als nur eine Milonga. Oft geht man zwischen 23h und 24h auf die erste Milonga und wechselt zwischen 2h und 3h die Location, um dann bis morgens 5h oder 6h zu tanzen. Wenn man spät genug zur zweiten Milonga geht, kostet diese oft keinen Eintritt mehr. Wer mag, geht danach noch frühstücken und schläft anschließend bis zum Nachmittag.

Nur eine Tanda

Man tanzt mit einer Person nur eine Tanda am Stück, wer länger tanzt, outet sich als Tourist*in oder weckt ggf. falsche Erwartungen. Du kannst ja später wieder mit dem*r selben Partner*in tanzen. Auf manchen Milongas gibt es keine Cortinas, Tandas gibt es trotzdem und wer darauf achtet, hört diese auch raus. Dennoch: Auf den Milongas ohne Cortinas kannst Du jederzeit in den Tanz ein- und aussteigen, hier kannst Du auch mehr als vier Tangos mit einem*r Partner*in am Stück tanzen.

Und ja: Zwischen den Liedern innerhalb einer Tanda wird geredet, geredet, geredet…

Cachirulo (und ähnliche traditionelle Milongas)

Cachirulo ist eine Institution. Man liebt es oder hasst es oder entwickelt eine Hassliebe. Es ist die bekannteste der traditionellen Milongas, bei denen Männer und Frauen getrennt sitzen. Es fühlt sich am Anfang sehr ungewohnt an, aber es hat auch einen besonderen Charme. Die Milonga stellt schon durch ihr Konzept das Tanzen in den Mittelpunkt, aller anderer sozialer Austausch wird auf ein Minimum reduziert. Aufforderung geht nur per Cabeceo. Deshalb ist es wichtig, einen guten Platz zu haben. Früh da sein und in voller Tangomontur (inkl. Schuhe) den Ort betreten, kann helfen. Wichtig ist, dass Hector (der meist die Plätze vergibt) sieht, dass man zum Tanzen da ist. Noch besser ist, wenn er einen schon kennt. Wenn Du einen akzeptablen Platz bekommen hast, solltest Du tanzen, tanzen, tanzen – wer zu wählerisch oder zurückhaltend ist, empfiehlt sich nicht unbedingt für einen guten Platz beim nächsten Mal. Wenn die Tanda beginnt, muss man schnell sein mit dem Cabeceo, denn sobald die Tanzfläche sich füllt, ist der Blick auf die sitzenden Herren*Damen durch die Tänzer*innen auf der Piste teilweise versperrt. Da die Damen direkt nebeneinander in einer bzw. mehreren Stuhlreihen sitzen, ist es ratsam, nach dem Cabeceo mit dem Aufstehen zu warten, bis der Herr die erwählte Dame von ihrem Platz abholt, um Missverständnisse zu vermeiden.

Übrigens: Ladies, bitte keine Angst vor älteren Herren (hier und anderswo). Mit den älteren Milongueros sollte frau einfach mal getanzt haben.

Tipp: Bleibe bis zu Hectors Ansprache. Muss man mal gehört haben!

Anmerkung am Rande: Du kannst natürlich auch mit Freunden oder einem*r Partner*in zusammensitzen, dann sitzt Ihr aber im hinteren Bereich und werdet wenige Cabeceo-Möglichkeiten außerhalb Eurer Gruppe haben.

Tango

Es wird viel darüber gesprochen, dass in Buenos Aires anders getanzt wird. Und: Ja, ich meine, das ist so. Kleiner, dezenter, ruhiger, musikalischer… finde es selbst raus.

Milonga und Vals

Du liebst Milonga und Vals? Nutze jede Gelegenheit, diese zu tanzen. Insbesondere Milonga ist in Buenos Aires Mangelware.

Nicht nur Tango

Wessen Tanz-Biographie auch andere Tänze als „nur“ den Tango beinhaltet, der*die hat gute Chancen, diese auf den Milongas auch zum Einsatz zu bringen, denn ab und an wird mal was ganz anderes gespielt und getanzt. Wer andere Tänze lernen möchte, hat in der Viruta zu günstigen Preisen die Gelegenheit dazu.

Tangounterricht

Mit Partner*in hingehen ist immer besser, oft geht‘s aber auch ohne. Bei Technikstunden sowieso, zu den Klassen vor den Milongas kommen ebenfalls viele allein. Am besten schaut man sich vor/zu Beginn der Klasse um und spricht Personen an, die auch einzeln erscheinen. Oft findet man jemand, mit dem man die Klasse machen kann. In einigen Klassen wird ohnehin viel getauscht, sodass jeder zum Tanzen kommt. Bei richtigen Kursen braucht man dagegen eine*n Partner*in. Man kann es trotzdem allein versuchen, darf dann aber nicht enttäuscht sein, wenn kein*e andere*r Einzelgänger*in da ist und man wieder gehen muss. Es lohnt sich also, potenzielle Kurspartner*innen direkt (z.B. nach einer schönen gemeinsamen Tanda) anzusprechen, Kontakte zu tauschen und sich gezielt zu verabreden. Mehr zum Thema Unterricht in Teil 3 unseres Buenos Aires Tango Guide.

Zeit

Nimm‘ Dir Zeit für deinen BsAs-Aufenthalt: Wenn Du kannst, bleibe mindestens drei Wochen, damit sich die Reise auch wirklich lohnt. In der Regel wird es von Tag zu Tag auf den Milongas noch besser, weil man mehr Leute kennt und tiefer eintauchen kann. Aber auch weil man immer mehr herausbekommt, welche Milongas man am liebsten mag. Viele finden vier Wochen Aufenthalt ideal, denn das Milongaleben in BsAs ist auch anstrengend und nach vier Wochen haben sie genug davon. Ich persönlich kann mir gut auch noch längere Aufenthalte vorstellen.

Mehr findest du hier:

Part 1: Milongas

Part 3: Unterricht

Coming soon: Part 4: Praktische Tipps

3 Kommentare zu „Buenos Aires Tango Guide – Part 2: Milonga-Knigge

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