10 Strategien gegen die Tango-Krise

Kaum jemand ist dagegen gefeit, irgendwann bricht sie herein, die Tango-Krise.

Sei es, weil der fühlbare Fortschritt ausbleibt, weil unser Tango anfängt, uns zu langweilen, weil wir das Gefühl haben, unsere Zeit zu vergeuden, weil wir negative Erfahrungen machen oder oder oder…. hier zehn ernst- und auch nicht so ernstgemeinte Tipps gegen die Tangokrise.

Schocktherapie – für Radikale

1. Back to Berlin Nightlife: Auf geht’s in einen richtigen Club zum Abdancen. Zieh den heißesten Fetzen an, schwindelerregend hohe Schuhe und feiere mit massenweise Partyvolk, das zumeist entweder betrunken oder von anderen Substanzen benebelt ist, genieße die ohrenbetäubende Musik, freue Dich, dass es keine festgelegten Regeln gibt und party on bis morgen früh.

2. Ganz oder gar nicht: Kein Tango – wirklich gar kein Tango heißt die Devise. Da gibts auch keine Ausnahme. Nicht mal ein bisschen. Radikale Tangopause. Keine Tangomusik, kein Unterricht, keine Milonga, triff‘ Tangofreunde – wenn überhaupt – nur weit weg vom Tangosetting und wenn sie über Tango sprechen, halte Dir die Ohren zu und singe „Alle meine Entchen“.

3. Cocooning: Igel dich zuhause ein, nutze Dein Netflix-Abo bis zum Exzess. Kauf‘ den Buchladen um die Ecke leer und tauche in die Lektüre ab. Nimm‘ lange Vollbäder, mach‘ Schlafkuren und gönn‘ Dir ausgedehnte Schönheitspflege. Wer braucht schon Tango, wenn er*sie sich selbst genug sein kann.

4. Such‘ Dir ein Großprojekt, das all Deine Energie braucht: Renoviere Deine Wohnung, ziehe um, wechsle den Job, gründe eine Familie – mach‘ irgendwas, was Dich so in Beschlag nimmt, dass Du gar nicht mehr an Tango denken kannst.

5. Geh‘ ins Kloster/Ashram/Retreat: Wenn gar nichts mehr hilft, dann das, zumindest für eine Weile. Back to basics. Stehe um 4 Uhr morgens auf, bete, meditiere, koche, putze, kontempliere, ernte Gemüse, lausche Deinen Gurus, frage Dich nach dem Sinn des Lebens und gehe früh wieder ins Bett. Entsage jeglichem Luxus: Den 100en von Tangoschuhen, den hübschen Kleidchen, der Koketterie beim Auffordern. Keep it simple. Jeder Tag genau gleich. Wer wird dabei noch an Ochos denken. Und allen Männer-Frauen-Trouble bist Du damit auch erstmal los.

Soft-Version – Für Gemäßigte

6. Andere Mütter haben auch schöne…. : Yes, lenk‘ Dich ab. Tanz‘ mal was anderes. Swing, Zouk, Salsa… Gehe zu Ballettklassen – wolltest Du doch schon immer mal, oder? Trau Dich! Probiere freies Barfusstanzen, Trance Dance mit verbundenen Augen, Contemporary Dance oder Contact Improvisation.

7. Kontrollierter Entzug: Du kannst einfach nicht auf den Tango verzichten? Schwach Du bist… na gut, dann geh‘ halt zur Milonga, wenn Du gar nicht anders kannst. Triff‘ Dich mit Tango-Freunden, nimm‘ einen Drink, hab einen Plausch, lausche der Musik, tauche ein in die Atmosphäre – aber tanze nicht, auf gar keinen Fall. NIEMALS. Verstanden?

8. Perspektivwechsel: Same same, but different. Lerne die andere Rolle im Tango – das ist fast wie einen neuen Tanz lernen. Und sei konsequent. Tanze auch nur die andere Rolle, im Unterricht und auf den Milongas, zumindest für eine Weile. Keine Ausnahme. Solange bis Du der Sehnsucht nach der vertrauten Rolle nicht mehr widerstehen kannst.

9. Reise, reise, reise: „Ich brauch Tapetenwechsel, sprach die Tanguera….“ Tapetenwechsel hat noch niemandem geschadet. Suche Dir den nächsten Bahn-Sparpreis oder Billigflug und tauche ein in eine neue Tango-Welt. Lass Dich faszinieren, verzaubern, betören oder aber enttäuschen, verzweifeln, ernüchtern. Wie auch immer, du wirst mit neuem Blick zurückkommen.

Final Call – Nägel mit Köpfen

10. That’s it, I quit: Häng‘ die Tangoschuhe an den Nagel und mache dabei keine halben Sachen. Das war’s. Ein für allemal. Sei konsequent. Dein Tango-Ich ist Geschichte. Verkaufe Deine Tangokleider und -schuhe, trete aus allen Facebook-Tangogruppen aus, plane Deine nächsten Reisen, so ganz ohne Tango und freue Dich auf Dein neues tangofreies Leben. ….ähm… Du wirst doch jetzt keinen Rückzieher machen wollen, oder?

