Was auf die Ohren

Ich bin geräuschempfindlich. Ist die Musik zu laut, raste ich aus. Dabei könnte ich es entspannt nehmen und froh sein so gut zu hören.

Mein neuestes Steckenpferd: Ich messe Dezibel. Mit meiner App für die Ohren.

Dezibel sind wie Keime: Die gibt es überall. Selbst das Grundrauschen in der Wohnung hat 40 davon. Da kann ich so viel putzen wie ich will. Mein Rekord: 102 Dezibel im Autobahntunnel in der sonst so ruhigen Schweiz.

In der App wird die Schmerzgrenze bei 90 Dezibel überschritten. Das entspricht dem Grundrauschen im Flugzeug, zum Beispiel von Berlin nach Köln. Aber ich vermute dem Flugzeug ist es egal, ob es über Stadt Land Fluss fliegt.

Mein neues Hobby hat nun auch den Tango entdeckt. Neulich auf einer Sonntagsmilonga hat der Gast-DJ so richtig in die Dezibelvollen gegriffen. Dagegen ist der Autobahntunnel nichts. Wieviel Dezibel? Es waren mindestens 93! Vor Schock griff ich statt nach der App nach meinen Ohrenschonern. Die lösen zumindest 34 Dezibel in Wohlgefallen auf.

Schon einmal ausprobiert, den Tango in Watte? Meine Erfahrung: Lasst es sein, totaler Quatsch, nimmt dem Tango den ganzen Inhalt. Und macht das Kennenlernen zwischen den Tänzen zu einer Vertuschungsaktion.

Noch mehr noch: Ist es nicht Frevel an der Kunst, an der Zeremonie? Ich sollte dafür von einem Tangoschiedsrichter abgepfiffen oder vom Tangoordnungsamt verwarnt werden. Ich bekenne mich schuldig und werde rot bis hinter die Ohren.

15 Kommentare zu „Was auf die Ohren

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  1. Ein sehr wichtiges Thema; schön, dass es hier auch noch einmal angesprochen wird. Möglicherweise regt sich jetzt hier Irgendjemand auf, aber ein Blick in die einschlägigen Arbeitsschutzrichtlinien ist hilfreich. Laut Berufsgenossenschaft muss ein Arbeitgeber ab eine Lärmbelastung von 80 dB (A) am Arbeitsplatz, dem Arbeitnehmer Gehörschutz verfügbar machen. Eine dauerhafte Exposition von über 80 dB (A) schädigt das Gehör irreversibel (das gilt interessanterweise übrigens auch für Musiker in Sinfonieorchestern). Deswegen sollte man das Problem nicht verhamrlosen.
    Wenn ich auflege, dann läuft bei mir immer eine Geräuschmessung (mit entsprechender Aufsummierung) mit.
    Ein Tipp zum Gehörschutz: Die kleinen einfachen Ohrstöpsel lassen sich mit einer Haushaltsschere verkleinern und damit dämpfen sie entsprechend weniger. Ich habe immer Ohrstöpsel dabei – notfalls werden sie durch Verkleinerung entsprechend entschärft.

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    1. Vielleicht kann man ja die Dezibel-App um eine Funktion analog einem Strahlen-Dosimeter erweitern. In die Milonga kommt nur rein, wer seine wöchentliche oder jährliche Lärmdosis noch nicht erreicht hat. Dann wiederum – ich habe mal gelesen, daß Tanzen Streß durch hohe Lautstärke abbaut (okay, wohl nicht den physiologischen Teil). Daher noch ein praktischer Vorschlag: Gebt dem TJ so ein „Ordnungsruf-Hämmerchen“. Zu benutzen, wenn mal wieder der Unterhaltungs-Geräuschpegel lauter ist als die Musik.

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      1. Weil der Hammer der Hammer wäre, ist als charmante Alternative die Silent Milonga entstanden. Das Tango-Schweigegelübde!

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  2. Schön geschrieben 😉
    Ich hab in den letzten Jahren beobachtet, dass die Lautstärke extrem veranstaltungs- und stilabhängig ist. Auf vielen guten Encuentros peilen die DJs so um die 70-75 Dezibel an. Selbiges gilt nach empirischen Beobachtungen für Communities, die eher in Richtung Milonguero tendieren. Sobald man sich die gängigen Marathons oder Festivals anguckt oder sich in Tango Salon Gegenden rumtreibt, bekommt man normal 80 bis 86 Dezibel auf die Ohren. Mit der Ausnahme von italienischen DJs, da dürfen es auch gerne Mal 90 bis 95 sein 😩. Das schlimmste hab ich allerdings in Buenos Aires im El beso bei einer Milonga von Hector und seiner Frau erlebt … Satte 97 Dezibel über sehr lange Zeit und mit einer Tonanlage unter aller Kanone …

    Ich hab immer ein paar Ohrenstöpsel dabei.. wichtig ist dabei, dass die eine lineare Dämpfung haben sollten ohne Tonverzerrung – gibt’s so halt speziell für Musiker. Dann kann man immer entspannt tanzen 😏.

    Ich persönlich hab – wenn ich auflegen – auch immer ein Messgerät dabei, fühle mich bei 70 Dezibel am wohlsten und versuche, deutlich unter 80 zu bleiben. (Was bei einigen Veranstaltern garnicht so einfach ist…)

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  3. Ich möchte davor warnen Handy-Apps zur Messung von Schallpegeln zu verwenden. Da die Empfindlichkeit der Handy-Mikrofone nicht standardisiert ist und eine Kalibrierung ohne genormte Schallquelle nicht möglich ist, sind entsprechende Apps nur Spielzeug und noch nicht mal für eine grobe Schätzung geeignet.Die Messung geht nur mit einem entsprechenden Messgerät.