3 Kommentare zu „10 Strategien gegen die Tango-Krise

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  1. Ich denke, die Frage ist falsch gestellt und letztendlich unerheblich, denn es normal, dass das Thema Tango irgendwann erledigt ist, sich erledigt hat.

    Tango ist Psychotherapie. Nach Auffassung von Simone Schlafhorst, die gegenwärtig mit ihrem Buch Neurotango reüssiert,
    http://www.neurotango.de/das-buch.html
    finden die meisten Menschen den Weg zum Tango, da sie einen Verlust erlitten hatten. So schreibt sie, dass Verluste finanzieller und existenzieller Art, wie zB bei einer Scheidung, Tod eines Familienmitgliedes, Verlassen der Kinder des Elternhauses oder, wie aus der Historie des Tangos originär entstanden, bei der Immigration, zum Tango führen. „Hinter dem Verlassen des Heimatlandes stehen Verluste in extremem Maße, wie der Verlust der gewohnten Umgebung, in der man aufgewachsen ist, des Elternhauses, von Freunden, Familie und der landeseigenen Kultur. Des Essens, der Gerüche und Gebräuche, des Umgangs miteinander und der Vertrautheit in allen Dingen.“ Da die Urform des Trostes die archetypische Geste der Umarmung ist, entstand der Tango Argentino, der nichts andres als „Gehen in Umarmung“ ist.

    Die Tangotänzerin Maria Mondino führt hier in eurem Blog
    https://berlintangovibes.com/2018/06/29/berlin-tango-talks-maria-mondino/
    aus, dass „The embrace is absolutely healing. The embrace is the most powerful thing one can give to another human being. Absolutely healing. And there are many people who are in need of it.“

    So wird halt die Heilung eingetreten sein; beziehungsweise die Frau durch den Tango zu ihrer Weiblichkeit gefunden haben. Es besteht nun kein Anlass mehr für sie, weiterhin zu tanzen. Das Thema Tango hat sich erledigt. Es hat seinen Sinn erfüllt. Das war es.

    So wie ich es bislang mitbekommen habe, setzen viele Frauen für einen bestimmten Zeitraum, der sich auf mehrere Jahre erstrecken kann, mit dem Tango aus. Bis irgendwann mal wieder ein Anlass auftritt, der den Weg zum Tango bereitet.

    Daher gibt es sie doch gar nicht, die Tango Krise. Sie ist doch nur vorgeschoben. Vielmehr hat der Tango seinen Zweck erfüllt. Er wird (erstmal) nicht mehr benötigt.

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    1. Interessante Punkte, an denen sich auch was dran ist. Was ich persönlich als Tangokrise bezeichne, hat eher was mit Frustration und Unzufriedenheit zu tun und nicht so sehr mit dem Gefühl, dass der Tango seinen Zweck erfüllt hat oder gar „Heilung“ erfolgt ist. Das müsste sich dann eher wie „Mission erfüllt“, also Zufriedenheit anfühlen, oder nicht?

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      1. Sorry, ich habe gerade erst gesehen, dass du auf meinen Kommentar mit einer Frage reagiert hast. Gerne versuche ich deine Frage, inwieweit Heilung mit Zufriedenheit einhergeht, zu beantworten.
        Vorab, als ich gerade meinen obigen Beitrag gerade noch einmal durchlas, empfand ich ihn sehr apodiktisch. So starr ist er gar nicht gemeint. Es ist nur eine Möglichkeit, die zutreffen kann oder auch nicht zutreffen kann.
        In der Tangodanza 1/2019 hat Büssing den Ansatz von Schlafhorst doch eher zweifelnd kommentiert. Klar, er klingt schlüssig. Aber ob Tango tatsächlich die Kompensation von Verlusterlebnissen ist, das kann man auch anders sehen. Gerade in neuerer Zeit wird ja die Frage gestellt, was ist das, was den Tango nach vierzig Jahren Schlaf wieder zum Leben erweckt. Und das gerade in einer Stadt wie Berlin, die eher rau, schschmuddelig, proletisch, politisch korrekt und Singles dominiert ist. Gibt es da eine Sehnsucht nach Männlichkeit und Weiblichkeit, Elegancia und Abrazzos?
        Ich denke nicht, dass Heilung mit Zufriedenheit korreliert. Wahrscheinlich ist die Wirkung eher mit einem gefüllten Eimer zu vergleichen. Er ist nun voll und jetzt kann man sich anderen Aufgaben widmen. Es macht in unserer grundlegenden Beziehung zur Welt einen Unterschied, ob wir jemals erfahren haben, zufriedenstellend gehalten zu werden. Wenn wir unser Reservoir an Gehaltenwerden aufgefüllt haben, sind wir bereit für neue Aufgaben.

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