    Vorab für die, die nicht mit der Messung von Geräuschpegeln vertraut sind: Es wird ein aus mehreren Frequenzen zusammengesetzter unterschiedlich gewichteter Mittelwert gemessen, der sich an der Hörphysiologie des Menschen orientiert. Das nennt sich db(A) und ist eine logarithmische Skala. Das (A) steht für die Bewertung. 3 db(A) bedeuten eine Verdoppelung der Lautstärke.

    Für Veranstaltungen wie eine Milonga gilt die DIN 15905-5, in der 99 db(A) als Obergrenze vorgegeben sind. 135 DB(A) (!) dürfen zu keinem Zeitpunkt überschritten werden.

    Bei diesen Werten wird für die Zeit einer Milonga auf keinem Fall eine Gehörschädigung eintreten. Nach meiner Erfahrung liegen auch praktisch alle MIlongas deutlich unter diesen Werten, nur Rock und Heavy-Metal Freunde beschweren sich über die Grenzwerte der DIN. Das Problem bei Milongas sind eher der schlechte und verzerrte Sound der Anlagen und/oder eine miserable Lautsprecheraufstellung im Raum. Ein Teil der Probleme resultiert auch aus dem schlechten Frequenzgang und der geringen Dynamik der 70 Jahre alten Aufnahmen. Das tut dann „weh“ zu hören, bedeutet aber noch keine Hörschädigung. Mit 80 db(A) Schallpegel wird man keine vernünftige Milonga durchführen können, das wäre dann nur Hintergrundmusik.

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    1. Das regt die Frage an, was frau oder man noch alles auf Milongas messen könnte? Die Luftfeuchtigkeit zum Beispiel. Oder die Co2-Konzentration. Ist es vermessen euch um eure absurdesten Ideen zu bitten?

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  4. Hmm, was kann man noch messen? CO2 ist schwierig, der Prozentsatz ändert sich nur minimal.

    Interessant wäre die gefühlte Temperatur. Die setzt sich zusammen aus der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit und der Windgeschwindigkeit. Die Windgeschwindigkeit kann man bei einer Milonga eher vernachlässigen. Aus der gefühlten Temperatur kann man dann zusammen mit dem individuellen Schwitzkoeffizienten eine wichtige Größe berechnen: den Hemdenverbrauch in der Einheit Hemd/Tanda [H/T]. Einen Verbrauch von 0,25 H/T würde ich noch als normal beurteilen. Ab 1 H/T wird es kritisch, dann müsste ich eine Tanda unhöflicherweise vorzeitig beenden. Wäre aber auch eine gute Ausrede – sorry, ich habe gerade 1,34 HT…

    Eine andere interessante Neuerung wäre eine Erfassung der Kennwerte wie beim Sport: Anzahl Fremdberührungen, verwandelte Synkopen, getroffene Phrasenenden, Quote der erkannten Pausen usw. Dabei könnte man auch eine 2 Tanda Zeitstrafe einführen. Und einen Siebenmeter: 7m freie Tanzfläche für eine Cadena. Am Ende gibt es dann eine Rangliste und der Player of the Game ähh Dancer of the Milonga wird geehrt.

    Ok, ok, es ist spät und eben gab es Handball.

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  5. Oj weh – Biagi und die Windgeschwindigkeit. Liebe berlintangovibes – welch Büchse der Pandora droht sich da zu öffnen!

    Eigentlich wollte ich bei der Frage spontan und naiv eine kleine Feldstudie zum Thema „Konvektive Kühlung im Tango Argentino unter Berücksichtigung der klassischen Orchester“ vorschlagen. Dazu hätte bei der nächsten Milonga jeder flashmobartig einen Windmesser in der linken Hand des Führenden halten können. Das Ergebnis hätte wundervoll zum Pool des unnützen Wissens der Menschheit beigetragen.

    Dann wurde mir jedoch schlagartig klar welch grauenhaften Konsequenzen das hätte. Ich sehe schon, wie die Tango-Trolle sich in ihren Schützengräben einrichten und ahne das qualvolle Flächenbombardement der Argumente: die Windgeschwindigkeit und Kühlung als Begründung für das Überholen in der Ronda. Das Problem der niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeit der Ronda in einer Tradilonga. Erfordert das fiebrige Zappeln in einer Neolonga nicht zwingend eine offene Umarmung zur Kühlung? Sind DiSarlis Melodien und eine enge Umarmung nicht ideal für einen harmonischen und gleichmäßigen Luftfluss um die Körper? Genauso wie die sanften Rechts- und Linksschwünge des Tango de Salon, erinnern die nicht an das Schwingen eines Ventilators? Und die rhythmische Musik der Guardia Vieja und der Tanzstil mit viel Gehen – erhöht der nicht die Geschwindigkeit der Ronda? Die Alten wussten doch noch, was sie taten. Und Piazzolla – ist der nicht kühlungstechnisch durch Reibungswärme eine Katastrophe und kann schon allein deshalb nicht ohne bleibende Hirnschäden durch Überhitzung getanzt werden? Und überhaupt – gab es in Argentinien in der Militärdiktatur nach der EdO Zeit nicht sowieso eine Eiszeit, die jede Kühlung auf einer Milonga unnötig machte? Und, und, und…

    Aus! Aus die Maus! Hier hilft nur ein Machtwort: Schluss mit dem Thema. Wir definieren jetzt einfach ingenieursmässig die Windgeschwindigkeit als unerheblich und lassen die Büchse zu.

    Zum Abschluss – frei nach Struwelpeter – der aussagekräftige Kommentar eines Argentiniers zu dem Thema: Und der Porteno blicket stumm auf der Tanzfläche herum.

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